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Tunesien
Seite 4: Gesellschaft, Kultur & Religion

Flagge

Makro-
soziale
Struktur

Im Unterschied nicht nur zu anderen Maghrebstaaten hat Tunesien sein Bevölkerungsproblem besser gesteuert. Die Bevölkerungszahl stieg seit Beginn der Unabhängigkeit 1956 bis heute von 8 auf 10 Millionen, die Wachstumsrate beträgt etwa 1,7%, während andere arabische Länder, die zunächst sogar weniger Menschen zählten, ihre Bevölkerungszahl in der Zwischenzeit verdoppelt oder verdreifacht haben.
Allerdings liegt die Kinderzahl im ländlichen Milieu höher als im urbanen Milieu wegen der der persistierenden traditionellen Familienstrukturen (geringere Einschulung der Mädchen, schlechtere Schulbildung, frühere Verheiratung, Schwangerschaften).
Der Grund für den Erfolg bei der Steuerung des Bevölkerungswachstums muß im Vorrang von Bildung und Ausbildung gesehen werden, in Familienplanung und Aufklärung sowie HIV-Prävention, insbes. für Frauen, sowie in den durch das Personenstandsgesetz verbürgten Individualrechten (wirksames Recht auf Scheidung für Frauen sowie staatliches Verbot der Polygamie). Vielfach wird mit Heirat und der Familiengründung bis nach Abschluß der Schulausbildung bzw. einer Berufsausbildung gewartet. Auch danach ist die Orientierung der Familiengröße am Einkommen und den wirtschaftlichen Möglichkeiten der Familie eher die Regel.
Die Verteilung zwischen den Altersgruppen in Tunesien zeigt, daß der Anteil der über 30-Jährigen in den letzten 5 Jahren um ca. 4% anstieg, während der Anteil der unter 30-Jährigen entsprechend abnahm. Tunesien wie auch andere Maghreb-Länder vollziehen also die demographische Entwicklung in den entwickelten Industrieländern in etwas milderer Form nach.
Eine dynamische Entwicklungsperspektive ist nötig.
Legt man die Human-Development-Reports der Vereinten Nationen zu Grunde (Kurzversion), so haben sich die Modernisierungsdefizite der arabischen Länder ständig vergrößert.
In den genannten Reports (Vollversion für 2005 auf Deutsch 1,6 MB) wird auf gravierende Demokratie- und Transparenzdefizite hingewiesen, die die gesellschaftliche Produktivität und Entfaltung individueller Kreativität am meisten blockieren.
Tunesien hat, was die Entwicklung von Demokratie und Zivilgesellschaft angeht, noch Defizite im Bereich Presse, Meinungsfreiheit und Menschenrechte.
Allerdings wird die Todesstrafe zwar noch verhängt, unterliegt aber de facto einem Moratorium seit 1991. Präsident Ben Ali erklärte im November 2007, daß er keine Todesurteile unterzeichnen werde.
Ein klientelistisches Geflecht (nebst RCD-Zugehörigkeit) ist mit bestimmend für den Zugang zu Bildungseinrichtungen, Stipendien und Auslandsaufenthalten. Ausdruck dessen ist es auch, daß etwa ein sehr hoher Prozentsatz der jungen Menschen das Land verlassen und in westliche Länder auswandern will, vozugsweise nach Kanada oder in die USA.

Soziale Lage und soziale Klassen

Obwohl die soziale Lage als gespannt bezeichnet werden muß, gehören nach offiziellen Angaben 75 bis 80% der Bevölkerung der Mittelklasse an. Weitere Grundbedürfnis-Standards, wie Elektrifizierung, Wasserversorgung und telefonische Erreichbarkeit (Festnetz plus Handys) nähern sich langsam europäischen Werten an und liegen bei jeweils über 80%. Positiv antzumerken ist, daß im Unterschied zu anderen Ländern Kranken- und Rentenversicherungssysteme eingeführt wurden. Wie unzulänglich diese auch sein mag (die Kostenübernahme im Gesundheitswesen ist streng begrenzt und funktioniert als Teilrückzahlung bei vollständig zu tragender Vorfinanzierung), es sind nur die im formellen Sektor Tätigen betroffen.
Die Größe und Bestimmung des informellen Sektors ist schwierig, offiziell wird von maximal 14,3% Arbeitslosigkeit ausgegangen.

eigenes Foto
Junger Behinderter wäscht Autos auf der Autofähre gegen Trinkgeld (eigenes Foto)

Schätzungen zufolge wird für den informellen Sektor ein Wertschöpfungspotential von 38% des BIP angenommen, Tunesien wäre damit in Afrika im vorderen Mittelfeld gleichauf mit den anderen Maghreb-Staaten Marokko und Algerien, entfernt von den beiden entgegengesetzten Extremwerten Südafrika (28%) und Zimbabwe (69%), (Jeune Afrique, Nr. 2410, 18.3.2007, S. 108), aber auch deutlich entfernt von den entwickelten Ländern, bei denen ein Wertschöpfungsanteil des informellen Sektors von ca. 15-20% angenommen wird.

eigenes Foto
Verkauf von Sonnenbrillen guter Qualität, doch zweifelhafter Herkunft (eigenes Foto)

Stadt-
Land-
Verhältnis

Die staatliche Politik versucht, der ländlichen Verarmung in den sog. "zone d'ombres" durch den "Fonds de Solidarité" 2626 öffentlichkeitswirksam "entgegenzusteuern", dessen Mittelverteilung und -verwendung allerdings wenig transparent ist. Eine offene und kritische Diskussion kann sich in Tunesien selbst nicht artikulieren und sind auf Publizität vom Ausland her angewiesen. Diese kann auch positiv sein, da auf Anregung Tunesiens ein "internationaler Solidaritätsfonds" der UNO gegründet wurde - das "Exportmodell" des tunesischen Solidaritätsfonds.
Erhebliche soziale und wirtschaftlichen sowie ethnische Disparitäten führen zur Fragmentierung der Bevölkerung nach Herkunft, Wohnort und sozialer Zugehörigkeit, so daß der Urbanisierungsgrad heute etwa 65% beträgt und seit 1991 etwa um 5% gestiegen ist.

eigenes Foto
Jungs in einer ländlichen Polsterei auf der Straße, bei Soliman, Juni 2008 (eigenes Foto)

Durch Abwanderung der Männer kommt es zu einer Feminiserung der Landwirtschaft mit weiblichen Haushaltsvorständen. Anstrengende Arbeiten wie Unkrautjäten, Olivenernte, Wasser- und Futterholen, Halfa-Grasschneiden sind meist Frauen- und Kinderarbeit.
Neben den langen Schulwegen zu den oft verstreut liegenden Höfen ist die dringend benötigte Arbeitskraft der Mädchen ausschlaggebend für ihren Schulabbruch und den immer noch existierenden Analphabetismus.
Arrangierte Heiraten von sehr jungen Mädchen sind dort durchaus noch üblich. Nur wenige Mädchen aus den "zones d'ombres" haben Zugang zu Berufsbildungseinrichtungen oder -projekten, die ihnen die Chance auf ein eigenes Einkommen eröffnen und dadurch auch die Wahlmöglichkeiten auf dem Heiratsmarkt vergrößern.

eigenes Foto
Schuhverkäuferinnen auf dem Gebrauchtkleidermarkt, bei Grombalia, Juni 2008 (eigenes Foto)

Geschlech-
terver-
hältnis

In den Cafés und am Stand treffen sich vorwiegend, wenn nicht ausschließlich Männer, spielen Karten, reden, feiern, singen und trinken (häufig unter Zurücklassung ihrer Trinkgefäße).

eigenes Foto
Junge Männer am Strand beim Feiern, Juni 2008 (eigenes Foto)

Frauen dagegen halten sich in der Öffentlichkeit eher zurück (vor allem im ländlichen Bereich), meiden die Treffpunkte der Männer und machen um Straßencafés gelegentlich einen Bogen oder wechseln die Straßenseite. Nach islamischer Tradition haben sie im Prinzip gar kein Recht, ohne männliche Begleitung das Haus zu verlassen und gesehen zu werden; sie werden auch innerhalb der Häuser durch Sichtblenden von Blicken von außen "geschützt".

eigenes Foto
Hausfenster (moucharabeh) in Sidi Bou Said, Sicht nur nach außen, Juni 2008 (eigenes Foto)

Allerdings ist die Lage der Frauen in Tunesien erheblich besser als in anderen arabischen Ländern. Aufgrund des vom ersten Präsidenten Bourguiba eingeführten laizistischen Personenstandsrechts ("code civil") haben Frauen u.a. das Recht auf Scheidung, die Polygamie wurde abgeschafft.
Ebenso bemerkenswert ist die Gleichbehandlung der Frauen im Bildungswesen: die Einschulungsrate beträgt fast 100%. Auch im höheren Schulwesen liegt der Anteil der Frauen durchweg bei über 50%. Bei den Hochschuldiplomen haben die Frauen inzwischen die Männer ebenfalls klar überholt.
Damit nimmt Tunesien im Hinblick auf Frauenrechte in der arabischen Welt eine Spitzenposition ein. Dies scheint auch notwendig, da der Reichtum des Landes in seiner "matière grise" besteht, die vollständig mobilisiert werden sollte.
So sind Frauen in Regierungsämtern, als Minister, Professorinnen und in freien Berufen (Ärzte, Anwältinnen) zahlreich vertreten. Andererseits werden Mädchen aus den strukturschwachen "zones d'ombres" in urbane Haushalte, oft zu Verwandten vermittelt bzw. "verkauft", um gegen Kost und Logis in einer 7-Tage-Woche als Haushaltshilfe zu arbeiten.

Religion

Trotz einiger laizistischer Züge des tunesischen Rechtssystems ist der Islam laut Verfassung Staatsreligion, der Präsident muß nach Art. 40 Moslem sein. Das ganze Land ist von einem dichten Netz von Moscheen überzogen. Die Bevölkerung besteht zu 99% aus sunnitischen Moslems, die überwiegend der als etwas "offener" angesehenen maliktischen Rechtsschule anhängen (im Unterschied etwa zur in Saudi-Arabien dominierenden hanbalistisch-wahabbitischen Rechtsschule, der zufolge schon das Autofahren von Frauen ein Verstoß gegen Gottes Gesetz darstellt).
Andere Religionen spielen nur eine folkloristische Rolle und sind de facto marginalisiert.
Mit Geld wird nie gegeizt, wenn es um einen Moscheeneubau geht. Auch Präsident Ben Ali "verewigte" sich mit dem Bau der größten Moschee des Landes in Carthage, die seinen Namen trägt. Die Moscheen sind gut besucht. Die Religion hat auch im Alltag an Bedeutung gewonnen. Auch der radikale, politische Islam hat in Tunesien zahlreiche Anhänger und Sympathisanten; das Aufkommen des Islamismus - in Tunesien als "intégrisme" bezeichnet - speist sich aus unterschiedlichen Quellen.
Es gibt, gerade in jüngster Zeit, Veröffentlichungen, die die These vertreten, die Dominanz des Sakralen stehe einer angemessenen Modernisierung im arabischen Kulturkreis im Wege.
In der arabischen Welt ist von einem Erstarken des Islam, auch des Islamismus die Rede. Davon ist auch Tunesien betroffen, das dem "Kulturkampf" um Kopftuch, Schleier und "islamische" Kleidung nicht entkommen kann. Generell nimmt der Anteil der Kopftuchträgerinnen zu.
Es gibt im Zuge der "Mondialisierung" mittlerweile zahlreiche arabischsprachige Fernsehsender, die aus Saudi-Arabien und den Golfstaaten mit erheblichen Finanzmitteln ausgestattet werden und die "wahabbistische" Interpretation des Islam verbreiten und - eingebettet in die weltpolitische Lage, gekennzeichnet durch das Palästina-Problem und den Irak-Krieg - ein großes Publikum erreichen. Auf der anderen Seite wird eine Gegenreaktion erzeugt; die Verteidiger des Laizismus und einer "moderaten" Religionsausübung müssen ihrerseits Farbe bekennen (vgl. "Jeune Afrique, No. 2456, 3.2.2008, Seite 43 ff). Der Artikel ist im Internet leider zahlungspflichtig.

Wer sich aus erster Hand über den Islam informieren möchte, kann auf den Koran der Intratext-Edition in deutscher Übersetzung mit Suchfunktion nach Stichworten zugreifen, der ohnehin in religiösen Zweifelsfragen im Islam als das letzte Wort gilt.

Toleranz und Mit-
einander

In Tunesien lebten Moslems, Christen und Juden seit Beginn der ottomanischen Periode einigermaßen friedlich zusammen. Maurische Flüchtlinge aus Andalusien ließen sich vorwiegend nahe der Küste nieder und gründeten u.a. das Fischerdorf Sidi Bou Said nördlich von Tunis, das heute noch stark maurisch-andalusisch geprägt ist und dessen Besuch sich trotz des etwas strapaziösen Tourismus-Rummels in jedem Fall empfiehlt.

Café Natte in Sidi Bou Said
Café Natte in Sidi Bou Said
(eigenes Foto)

Ähnlich wie bei den Hugenotten in Europa wirkte sich der maurische Zustrom als ein "Kreativ-Input" aus, der über 500-jährigen islamischen Phase in Spanien, im 16. Jhd. befruchtend auf die Entwicklung Tunesiens aus.

Auch die jüdische Einwanderung ist eine Konsequenz der christlichen "Reconquista" in Spanien. Wie die Muslime mußten die Juden Andalusien verlassen oder ihre Religion aufgeben. Sie ließen sich vorwiegend in Tunis oder im Norden Tunesiens nieder und lebten unbehelligt als Händler oder Handwerker. 1947, vor der Gründung des Staates Israel, gab es noch ca. 105.000 Juden in Tunesien, heute sind es nur noch knapp 1500. Die jüdische Beitrag zur maghrebinischen Kulturgeschichte muß als bedeutend angesehen werden, im Zuge ethnisch-religiöser "Säuberung" (Flucht und Vertreibung) ist die jüdische Minderheit aber von anhaltender Auszehrung bedroht.

Die christlichen Konfessionen werden toleriert; zudem gibt es in Tunis und anderen, vorwiegend nördlichen Städten, Gotteshäuser anderer Konfessionen, die, besonders gern in Tunis, als Beispiel für die Weltoffenheit in der islamischen Kultur präsentiert werden, wo sich die permanent bewachte jüdische Synagoge und die katholische Kathedrale nahe beieinander im Stadtzentrum befinden.
Nach der Unabhängigkeit wurden viele Kolonialbauten zerstört; eine Demonstration der Stadtbevölkerung zum Erhalt der Kolonialarchitektur rettete u.a. das "Theatre Municipal" auf der Avenue Bourguiba in der Innenstadt von Tunis.

Theatre municipal
Theatre municipal in Tunis
(Quelle: Eigenes Foto)

In der Medina von Tunis drückt sich das tolerante Nebeneinander der drei Religionen an den Symbolen der 3 großen monotheistischen Weltreligionen (Kreuz, Stern und Mond) auf manchen patrizischen Haustüren aus, womit wohl gesagt werden soll, daß unter dem Dach des Islam in diesem Haus Anhänger unterschiedlicher Religionen friedlich zusammen leben können.

Patriziertür mit Halbmond, Stern und Kreuz
Patriziertür mit Halbmond, Stern und Kreuz
(Quelle: http://www.nachoua.com/Tunisie/Photostun.htm)

Schul- und Hoch-
schul-
bildung

Tunesien ist seit seiner Staatsgründung Mitglied der UNESCO und insofern einem modernen "Bildungsideal" verpflichtet. Dieses Bildungssystem legt großen Wert auf die Herausbildung einer nationalen arabischen Identität.
Mit der Bildungsreform von 1958 wurden neben einem einheitlichen Curriculum technische und berufsbildende Fächer eingeführt mit der Fokussierung auf islamischer Geschichte sowie arabischer, insbes. regionaler Literatur und Sprache.
Das konventionelle Bildungssystem wurde dem französischen Modell nachgebildet; dies hat sich bis heute wenig geändert. Alles zielt darauf ab, den Weg zum "Bac" zu schaffen, zum Baccalaureat, (dem aus dem französischen Bildungssystem übernommenen Zentralabitur). Die auf dem Weg liegenden Hindernisse, die gefürchteten Zwischenprüfungen und Aussiebungen, sind Weichenstellungen für den künftigen sozialen Status.
Eine grundsätzliche inhaltliche und Strukturreform fand 1990 statt.
Diese ging auf den damalige Bildungsminister Mohamed Charfi zurück (kürzlich gestorben), und hatte zum Ziel, jede Form von Diskriminierung auszuschließen und das Schulwesen zu (siehe Interview) zu demokratisieren.
Es besteht allgemeine Schulpflicht. Weiter wurde die sechsjährige Primarstufe um eine vierjährige "vorbereitende" Sekundarstufe ergänzt. Nach der sechsten Klasse ist die erste Hürde zu nehmen, um dann zur Sekundarstufe zugelassen zu werden.
Die nächsten vier Schuljahre bereiten die Schüler auf die Universitätslaufbahn oder den Eintritt ins Arbeitsleben vor, wobei 2 Klassen gemeinsam als "tronc commun" durchlaufen werden und dann verschiedene Spezialisierungen möglich sind. Auch hierbei gestatten die zweijährigen Auslesemechanismen nur jeweils eine Wiederholung, um dann zum zentralen Examen National, dem Baccalaureat, zugelassen zu werden.
Die offizielle Unterrichtssprache ist Arabisch. Französisch wird in der 3. Klasse eingeführt, wobei technische Fächer in der Sekundarstufe und häufiger noch auf Tertiärebene in Französisch unterrichtet werden. Privatschulen gibt es auf allen Ausbildungsstufen; sie müssen jedoch vom zuständigen Ministerium anerkannt werden.
Tunesien verbreitet von sich das Bild einer "Wissensgesellschaft", die die zur Verfügung stehenden internationalen Ressourcen, etwa durch Kooperation mit der EU im Bildungswesen, voll mobilisiert.

Es gibt Anzeichen, daß es zu einer Verminderung der Qualität des Unterrichts durch die in Wellen durchgeführte Arabisierung des Bildungssystems gekommen ist, was die imponierenden Einschulungsraten etwas relativiert. Die von auf dem staatlichen Bildungsserver präsentierten offiziellen Zahlen bleiben aber eindrucksvoll.
Im Hochschulbereich ist die Qualität der 13 tunesischen Universitäten, zu der als neues, aufregendes Experiment auch eine staatlich anerkannte "Université virtuelle" gehört, schwer einzuschätzen.
Das Universitätssystem gilt aber auch im Hinblick auf seine mangelhafte Ausrichtung hin auf die Anforderungen der Wissensgesellschaft und seine Innovativität als reformbedürftig. Eine wirkliche Freiheit der Wissenschaft, d.h. die Unabhängigkeit von direkter staatlicher Einflußnahme, bleibt einer zukünftigen Hochschulreform vorbehalten - die bisherigen Versuche haben sich als unzulänglich erwiesen.
Eine neuere Entwicklung ist auch die recht zahlreiche Zulassung privater Universitäten, da die staatlichen Institutionen die Nachfrage offenbar nicht decken können und die auch als Einnahmequelle geeignet sind. Die Qualität der Hochschulausbildung in Tunesien ist aber zumindest in den naturwissenschaftlich geprägten Fächern nicht beliebig veränderbar, wie Erfahrungsberichte zeigen.

Berufs-
bildung

In Tunesien gibt es, vom Ansatz her ähnlich wie in Deutschland, eine Koexistenz von formaler und beruflicher Bildung.
Neben dem zentralistischen, schulisch-universitären Bildungssektor mit dem Abitur als Endqualifikation ist das Land von einem dichten Netz von ca. 130 Berufsausbildungszentren durchzogen, die qualifizierte formalisierte Berufsabschlüsse in den verschiedensten Berufen anbieten, die die ganze Breite der Berufs- und Arbeitswelt abdecken und fortlaufend aktualisiert und erweitert werden. Hierbei stehen sich hochspezialisierte und gut ausgestattete Sektorzentren in Schlüsselsektoren (Elektronik, Telekommunikation, Textil, KFZ) und "polyvalente" Ausbildungszentren gegenüber. Letztere befinden sich meist in ländlicheren Regionen und können weder von der Qualität noch vom Status der Ausbildung her mithalten. Es werden derzeit ca. 50.000 Absolventen (Jungen und Mädchen) jährlich ausgebildet, die spezielle Voraussetzungen (Schulabschlüsse und/oder Berufserfahrungen) mitbringen müssen, um sich anmelden zu können. Es handelt sich um folgende Berufsabschlüsse:
  • CAP: (Certificat d'aptitude professionnelle) - entspricht am ehesten etwa dem deutschen Gesellen mit einer Zeitdauer von ca. 18 Monaten
  • BTP: (Brevet de technicien professionnel) - liegt zwischen dem Gesellen und dem Meister, Zeitdauer etwa 2 Jahre
  • BTS: (Brevet de technicien superieur) - entspricht am ehesten dem Meister, Zeitdauer etwa 3 Jahre
Die berufliche Bildung in Tunesien wird von der halbstaatlichen Berufsbildungsanstalt A.T.F.P (Agence de la Formation Professionelle) unter Aufsicht des Berufsbildungsministeriums organisiert und umgesetzt. Viele internationale Geber und Projekte sind daran beteiligt; auch CIM und die GTZ sind mit entsandten Fachkräften engagiert.
Trotz zahlreicher Umsetzungsprobleme im Detail handelt es sich um einen vielversprechenden Ansatz, der zusammen mit der Kontrolle des Bevölkerungswachstums durchaus geeignet sein könnte, der Beschäftigungsmisere sowie der Perspektivlosigkeit der jüngeren Generationen entgegenzuwirken. Der soziale Status und die damit verbundene gesellschaftliche Anerkennung der tunesischen Berufsbildung wachsen jedoch nur langsam.
Zertifikate von gering beschulten Zielgruppen mit eigenen Ausbildungswegen werden nur zögerlich anerkannt ("centres des jeune filles ruales", CJFR). Die Durchlässigkeit des Bildungssystems insbesondere für benachteiligte Bevölkerungsgruppen müßte daher noch verbessert werden.

Gesund-
heit und Sozial-
wesen

Das Gesundheitswesen in Tunesien hat sich in den letzten Jahren seit 2004 weiter entwickelt. Ein einheitliches Finanzierungssystem sieht einen Beitragssatz von 6,7% des Einkommens vor, davon 4% Arbeitgeberanteil. Dieses vergleichsweise bescheidene Niveau kann und soll allenfalls eine Grundversorgung garantieren, auch für Menschen ohne Beschäftigung.
Der öffentlichen dreistufigen Versorgung (Basiszentren, Bezirkskrankenhäuser, Unikliniken sowie die hervorragend ausgestatteten Militärkrankenhäuser) steht der rasch wachsende private Sektor gegenüber. Diese privaten Praxen, Gemeinschaftskliniken und Laboratorien können relativ frei abrechnen und sind daher vorrangig für höhere Einkommen interessant. Am anderen Ende der Stufenleiter wird es sehr hart für die Ärmsten der Armen, z.B. bei der Kombination von Mittellosigkeit und Aids, einer Krankheit, die man offiziell kaum bemerkt und die im arabisch-islamischen Kulturkontext tabuisiert wird. Gleichwohl gibt es auch hier von staatlicher Seite Aufklärung in den Schulen und Gesundheitszentren sowie Sozialberatung, zudem ist Tunesien in das Geflecht der inernationalen Organisationen eingebunden.
Als Wachstumszweig für die Zukunft wird der Gesundheitstourismus angesehen. Zusätzlich gibt es Planungen, die Pharma-Industrie nach Tunesien zu locken, vornehmlich zur Produktion von Generika.

Kultur-
geschichte
und
Kultur

Tunesien ist bekannt für die große Zahl der erhaltenen römischen Mosaiken. Die bedeutendsten archäologischen Fundstücke werden im Museum Le Bardo aufbewahrt.
In Tunesien befindet sich El Djem, das besterhaltene römische Amphitheater. Es hat ein Fassungsvermögen von 45.000 Zuschauern und wird noch heute für stimmungsvolle klassische Konzerte genutzt.
Weiterhin sollte man den Besuch der antiken römisch-punischen Stadt Dougga keineswegs versäumen, die für tunesische Verhältnisse recht gut erhalten ist, wenn auch bei weitem nicht so gut, wie die römischen Städte im östlichen, politisch isolierten, Nachbarland Lybien (Leptis Magna, Sabrata oder Appolonia).
Sehr zu empfehlen als Zeugnis der römischen Kultur ist die Siedlung Oudna bei Tunis mit nahegelgenem Aquädukt bei Mohamadia, einem imponierenden Beispiel antiker Ingenieurskunst. Stets abwärts fließend, wurde ca. 50 km entfernt von der Quelle Ain Zaghouan über den Aquädukt das Trinkwasser bis Karthago geleitet.
Die gleiche Website liefert auch sehr brauchbare Informationen über antike Zeugnisse römischer Zivilisation in Tunesien sowie über den sehr beachtlichen Weinanbau.
Aquädukt bei Tunis
Römischer Aquädukt bei Mohamedia in der Nähe von Tunis
(Quelle: Eigenes Foto)

Es war der Karthager Magon, der als erster Gelehrter im gesamten Mittelmeerraum (um 500 v. Chr.) in seinem 28-bändigen Werk "De re rustica" eingehende Studien über Landwirtschaft und Weinbau in punischer Sprache entwickelte. Heute gibt er einem beachtlichen, wuchtigen tunesischen Rotwein seinen Namen.

Da Tunesien über die Jahrhunderte mehrere Einwanderungswellen aus Arabien, Spanien, Frankreich, der Türkei, Westafrika, den Berber-Reichen und sogar aus Skandinavien (Vandalen) erlebte, kam es zu zahlreichen Beeinflussungen und Vermischungen von Kulturen und Menschen. Dies äußert sich im Stadtbild, in der Töpferei- und Keramikkunst (z.B. in Nabeul), zahlreichen Bauten verschiedenster Epochen (z. B. das Fort im Golf von Hammamet, die Altstädte von Tunis, Sousse und Mahdia) oder der tunesischen Küche (z. B. Baguette, Croissant sowie einigen Berbergerichten und dem beliebten "Makruna" (Nudeln) aus Italien, aber auch sehr zahlreichen und sehr schmackhaften tunesischen Gerichten, wie z.B. die sehr würzige "Mlouchia"-Sauce mit Kalbfleisch und Baguette).
Während es in den urbanen Gebieten im Norden alles zu handeln und zu kaufen gibt, hat die industrielle Produktionsweise im Süden noch nicht vollständig obsiegt; es existieren noch traditionelle Produtionsformen, so etwa in der Teppichweberei der Berber und bei der Keramiherstellung in der Region von Sejnane, wo lokale Tonerde, mit Naturfarben vermischt, im offenen Holzfeuer gebrannt wird.

Berberfrau beim Töpfern
Traditionelles Töpfern (Sejnane, Nordwesten)
(Quelle: Eigenes Foto)

Gegen-
warts-
kultur

Tunesien ist seit dem Altertum eine Heimstätte diverser Zivilisationen und Kulturen gewesen, wie auch die Gegenwart belegt. In der Musik besonders bekannt geworden ist die der Malouf, den andalusische Flüchtlinge nach der spanischen Eroberung im 15. Jahrhundert mitbrachten. Malouf wird von kleinen Orchestern gespielt, bestehend aus Violine, Trommel, Sitar und Laute (Oud). Modernes Malouf hat einige Elemente der Berber-Musik im Rhythmus.

Baron Erlanger, obwohl eigentlich Bankier, ist eine wichtige Person der modernen tunesischen Musik. Er sammelte die Regeln und Geschichte der traditionellen arabischen Musik, die er in 6 Bänden veröffentlichte, und begründete ein Musikkonservatorium, das heute noch genutzt wird. Außerdem wird sein früherer Wohnsitz in Sidi Bou Said, den er dem Staat vermachte, heute u.a. als Veranstaltungsort, Musikinstitut und Instrumentenmuseum genutzt.

Zu den Künstlern des 20. Jahrhunderts zählen Anouar Brahem, ein Oud-Spieler; El Azifet, ein seltenes reines Frauen-Orchester; Khemais Tarnane; Raoul Journou; Saliha; Saleh Mehdi; Ali Riahi; Hedi Jouini sowie Fethia Khairi. Bekannte Musikinstrumente sind unter anderem die Darbouka (Trommel), welche man in Tunesien eigentlich in jedem Haushalt findet, sowie die Laute (Oud).
Insbesondere - aber nicht nur - in Tunis und Umgebung besteht kein Mangel an Musikveranstaltungen und Festivals, die oftmals in inspierenden antiken Amphitheatern, Kirchen oder Freilufttheatern stattfinden und sehr nachhaltig in Erinnerung bleiben.
Ein Beispiel für staatliche Kulturförderung ist der "pacte de jeunesse" , ein Wettbewerb zu Malerei und Fotografie:

Blaues Lama in La Marsa
Werbung für "pacte de jeunesse"
(Quelle: Eigenes Foto)

Dies und andere Aktivitäten sollen dazu beitragen, daß Jugendliche nicht als "teneur de mur" ihre Zeit "abhängen"

Blaues Lama in La Marsa
Jugendliche "teneur de mur"
(Quelle: Eigenes Foto)

Erwähnt werden soll noch die recht ansehnliche tunesische Buchproduktion (regelmäßig findet eine Buchmesse statt), die tunesische Literatur sowie das tunesische Kino. Interesse kann vielleicht nachstehendes Interview mit dem Schriftsteller Abdewahab Meddeb wecken.
Sehr auffällig ist auch die tunesische Malerei und plastische Kunst, die in zahlreichen, zum Teil auch neu eingerichteten und interessant ausgestatteten staatlichen und privaten Ausstellungen und Galerien zu besichtigen ist. Blaues Lama in La Marsa
Blaues Lama vor dem Palais Essada in La Marsa
(Quelle: Eigenes Foto)

Eine ganze Schule bildender Künstler hat sich im 19. und 20. Jahrhundert etabliert, so z.B. der Briefmarkenkünstler Hatem El Mekki.

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