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Simbabwe
Seite 4: Gesellschaft, Kultur & Religion

Sozialstruktur

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Wasser ist ein knappes Gut
© Environment Africa































































Leere Regale in den LädenFoto: © SPT































































© Environment Africa












Die Bevölkerung

In Simbabwe leben knapp dreizehn Millionen Menschen. Die Aufteilung der Bevölkerung nach Rassen - wie zur Kolonial- und Siedlerzeit - wurde bald nach der Unabhängigkeit fallen gelassen. Das Bevölkerungswachstum ist seit Mitte der 80er Jahre aufgrund der AIDS-Pandemie drastisch zurückgegangen und beträgt seit den 90er Jahren nur noch etwa 0,5 Prozent. Etwa 45% der SimbabwerInnen sind unter 15 Jahren. Die Bevölkerungsdichte betrug 2002 32/km. Aufgrund der starken Migration aus Simbabwe, vor allem in die Nachbarländer und nach Europa, leben heute schätzungsweise nur noch 8-9 Millionen Menschen im Land. Es wird vermutet, dass etwa 3 Mio. SimbabwerInnen aus wirtschaftlichen oder politischen Gründen das Land verlassen haben. Etwa 2 Mio. von ihnen sollen sich allein Südafrika aufhalten, viele davon illegal.

Ethnizität und Sprachen

Rund 97 Prozent der Bevölkerung sind AfrikanerInnen. Die afrikanische Bevölkerung ist ethnisch und kulturell-linguistisch weniger stark differenziert als in den meisten anderen afrikanischen Staaten. Die weiße Bevölkerung wird heute auf etwa 70.000 geschätzt. Sie ist zumeist britischer Herkunft. Die asiatische Bevölkerung stammt von Nachkommen indischer Einwanderern ab, die nach Beginn der Kolonisation als Händler ins Land kamen. Sie unterhalten enge Verbindungen zur indischen Gemeinschaft im östlichen und südlichen Afrika und bilden eine relativ abgeschlossene Gruppe, die ihre traditionellen religiösen und sozialen Wertvorstellungen pflegen. Die Mischlinge stammen überwiegend aus Mischehen, die in der ersten Zeit der europäischen Besiedlung geschlossen wurden.

Bei der afrikanischen Bevölkerung lassen sich zwei große Sprachgruppen unterscheiden. Etwa 75 Prozent zählen zum Kulturkreis der Shona, der verschiedene Dialekte der Shona-Sprache (Karanga, Zezuru, Manyika, Ndau, Korekore) umfasst. 18 Prozent gehören den Ndebele oder Matabele an. Andere kleine Sprachgruppen sind die Tonga im Zambezi-Tal, die Shangaan im Südosten im Grenzbereich zu Mosambik sowie die Sotho und Venda im Süden im Gebiet des Limpopo-Tals. Shona und Ndebele sind Schriftsprachen und werden auch in der Schule gelehrt. Sie sind neben Englisch offizielle Landessprachen.

Ethnizität im heutigen Simbabwe ist durch den institutionalisierten Rassismus der Siedlerherrschaft geprägt worden. Grundlegende Menschenrechte und alltägliche Lebensbedingungen wurden entlang rassischer Zugehörigkeit und Hautfarbe definiert. Der koloniale Staat hat gezielt durch erwzungene Tribalisierung und Unterdrückung städtisch-ländlicher Kontakte die Organisation gesellschaftlicher Interessen der schwarzen Bevölkerung unterminiert. Dagegen wandten sich die nationalistischen Bewegungen der Schwarzen, die im Befreiungskampf den weißen Rassismus als Feindbild nutzten. Nach der Unabhängigkeit stand die Bildung eines nationalen Staates im Vordergrund, aber Staatsbürgerschaft und Versöhnungspolitik bewegten sich weiterhin in einem Spannungsverhältnis mit ethnischen Konfliktlinien. Die politische Basis von ZAPU und ZANU war nicht zuletzt ethnisch definiert und im Gukurahundi wurde überwiegend die Ndebele-Bevölkerung Opfer einer Shona-dominierten Armee. Nach 2000 wurde das alte Feindbild der Weißen = Kolonialisten von der politischen Propaganda wiederbelebt. In der gegenwärtigen Situation der politischen Polarisierung scheint im Verständnis der ZANU von der simbabwischen Nation kein Platz zu sein für politische Gegner und Minderheiten. Letztere werden ausgegrenzt, seien es die Mischlinge oder die Farmarbeiterfamilien, von denen viele ursprünglich aus Nachbarländern stammen. Für Aufregung sorgte vor einiger Zeit der hohe ZANU-Funktionär und alte Weggefährte Mugabes, Didymus Mutasa, als er behauptete, Simbabwe käme mit 6 Millionen Menschen der regierenden Partei besser klar und würde die anderen, zusätzlichen Menschen nicht gebrauchen.

Soziale Lage

Die wirtschaftliche und soziale Lage der meisten SimbabwerInnen ist sehr schwierig. Die Folgen der Fast-Track Landreform, hohe Arbeitslosigkeit, politische Gewalt, Knappheit an Grundnahrungsmitteln, Hyperinflation, Dürreperioden und HIV/AIDS haben die Belastbarkeit der Menschen überstrapaziert.

Auf der Suche nach etwas Verwertbaren auf einer wilden Müllkippe / © Foto: Environment Africa

2002 waren nur noch 40% der arbeitsfähigen Bevölkerung im formalen Sektor beschäftigt, inzwischen ist die Zahl weiter drastisch geschrumpft. Die Operation Murambatsvina hat 2005 zusätzlich die Lebensgrundlage von hunderttausenden Familien zerstört, die in der informellen Wirtschaft ein prekäres Einkommen fanden. Über 100.000 Menschen verdingen sich heute als illegale Goldwäscher, viele von ihnen ehemalige Farmarbeiter oder informelle Händler. Viele Menschen können sich nur dank der Überweisungen ihrer Verwandten aus dem Ausland über Wasser halten.

Mehrheitlich leben die SimbabwerInnen immer noch von der kleinbäuerlichen Landwirtschaft. Nur ein kleinerer Teil war in Industrie und Handwerk formell beschäftigt. Die Mittelschicht von KleinunternehmerInnen und vor allem Angestellten im öffentlichen Dienst (Erziehungs- und Gesundheitswesen, Verwaltung) gehört größtenteils zu den Leidtragenden der wirtschaftlichen Krise. Über lange Zeit hat die weiße Minderheit das größte Eigentum an Land und in der Industrie besessen. Schon vor 2000 hat sich eine neue schwarze Wirtschaftselite (Pajero Club) herausgebildet, die mit der Regierungspartei eng verwoben ist. Eine kleine Schicht, die eigentlichen Profiteure der Krise, hat mit dem Devisenhandel und anderen (oft illegalen) Geschäften sogar einen immensen Reichtum angehäuft. So prägen heute bettelnde Kinder an den Fenstern brandneuer Luxusautos das Straßenbild, und während auf der einen Seite von Harare in den Armenvierteln die Cholera grassiert, entstehen auf der anderen Seite der Stadt Riesenvillen. Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander. Vom Zusammenbruch öffentlicher Dienstleistungen sind beide Wohngebiete betroffen, Stromausfälle und Wasserknappheit sparen auch Reichenviertel nicht aus.

Stadt und Land

65 Prozent der Bevölkerung leben auf dem Land. Das ist viel für ein Land mit einer relativ starken Industriestruktur und gemessen an Nachbarstaaten wie Sambia oder Südafrika, wo mehr als die Hälfte der Bevölkerung in den Städten wohnen. Die Lebenswelten von Stadt und Land unterscheiden sich auch heute noch erheblich, wie man anschaulich in einem Essay des Schriftstellers Chenjerai Hove über eine Besuch im Heimatdorf nachlesen kann.
Die räumliche Trennung zwischen ehemals weißen Low density - und schwarzen High density - Wohngegenden in den Städten ist mehr oder weniger bestehen geblieben, nur residiert heute die schwarze Mittel- und Oberschicht ebenfalls in den Reichenvierteln. In den Communal Lands wohnen die meisten Menschen in Lehmhütten oder Ziegelhäusern, die traditionell mit Stroh gedeckt sind oder heute Wellblechdächer besitzen.

Jugendliche auf dem Land träumen vom Auto und der Stadt
Foto: T. Fett

Verwandtschaftsbeziehungen

Fast alle Stdtbewohner besitzen noch ein rural home, in dem Verwandtschaft lebt. Jede Simbabwerin und jeder Simbabwer ist eingebunden in ein Verwandtschaftssystem, das seine soziale Umwelt bildet. Heirat zwischen Verwandtschaftsgruppen sichert Existenz und Fortbestehen der Familie. Traditionell sind alle ethnischen Gruppen außer den Tonga in Simbabwe patrilinear, d.h. die Abstammung ist durch die männliche Linie bestimmt. Die meisten Ehen werden anch dem traditonellen Recht geschlossen, das Polygamie erlaubt. Für Männer ist es normal, mehrere Frauen und auch außereheliche Sexualkontakte zu haben (ein großer Risikofaktor in Zeiten von AIDS). Die Zahlung eines Brautpreises, der Lobola, an die Familie der Frau, ist selbst in der urbanen Lebenswelt noch üblich. Hier wird nicht mehr mit Vieh sondern mit Geld gezahlt und Städter beschweren sich inzwischen darüber, dass die Hyperinflation auch die Lobola erfasst hat.

Nur durch Heirat kann die Frau sozialen Status und Zugang zu Land bekommen, sie ist aber abhängig vom Mann, der als Haushaltsvorstand das Sagen hat. Durchschnittlich leben knapp 5 Personen in einem Haushalt. Innerhalb der Gemeinschaft gehören Verwandtschaftsgruppen verschiedenen Totems an, wodurch ihre Beziehung untereinander bestimmt wird. Dabei spielt die Abstammung eine wichtige Rolle für den sozialen Status und den Zugang zu lokalen Entscheidungsinstanzen. Traditionelle Führer, die Chiefs, erlangen ihre Position aufgrund ihrer Abstammung und nicht aufgrund ihrer Eignung. Sie werden vom Kreis der Ältesten beraten. Dabei spielt das Senioritätsprinzip auf allen gesellschaftlichen Ebenen, auch in sogenannten modernen Lebensbereichen, eine entscheidende Rolle. So wird selbst Thabo Mbeki's vorsichtige Diplomatie gegenüber Simbabwe oft mit Mugabe's Seniorität begründet.

Ernährung

Mais ist das Hauptnahrungsmittel in Simbabwe. Aus dem Maismehl wird Sadza hergestellt, der Hauptbestandteil der täglichen Diät. Es wird traditionell mit Blattgemüse Erdnuß- oder Tomatensauce gegessen. Am Wochenende oder an Festtagen gibt es ein Stück Fleisch dazu. Reis und Hirse werden ebenfalls zur Eigenversorgung angebaut sowie eine Vielzahl von Gemüse- und Obstsorten - je nach örtlichen Bedingungen. Angereichert wird der Speiseplan in ländlichen Gebieten mit Wildpflanzen und Proteinträgern wie z.B. Termiten oder Mopanewürmern.

Gender

Gleichstellung

Die Gleichstellung der Frau im gesellschaftlichen Leben ist eine der großen Herausforderungen der simbabwischen Regierung seit der Unabhängigkeit. Die Rolle der Frauen war und ist tief in den patriarchalischen Traditionen und Strukturen verankert. Ihre Arbeit war hoch geschätzt, veranwortliche Positionen konnten sie jedoch nicht erreichen. Auch die Kolonialherren und das Siedlerregime hatten kein Interesse an einer Emanzipation der Frau. Erst mit der Verabschiedung

Drei weise Frauen mit Geschenken /© Chaz Maviyane-Davies

des Volljährigkeitsgesetzes 1982 erhielten Frauen die Mündigkeit. Heute ist die Frau gesetzlich gleichgestellt. Sie hat Anspruch auf gleichen Lohn bei gleicher Arbeit, Gleichbehandlung bei Einstellungen und Beförderungen und auf Mutterschaftsurlaub, wenngleich es bei der praktischen Umsetzung oft noch hapert. Die internationale Frauenrechts-Konvention hat die simbabwische Regierung bis heute nicht unterzeichnet. Einen ersten Bericht über den Stand der Gleichstellung hat die Convention on Elimination of All Forms of Discrimination against Women (CEDAW) der Vereinten Nationen 1998 vorgelegt. Frauen der Mittel- und Oberschicht sind in Staat und Wirtschaft zwar in wichtigen Personen vertreten, aber deutlich unterrepräsentiert. In Parlament und Regierung haben Frauen mit elf Prozent eine geringere Quote, als die regionale Entwicklungsgemeinschaft SADC (Southern African Development Community) für ihre Mitgliedsstaaten fordert.

Rolle der Frau

Eine Frau neben einem Mann wird in der öffentlichen Wahrnehmung immer noch dem Mann nachgeordnet, wie die kleine Restaurant-Episode von Chenjerai Hove anschaulich schildert. Vor allem auf dem Lande wird die Rolle der Frau vornehmlich von traditionellen gesellschaftlichen Vorstellungen bestimmt. Bildungschancen für Mädchen sind geringer; vor allem dann, wenn das Geld knapp ist, wird zuerst dem Jungen ein Schulbesuch ermöglicht. Vor allem im Erbrecht sind Frauen benachteiligt, das Erbe des Ehemanns geht nach traditionellem Recht an seine Verwandtschaft. Nicht unüblich ist das Los von Witwen, die von männlichen Verwandten ihre Mannes als Teil des Erbes angesehen werden. Aufsehen erregt hat der Film Neria, der diese Problematik basierend auf einer Novelle der bekannten Schriftstellering Tsitsi Dangarembga, zum öffentlich Thema gemacht hat. 1999 haben die Frauenrechte einen Rückschlag erlitten durch eine Entscheidung des Supreme Court in einem Erbschaftsfall, die die Gleichberechtigung mit Verweis auf kulturelle Normen in Zweifel stellte. Bis heute gibt es in Simbabwe kein Gesetz gegen sexuelle und häusliche Gewalt, der Frauen in besonderem Maße ausgesetzt sind. FrauenrechtlerInnen machen patriarchale Grundstrukturen der Gesellschaft für die fortgesetzte Unterdückung von Frauen verantwortlich.

Frauenbewegung

Selbsthilfegruppen von Frauen, vor allem auf dem Land, haben eine lange Tradition. In Sparclubs oder Kooperativen helfen sie sich gegenseitig bei häuslichen Problemen und verschaffen sich ein zusätzliches Einkommen durch wirtschaftliche Aktivitäten. Die Wurzeln mancher bekannten Frauenorganisation wie Jekesa Pfungwa reichen in die Kolonialzeit zurück. Daneben haben sich neuere Frauenorganiationen gegründet wie die Women's Action Group, das Zimbabawe Women's Research Centre and Network und Women and Law in Southern Africa, die sich für Frauenrechte und Gendergerechtigkeit einsetzen. International bekannt geworden ist Women of Zimbabwe Arise (WOZA), die sich mit öffentlichen Aktionen gegen repressive Gesetze und die Verschlechterung der Lebensbedingungen von Frauen wendet.

Bildung









Umwelterziehung in der Schule
© Environment Africa












Simbabwe hat aus der Kolonialzeit ein Erziehungswesen geerbt, das einseitig die weiße Schicht bediente und die schwarze Mehrheit ausschloß. Die Regierung hat in den 80er Jahren dieses Ungleichgewicht durch massive Investitionen in den Bildungssektor ausgeglichen. Landesweit wurden Primar- und Sekundarschulen gebaut und tausende von LehrerInnen ausgebildet. Neben den staatlichen Schulen gibt es noch ein Netz von Privatschulen, die allerdings nur Kindern aus gehobenen Schichten offen stehen. Die Grundschulausbildung dauert 7 Jahre, die Sekundarschule kann nach vier Jahren mit dem 0-Level oder nach sechs Jahren mit dem A-Level abgeschlossen werden. Die meisten SchülerInnen beginnen nach dem O-Level eine technische bzw. handwerkliche Ausbildung oder suchen einen Arbeitsplatz. Das A-Level-Zertifikat berechtigt zum Besuch der Universität. Simbabwe besitzt 16 Universitäten und Colleges. Die drei größten sind die University of Zimbabwe in Harare, die National University of Science and Technology in Bulawayo sowie die Africa University in Mutare, die sich in methodischer Trägerschaft befindet.

Schon Mittte der 90er Jahre konnte Simbabwe einen Alfabetisierungsgrad von 90% vorweisen und lag damit über den meisten afrikanischen Ländern. Simbabwe ist bekannt für seine gute Ausbildung und gerade in qualifizierten Berufen werden SimbabwerInnen auch in den Nachbarländern gerne beschäftigt. Der brain drain von gut ausgebildeten SimbabwerInnen hat nach 2000 rapide zugenommen und betrifft alle Sektoren, Wirtschaft und Verwaltung ebenso wie das öffentliche Gesundheitswesen. Es wird vermutet, dass in England mehr ÄrztInnen und Krankenschwestern arbeiten als im Land selbst.

Das Erziehungswesen leidet sehr unter der Wirtschaftskrise. Die staatlichen Mittel sind stark zurückgegangen, es fehlen Lehrmittel, Schulgebäude werden nicht mehr unterhalten und das Lehrpersonal streikt immer wieder für eine Erhöhung der kargen Gehälter. Seit 1988 hat die Regierung schrittweise wieder Schulgebühren eingeführt, die heute so hoch sind, dass viele Eltern ihre Kinder nicht mehr zur Schule schicken können. Im laufenden Jahr waren die Schulen so häufig geschlossen, dass die Lehrergewerkschaft inzwischen von einem Kollaps des Schulsystems spricht.

Gesundheit und Sozialwesen

Gesundheitsversorgung

Das ehemals gut ausgebaute Gesundheitssystem kann heute die Versorgung der Bevölkerung nicht mehr gewährleisten. Wurden unter dem Strukturanpassungsprogramm die Gesundheitsausgaben schon massiv gekürzt, so verschlechterte sich die Lage in den letzten Jahren noch einmal drastisch. Nach einer Studie der UN haben etwa die Hälfte der ÄrztInnen das Land verlassen, 900 sind übrig geblieben, das macht ein Arzt für ca. 13.500 Menschen (in Deutschland ist das Verhältnis 1: 365). Medizinisch-technische Ausrüstung und Medikamente können aus Geldmangel oft nicht mehr eingekauft werden. Viele staatliche Kliniken auf dem Land, aber auch in zunehmendem Maße Missionskrankenhäuser können PatientInnen nicht mehr versorgen. Inzwischen haben auch große Krankenhäuser in Harare und Bulawayo ganz oder teilweise dicht gemacht. Besonders betroffen sind schwangere Frauen, die vor geschlossenen Kreißsälen stehen. In Harare soll es kaum noch funktionsfähige Wiederbelebungsgeräte geben und Dialysepatienten in ganz Matabeleland finden keine lebensnotwendigen Apparate mehr. Krankheiten wie Cholera, Malaria und TB nehmen zu.
Neben dem modernen System bilden die traditionellen Heiler einen weiteren Pfeiler der Gesundheitsversorgung. Sie sind in der Zimbabwe National Traditional Healers Association (ZINATHA) zusammengeschlossen.

Zephania Tshuma: Man talking with Aids worm/ Foto:issa

HIV/AIDS

Nach Angaben des UNDP sind 24,6 Prozent der Bevölkerung Simbabwes von der Immunschwäche HIV/AIDS betroffen. Die durchschnittliche Lebenserwartung ist dramatisch gesunken und liegt heute bei 35 Jahren. 80% aller jugendlichen Infizierten sind Frauen. 70% aller Krankenhausbetten werden inzwischen von AIDS-PatientInnen belegt. Pro Jahr fordert die Pandemie 100.000 Menschenleben, die Tendenz ist steigend. Prognosen sprechen von voraussichtlich 4,2 Mio. AIDS-Toten zwischen 2000 und 2015. Die Pandemie hat verheerende Folgen für die simbabwische Gesellschaft. Es sterben vor allem Menschen im arbeitsfähigen Alter zwischen 15 und 50 Jahren, sodass in manchen Dörfern nur Alte und Kinder übrig bleiben. Nach Angaben des National Aids Council ist die Zahl von Kindern geführter Haushalte zwischen 2002 und 2005 von 50.000 auf 318.000 hochgeschnellt. AIDS wird einerseits als eine der Ursachen für die wachsende Hungersnot verantwortlich gemacht, andererseits beschleunigen Unterernährung und Armut den Krankheitsverlauf.
Ausführlich berichten zu HIV/Aids in Simbabwe UNAIDS, der Global Fund, der einer der wichtigsten Finanziers zur Bekämpfung von AIDS geworden ist, und das Informationsnetzwerk Safaids. Umfassende Daten zum Gesundheitswesen, zu verbreiteten Krankheiten, medizinischer Versorgung u.a. gibt die Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Kultur













Der Schriftsteller Charles Mungoshi bei einer öffentlichen Lesung
Foto: Flora Veit-Wild/issa



































Tuku Music - Plattencover von Oliver Mutukudzi
© Chaz Maviyane-Davies















































Weya Painters: Hunting Scene
Foto: Hein Möllers/issa

Literatur

Die meisten Volksgruppen in Simbabwe besitzen eine reiche orale Tradition von Märchen und Erzählungen, Liedern und Spottversen. Sie dienen der geschichtlichen Überlieferung zwischen den Generationen, der Weitergabe sozialer Normen und kultureller Werte. Diese orale Tradition wurde im Rahmen der Missionierung und Kolonisierung ausführlich erforscht. Sie lebt bis heute fort trotz der Verbereitung schriftlicher literarischer Formen.

Erst mit der Ausweitung der allgemeinen Schulbildung in den 1950er Jahren begannen auch AfrikanerInnen mit der Veröffentlichung von Erzählungen und Gedichten in den Hauptsprachen Shona und Ndebele. Mit der Unabhängigkeit entfaltete sich das literarische Leben stärker. Die Romane und Erzählungen setzten sich anfangs vor allem mit dem Befreiungskampf auseinander, griffen dann aber immer stärker zeitgenössische Themen auf, oft in kritischer Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Entwicklung in Simbabwe. Stilistisch orientieren sich die Englisch schreibenden Schriftsteller und Schriftstellerinnen vornehmlich an der klassischen und modernen europäischen Literatur, während die in den heimischen Sprachen schreibenden Autorinnen und Autoren traditionelle Erzählformen aufgreifen. Unter den neueren Autoren haben der früh verstorbene Dambudzo Marechera, Chenjerai Hove, Charles Mungoshi, Shimmer Chinodya, Tsitsi Dangarembga und die im April 2005 verstorbene Yvonne Vera auch international Anerkennung gefunden. Viele ihrer Werke wurden auch ins Deutsche übersetzt. Zunehmend kritischer setzen sich Literaten wie der Dichter Chirikure Chirikure mit dem politischen System auseinander. Wenige weiße AutorInnen aus Simbabwe sind international bekannt. Eine Ausnahme ist die Literaturnobelpreisträgerin Doris Lessing, die in mehreren Romanen ihre Jugendzeit in Rhodesien aufgearbeitet hat. Der Journalist Peter Godwin wurde durch seinen Roman Mukiwa bekannt, der seine Kindheit und Jugendzeit während des Krieges in den 70er Jahren beschreibt.

Simbabwe bietet gemessen an den anderen afrikanischen Ländern gute Veröffentlichungsmöglichkeiten. Neben dem Zimbabwe Literature Bureau, das vornehmlich in Shona und Ndebele publiziert, sind vier weitere Verlage zu nennen: die College Press, das Zimbabwe Publishing House, die katholische Mambo Press und der Verlag Baobab Books. Die Autoren und Autorinnen haben sich in Schriftstellerverbänden organisiert wie die Zimbabwe Writers Union, oder die Zimbabwe Women Writers, die die literarische Kreativität von Frauen fördert. Seit 1983 findet jedes Jahr in Harare eine Buchmesse, die Zimbabwe International Book Fair statt. Sie ist bisher die einzige Buchmesse in Afrika südlich der Sahara, die einen internationalen Charakter entwickelt hat. Wie alle anderen Sektoren leidet auch die Verlagsindustrie unter wirtschaftlichen Schwierigkeiten. In den früher gut bestückten Buchläden steht man heute oft vor leeren Regalen.

Theater

Eine Theaterkultur abseits der klassischen britisch-europäischen Formen, die auch traditionelle afrikanische Theaterformen aufgreift, entwickelt sich erst langsam. Das Zimbabwe Publishing House sucht die Afrikanisierung des Theaters mit der Veröffentlichung von Stücken zu fördern. Mischformen europäischer und afrikanischer Formen sind beim Publikum sehr beliebt. Die Theatergruppe Amakhosi aus Bulawayo hat die unterschiedlichen Formen zu einem neuen Stil entwickelt. Sie ist die einzige Gruppe, die auch kommerziell erfolgreich ist und auf staatliche Unterstützung verzichten kann. Vielleicht kann sie auch deshalb aktuelle Entwicklungen kritisch aufgreifen. Eine neuere Theaterszene besteht aus künstlerischen Gruppen wie dem Patsime Trust, die Theater als Medium für Aufklärung und Erziehung z.B. im Kampf gegen AIDS nutzt.

Musik

Die Musikszene in Simbabwe ist lebendig. Das betrifft vor allem die Rockmusik, die sich Stilelemente aus der Karibik angeeignet und afrikanisiert hat. Musiker wie Thomas Mapfumo und Oliver Mtukudzi sind die unbestrittenen Stars der simbabwischen Rockmusik, die ihre Musik auch als politisches Ausdrucksmittel verstehen. Aus der Zeit des Befreiungskrieges hat sich für diese Art Text und Musik in Anlehnung an den anti-kolonialen Widerstand die Bezeichnung Chimurenga-Pop eingebürgert. In ihren Texten greifen sie immer wieder kritisch politische Themen auf. Das hat dazu geführt, dass Mapfumo's Lieder in den öffentlichen Medien nicht mehr gespielt werden - wie schon in der Kolonialzeit, als seine Musik verboten war. Unter dem Stichwort der patriotischen Kultur werden inzwischen MusikerInnen gefördert, die Loblieder auf Regierung und Präsidenten singen.
Auch die traditionelle Musik hat sich weiter entwickelt und neue Ausdruckformen gefunden. Vor allem die Musik auf dem Daumenklavier mbira hat in den letzten Jahren in Europa viele Freunde gefunden. In Deutschland, Östereich und der Schweiz werden von der maridzambira Virginia Mukwesha Mbira-Kurse angeboten.

Chapungu Skulpturenpark/ Foto:R. Fett

Bildende Künste

Die bildenden Künste werden in Europa und Nordamerika in erster Linie mit den Steinskulpturen aus Simbabwe in Verbindung gebracht. Sie knüpfen an die traditionelle Bildhauerei an, deren Kunstwerke meist für rituelle Handlungen hergestellt wurden. Due neuere, modernen Bildhauerei wurde in den 50er Jahren durch die Ausbildung von KünstlerInnen im bekannten Künstler-Dorf Tengenenge gefördert. Künstler wie Henry Munyaradzi und Bernhard Takawira wurden berühmt und haben eine ganze Generation jüngerer BildhauerInnen motiviert. Einige von ihnen, wie Coleen Madamombe und Dominic Benhura, sind heute international bekannt.

Die neue Formensprache simbabwischer Skulpturen findet auch Ausdruck in anderen Materialien wie Holz. Einzigartig sind die "Karrikaturen in Holz" von Zephania Tshuma, dessen Kunst nach seinem Tod von anderen Familienmitgliedern weitergeführt wird. In der Malerei sind simbabwische Künstler bisher weniger bekannt. Die moderne Malerei ist eine Domäne weißer Kunstschaffender. Verbreiteter dagegen ist eine Stilrichtung der naiven Malerei, in der Szenen des Alltags verarbeitet und kommentiert werden. Im Weya Communal Land wurde vor 20 Jahren ein Kunst-Projekt mit örtlichen Frauen gestartet, das heute unter dem Namen Weya-Art über die Landesgrenzen hinaus bekannt ist.

Religion













Gedenkprozession für Opfer politischer Gewalt, Bulawayo 2002
Foto: ©SPT












Glaubenszugehörigkeit

Die Hälfte der Bevölkerung gehört traditionellen Religionen an, die andere Hälfte sind Christen. Im afrikanischen Glauben spielen die Ahnen eine große Rolle, da sie präsent bleiben und die Geschicke der Familie und Gemeinschaft beeinflussen. Zu ihnen kann in rituellen Zeremonien durch Menschen mit besonderen spirituellen Fähigkeiten, den spirit mediums, Kontakt aufgenommen werden. Zu ihnen gehören traditionelle HeilerInnen, die dadurch eine machtvolle Stellung in der Gemeinschaft einnehmen. Das traditionelle Glaubenssystem hat bis heute eine wichtige Funktion zur Regelung der Beziehungen in der Gemeinschaft und zwischen ihr und der natürlichen Umwelt.

Die Christen gehören mehrheitlich der Römisch-Katholischen Kirche an (38%), daneben sind die Anglikanische und die Apostolische Kirche die größten Religionsgemeinschaften. Die Apostolen gehören zu den unabhängigen Kirchen, deren Glauben stärker mit traditionellen Werten verknüpft ist. Viele SimbabwerInnensuchen eine Spiritualität, die christlichen Glauben mit traditionellen religiösen Vorstellungen verbindet.

Kirche und Staat

In der polarisierten politischen Situation tun sich die katholische und die protestantische Kirche schwer damit, ein kritisches Verhältnis zum Staat zu entwickeln. Vor allem dem protestantischen Zimbabwe Council of Churches wird eine große Nähe zur herrschenden Elite vorgeworfen. Aus Protest haben sich Pastoren und Kirchenmitglieder zur Christian Alliance zusammengeschlossen, die offen Kritik an den politischen Machthabern übt. Auch die Katholische Bischofskonferenz hat mehrfach in ihren Hirtenbriefen ein Ende von Gewalt und eine Rückkehr zur Demokratie gefordert. Der langjährige Erzbischof von Bulawayo, Pius Ncube, wurde als erbitterter Gegner von Mugabe schon mehrfach mit dem Tode bedroht und ist vor kurzem nach einem vom Geheimdienst inszenierten Sexskandal zurückgetreten.

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