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Sudanesische Flagge

Sudan

4. Gesellschaft, Kultur und Religion

4.1

Makrosoziale Struktur

Das US State Department hat Schätzwerte über die sudanesische Bevölkerung veröffentlicht, da seit vielen Jahren keine verlässliche Volkszählung stattgefunden hat. Allgemein wird davon ausgegangen, dass der Sudan etwa 41 Millionen Einwohner hat, davon sind etwa 8 bis 9 Millionen im Südsudan ansässig.

Bevölkerungsentwicklung


Jahr Einwohner
1905 (offizielle Schätzung)    1.853.000  
1910 (offizielle Schätzung)    2.400.000  
1993 (Zensus) 25.588.429  
2003 (offizielle Schätzung)    33.333.648  

Durchschnittsalter der Bevölkerung beträgt ca 18 Jahre und die Lebenserwartung beträgt ca 59 Jahre.

Die Angaben zur Bevölkerung variieren. Sie reichen von 35.847.407 (World Gazette 2006), über 38 Millionen (Schätzung Auswärtiges Amt 2006) bis 41.236.378 (Berechnung CIA World Fact Book 2006). 38.9 Prozent der Sudanesen lebten 2003 in Städten. Die Bevölkerung wächst mit 2.55 Prozent pro Jahr. WIKIPEDIA - Sudan

Liste der Sprachen
Liste der Ethnien

Volkszählung 2008
Die aktuelle Volkszählung im Sudan begann im April 2008 und dauert noch an. Die Volkszählung ist ein Teil des Friedensabkommen von 2005 zwischen Nord- und Südsudan. Mit den Daten der Volkszählung soll ein Wählerregister für die Parlaments- und Präsidentenwahlen 2009 erstellt werden. Ferner wurde dem Südsudan weitreichende Autonomie und ein Teil der Einnahmen aus dem Ölgeschäft versprochen. Außerdem soll die überfälligere Machtverteilung klargestellt werden. 2011 bestimmen die Südsudanesen durch einem Volksentscheid, ob sie die Unabhängigkeit vom Norden wünschten. Ergebnisse liegen bisher nicht vor. Siehe auch FAZ.NET: Video-Nachrichten

Der Fragebogen der Volkszählung erfasste nicht die ethnische Zugehörigkeit und Religion. Das wurde von vielen Südsudanesen bemängelt. Kritik am Zensus - siehe NZZ Online

Auch die Rebellengruppen in Darfur sind sich in der Kritik einig. Sie behaupten, das nationale Volkszählung nur dann stattfinden könnte, wenn im ganzen Sudan Frieden herrschen würde. Die Menschen müssen rechtzeitig unterrichtet und aufgeklärt werden, was Volkszählung für sie selbst beinhaltet. Siehe auch BBC NEWS

4.1.1

Regionalismus

(Quelle: UK Home Office)

Nord- und Zentralsudan überwiegend

Arab Ethnic Groups
Baggara, Batahin, Beni Helba, Budairia, Dar Hamid, Habbania, Hamar, Hamr, Hassania, Hawasma, Hawawir, Jawamia, Kababisch, Kawahila, Kinana, Jaalin, Jim, Manasir, Masiria, Musallmia, Rubatab, Rufaa, Ruzaikat, Schaikia, Schukria, Selim, Taaischa

Nordostsudan

Non-Arab Ethnic Groups
Collectively known as the Beja Amarar
, Beni Amer, Bischarin, Hadendoa, Rashaida

Nordwestsudan

Black Ethnic Groups
Dago, Fur, Maba, Massaleit, Tama, Zaghawa

Zentral- und teils Nordsudan

Black Ethnic Groups
Collectively Known as the Nubians

Anag, Barabra, Birked, Danagla, Dilling, Mahas, Midobi

Zentralsudan

Black Ethnic Groups
Collectively Known as the Nuba (central Sudan):

Kadugli, Katla, Koalib, Krongo, Nemyang or Nyima, Tagoi, Temeini

Zentral- und Südsudan

Black Ethnic Groups
Baka, Bongo, Kreisch, Ndogo

Südsudan

Black Ethnic Groups
Acholi, Anuak, Azande, Banda, Bari, Berta or Schankalla, Dinka, Karamojo, Koma, Lango, Lotuko, Luo, Madi, Mangbetu, Moru, Mundu, Murle or Molen, Nuer, Schilluk, Sere, Turkana

Ethnische Karte Sudan

Quelle: © Verlag Ellen Ismail-Schmidt, 2006

4.1.2

Ethnizität

Übersicht und Erläuterung der Ethnien

Die seit der Unabhängigkeit verwendete traditionelle Regionalaufteilung wurde 1994 geändert und in 26 Bundesstaaten (Regionen) aufgeteilt, die in 66 Provinzen und 218 Bezirke unterteilt sind. Annähernd sind die unten genannten Völkergruppen regional vertreten.

Der Vielvölkerstaat mit über hundert verschieden Ethnien und Sprachen wurde erstmalig Anfang des 20. Jahrhunderts von der britischen Kolonialverwaltung dokumentarisch erfasst. In den letzten Jahren haben die sudanesische Regierung, Ethnologen und Missionare (im Südsudan) neue Erkenntnisse hinzugefügt. Doch durch das Kriegswissen und Vertreibungen variieren die Information und Statistiken. Die größeren Ethnien sind oft in Untergruppen gegliedert, die fast alle über eine eigene Sprache verfügen. WIKIPEDIA - Liste der Ethnien im Sudan.
Neben ihrer Muttersprache spricht die Mehrheit der Sudanesen arabisch, wenn auch oft sehr vereinfacht. Im Süden wird unter anderem Juba-arabisch gesprochen und außerdem ist englisch sehr verbreitet.

Straßenrestaurant im Sudan
Straßenrestaurant | © Foto: Ellen Ismail

4.1.3

Soziale Lage und soziale Klassen

Arbeitslosigkeit, formeller und informeller Sektor, moderner und "traditioneller" Sektor

Man rechnet im mit etwa 7.5 Millionen Erwerbstätigen (die Arbeit der Landfrauen nicht eingeschlossen). Etwa 80 Prozent der sudanesischen Bevölkerung arbeitet in der Landwirtschaft, 7 Prozent in der Industrie und 13 Prozent im Dienstleistungsgewerbe. Es sind Schätzwerte. Offizielle Daten liegen nicht vor. Die Arbeitslosenrate ist etwa 18 Prozent (2002). Vierzig Prozent der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze.

Wie bereits erwähnt, verfügt der Sudan über reiche Bodenschätze, insbesondere Erdöl. Die Erlöse des Ölbooms bringen bisher hauptsächlich einer kleinen Gruppe, vorwiegend der städtischen Elite, Reichtum. Für die Landbevölkerung sind die Nahrungsmittel nicht einmal ausreichend. Gründe sind u.a. langjährige interne Konflikte und wiederholte Dürreperioden - die Landwirtschaft besteht zum großen Teil aus Regenbau - Vertreibung und nicht ausreichende Bildungschancen, um Armut zu bekämpfen und Lebensbedingungen zu verbessern. Der Mehrheit fehlt formelle Bildung, das Anfangskapital für ein kleines Unternehmen und die entsprechenden Verbindungen zu den seit Generationen wohlhabenden Familien. Aufgrund der fehlenden Transportmöglichkeiten verkaufen die Bauern ihre Agrarprodukte überwiegend auf regionalen Märkten. Einkommen sind entsprechend niedrig, da die Händler aus den Städten die Produkte zu "ihren" Preisen einkaufen und mit Lastwagen abtransportieren. Entwicklung der Landwirtschaft siehe www.sudan-embassy.de

Nicht nur die Landbevölkerung leidet unter Armut, sondern auch viele Staatsbediensten in isolierten Regionen erhalten keine ausreichenden und regelmäßigen Gehältern.

4.1.4

Stadt-Land-Verhältnis (Migration)

Die zunehmende Landflucht ist ein großes Problem für die Städte. 38,9 % der Sudanesen lebten in Städten (2003). Es fehlt an Wasser, Elektrizität, Straßen, Unterkünften, Schulen und medizinischer Versorgung. Nationale und internationale NGOs sind nicht selten die einzigen Anlaufstellen für Bedürftige. Ballungsgebiet ist Khartum. Die Infrastruktur ist dem nicht gewachsen. Am Stadtrand des Agglomerat Khartum, Omdurman und Khartum Nord mit seinen etwa 6 Millionen Einwohnern, leben etwa 2 - 3 Millionen unter katastrophalen Bedingungen. Auch in Port Sudan (450.000 etwa Einwohner), Kassala (etwa 300.000 Einwohner) und weiteren Städten, seit kurzem auch in Juba und Wau leben Tausende in Notquartieren.

4.1.5

Geschlechterverhältnis

Drei Hauptfaktoren bestimmen das Verhalten des Einzelnen: Geschlecht, Alter und soziale Stellung. Männer sind in der sudanesischen Gesellschaft dominierend, zumindest soll das in der Öffentlichkeit den Anschein haben. Ein auffälliges Merkmal ist die geschlechtsspezifische Rollenverteilung. Der öffentliche Bereich ist die Domäne der Männer, in Haus und Hof haben die Frauen das Sagen. Bestimmte Einschränkungen der Verhaltensweisen sind beiden Geschlechtern auferlegt. Die ausführliche Informationen über Verhaltensweisen und Auswirkungen auf die Geschlechter sind unter anderen in folgender Literatur nachlesbar:

Ellen Ismail: Sudan, Menschen, Kultur, Aktuelle Tipps
Anne Cloudsley: Women of Sudan, Life, Love, Virginity
Sandra Hale: Gender Politics in the Sudan

4.1.6

Altersgruppen

Die Bevölkerung ist jung und wächst mit 2,55% pro Jahr (2006). Fast die Hälfte der Bevölkerung ist zwischen 0-14 Jahre (42,7%). Die meisten Sudanesen sind 15-64 Jahre alt (54,9%) nur 2% sind über 65 Jahre. Die Geburtenrate ist hoch: 34.53/1000 der Bevölkerung (geschätzt 2006), die Sterberate unter Kleinkindern ist jedoch ebenfalls hoch. Von 1000 lebend geboren Kindern sterben 61 in den ersten Lebensjahren.

4.2

Mikrostruktur

4.2.1

Ehe und Familie

Traditionell ist die Familie verantwortlich für die Alten, Kranken und die Geistigbehinderten, obgleich sich die Verantwortungen durch die Urbanisation und die sich daraus entwickelnden Kleinfamilien ändert. Aber ob nun auf dem Lande oder in der Stadt, für die Last der Sozialdienste sind immer die Frauen verantwortlich. Ausgenommen von einer kleinen Anzahl gebildeter und emanzipierter junger Frauen aus Elitefamilien, haben Mädchen ihren Bereich innerhalb des Haushalts. Sie müssen früh ihre Mutter unterstützen und sie leben getrennt von Männern. In der Familie essen Männer und Frauen getrennt, wobei die Männer zuerst essen.

Junge Frauen und Mädchen besuchen eine Hochzeit
Junge Frauen und Mädchen besuchen eine Hochzeit | © Foto: Ellen Ismail

Ein junges muslimisches Mädchen ist auf ihren Haushalt und Freundinnen eingeschränkt, bis sie in ähnlicher Zurückgezogenheit in den Haushalt ihres Ehemannes wechselt. Ausschließlich der Haushalt und das Aufziehen ihrer Kindern sind ihr Gebiet. Progressive Väter ermöglichen ihren Töchtern eine Schul- und möglichst auch Universitätsausbildung. Fortschrittliche Ehemänner erlauben ihren Frauen, auch außerhalb des Hauses zu arbeiten, wenn sie Unterstützung bei der Aufsicht der Kinder durch ihre weiblichen Verwandten oder durch Dienstpersonal hat. Außerdem ist bei der heutigen wirtschaftlichen Situation ein zweites Gehalt notwendig.

Vater mit seinen Töchtern und Brüdern
Vater mit seinen Töchtern und Brüdern | © Foto: Ellen Ismail

4.2.2

Verwandtschaft, Freundschaft, Solidargruppen

Verwandtschaft ist wichtig und übt Einfluss und Kontrolle auf das Leben und den Anstand der Mitglieder aus. Unternimmt ein Familienmitglied etwas gegen die Familienehre so schließt dies nicht nur die engeren Verwandten ein, sondern auch die dritte und vierte Generation fühlt sich betroffen. Junge Mädchen stehen daher besonders unter Beobachtung.

In gewisser Hinsicht haben weniger gebildete Frauen, vor allem Landfrauen, mehr Freiheiten. Sie können sich freier bewegen, sind oft wirtschaftlich unabhängig und verdienen ihr Einkommen als Marktfrauen, sie verkaufen ihre selbst hergestellten Produkte wie die Töpferinnen aus den Nuba Bergen oder arbeiten als Hausangestellte. Wirtschaftlich unabhängige Frauen aus allen Schichten sind selbstbewusster und gewinnen dadurch mehr Freiheit und Ansehen. Es ist daher ein Wunsch der meisten jungen Mädchen, ausreichende Bildung zu erlangen, um selbständig zu werden.

Töpferinnen in den Nuba-Bergen
Töpferinnen in den Nuba-Bergen | © Foto: Ellen Ismail

Gleichgeschlechtliche Solidargruppen und Freundschaften sind für Frauen und Männer sehr wichtig. Sie werden gepflegt durch gegenseitiges Besuchen, telefonieren und Austausch von Informationen, die in der Familie nicht üblich sind. Solidargruppen, besonders unter jungen Männern halten ein Leben lang.

4.2.3

Dorf, Gemeinde, Clan

Der Familien-Clan ist einflussreicher als die von der Regierung eingesetzte Gemeindeverwaltung. Dorfbewohner sind meistens miteinander verwandt. Gegenseitige Hilfestellung und Respekt werden erwartet.

4.2.4

Egalität - Hierarchie

Für Sudanesen ist die Herkunft wichtig. Sie kennen ihre qabila (Ethnie/Volk) und wissen zu welcher khashm al-beit (Großfamilie) sie gehören. In den Dorfgemeinden gehören oft sämtliche Bewohner zum gleichen khashm al-beit. In den Städten sind häufig Menschen ganzer Stadteile miteinander verwandt. Der soziale Status der Familien spielt bei der Hierarchie eine wichtige Rolle.

4.3

Bildung

4.3.1

Bildungsverständnis

Dem arabisierten Norden, der vom Islam geprägt ist, steht der Süden gegenüber, in dem traditionelle afrikanische Religionen und das Christentum vorherrschen, das im 19. und 20. Jahrhundert auf die Tätigkeit amerikanischer und europäischer Missionare zurückgeht, Im Südsudan wurden daher hauptsächlich Schulen eröffnet, die von Missionaren geleitet wurden. Im Norden befassten sich überwiegend Koranschulen und Regierungsschulen mit der formellen Bildung der Bevölkerung. Viele Gründe für die heutigen politischen und soziologischen Probleme des Landes haben dort ihren Ursprung.

Die ersten Jahre nach der Unabhängigkeit war der Sudan für sein hohes Bildungsniveau bekannt. Noch bis in die Mitte der achtziger Jahre wurde im Norden die Anzahl der Bildungseinrichtungen ausgebaut. Für die Abschlussprüfungen der University of Khartoum kamen external examiners der University of London nach Khartum. Doch schon Ende der siebziger Jahre begann das Bildungsniveau zu sinken, und zwar aufgrund der Verschlechterung der politischen und wirtschaftlichen Lage und im Süden und den Nuba Bergen vor allem durch die internen kriegerischen Konflikte. Lehrer und Dozenten wurden schlecht bezahlt und ein brain drain in die Petrodollar-Staaten, Europa, USA und Kanada begann. Heute wird das allgemeine Bildungsniveau auf 71.8% alphabetisierte Männer und etwa 50.5% alphabetisierte Frauen geschätzt. Genaue Zahlen liegen nicht vor.

Der Süden und Regionen im Osten und Westen des Sudan wurden beim allgemeinen Fortschritt nur am Rande bedacht. Die heutigen Krisengebiete sind das Resultat. Bei der Bevölkerung ist der Wunsch nach Bildung sehr groß. Die Menschen wissen, dass sie ohne Bildung wenig Chancen für verbesserte Lebensbedingungen haben.

4.3.2

Schulen, Berufsschulen

Genaue Statistiken sind nicht erhältlich. Die UN spricht davon, dass weniger als 30% der Kinder im Grundschulalter (6-13) die Schule besuchen. Das Ministery of Education in Khartoum spricht von 54% Grundschülern. Sicher ist, dass ein starker regionaler Unterschied besteht. Zum Beispiel besuchen 78% der Kinder in Khartum die Grundschule, während es in der Provinz Darfur nur etwa 26% sind. Im Südsudan sind etwa 85% der Kinder Analphabeten. Außerdem sind Mädchen auch weiterhin im Nachteil.

Grundschulen sind in fast allen Teilen des Landes vertreten. Da sie nicht in jedem Dorf vorhanden sind, können Kinder der Landbevölkerung sie nicht immer erreichen. Kilometerlange Schulwege zweimal am Tag können kleine Kinder kaum bewältien. Besonders Mädchen ist es nach einem bestimmten Alter (etwa 12 Jahre) kaum möglich, eine weiterbildende Schule zu besuchen. Nach der Geschlechtsreife dürfen muslimische Mädchen das Haus nicht ohne Begleitung verlassen.

Berufschulen, d.h. zum Beispiel Technical and Teachers Training Colleges sind ein Teil der Bildungspolitik der Regierung.

Kinder aus den Nuba-Bergen beim Wasser holen   Dorfschule in Kordofan
Kinder aus den Nuba-Bergen          Schülerin in Kordofan
© Fotos: Ellen Ismail

4.3.3

Hochschulen

Die Zahl der Universitäten und Hochschulen hat in den letzten Jahren zugenommen. Es bestehen 11 maßgebende Hochschulen. Der Bildungsstand entspricht aber nicht dem westlichen Niveau und den westlichen Anforderungen für eine Studienlaufbahn. Dem Lehrpersonal fehlt es nicht selten an qualifizierter Ausbildung und Unterrichtsmaterial. Über Universitäten, Hochschulen und Oberschulen finden Sie Informationen u.a. bei sudan.net/education (englische Website).

Ausführliche und übersichtliche Statistiken über Bildung, Demografie, Sozialwissenschaft, Wirtschaft, Gesundheit veröffentlicht die WHO.

Ebenfalls empfehlenswert sind alljährliche Statistiken der Human Development Reports des UNDP.

Wohlhabende Eltern senden ihre Kinder auf Privatschulen und Privatuniversitäten. Ein gutes Beispiel, wie und was eine empfehlenswerte Privatuniversität lehrt, ist die einzige Frauenuniversität in Afrika, Ahfad University for Women, Omdurman. Ein positiver Aspekt für Frauen hat sich in den letzten Jahren entwickelt. Es besteht ein vergleichsweise hoher Anteil weiblicher Studierender an den Hochschulen und ihr im regionalen Vergleich hoher Ausbildungsstand.

Schülerinnen der St. Fracncis Catholic School, Khartum
Schülerinnen der St. Fracncis Catholic School, Khartum
© Foto: Ellen Ismail

4.3.4

Erwachsenenbildung

Erwachsenenbildung wird von der sudanesischen Regierung bisher wenig gefördert. Das bleibt dem privaten Sektor vorbehalten und ist daher nur Sudanesen mit ausreichendem Einkommen zugänglich.

Nationale und internationale Nicht-Regierungsorganisationen (Erwachsenenbildung des Deutschen Entwicklungsdienst) sind häufig in der Erwachsenenbildung tätig.

4.4

Gesundheit

4.4.1

Traditionelle Medizin

Traditionelle Medizin ist nicht nur auf dem Lande, sondern auch in den Städten weit verbreitet. Zum Beispiel übt der Faki eine große Macht aus und seine Anordnungen werden befolgt. Sehr beliebt sind kleine Lederbeutel, die vom Faki auf Papier geschriebene Koransprüche enthalten und als Glückbringer am Oberarm oder um den Hals getragen werden.

Für sudanesische Frauen spielt der Zar-Kult eine wichtige Rolle. Zar ist eine Zeremonie, die nur von Frauen für Frauen stattfindet. Die Zar-Priesterin (Scheicha) befriedet böse Geister, die Frauen heimsuchen. Die Frauen - und auch Männer -glauben, dass bestimmte Menschen von einem Dämon (Zar) besessen sind, der ihnen ein Leben lang großes Unbehagen bereitet und nur durch exstatische Tänze, Geschenke und Opfer vorübergehend besänftigt werden kann.

4.4.2

"Moderne" Medizin, Gesundheitsversorgung

Allgemeine Zugänglichkeit zum Gesundheitssystem

Die Gesundheitsversorgung ist nur in der Hauptstadt befriedigend. Einige Krankenhäuser (Militär- und Polizeihospitäler) sind hervorragend ausgerüstet. Aber die öffentlichen Krankenhäuser sind in einem ärmlichen Zustand und das nicht nur in den Kleinstädten und den ländlichen Regionen, sondern auch in der Hauptstadt. Einige Privatkliniken sind gut mit Personal und Medikamenten ausgerüstet. Die Mehrzahl der Sudanesen kann jedoch ohne finanzielle Unterstützung von Verwandten und Freunden, keine ausreichende medizinische Behandlung erwarten.

4.4.3

Besondere Gesundheitsprobleme, z.B. HIV/AIDS

Bis vor etwa zwei Jahren war das Thema HIV/AIDS kein Thema für die Regierung. Es gab kein AIDS, professionelle Statistiken (geschätzt etwa 400.000 HIV/AIDS Kranke 2001) wurden nicht akzeptiert. Mittlerweile spricht man von 23.000 HIV/AIDS Toten und Kampagnen gegen HIV/AIDS haben begonnen. Weit verbreitet ist Malaria und eine große Anzahl der bekannten tropischen Krankheiten. Informationen finden Sie unter UNAIDS zum Sudan.

4.4.4

Jugendarbeit, Altersversorgung

Kinder- und Jugendarbeit ist üblich. Mädchen arbeiten als Hausangestellte, holen Wasser und sammeln Holz. Jungen arbeiten als Hirten oder in Restaurants und Werkstätten. Eine minimale Altersversorgung steht den Staatsangestellten zu. Für die Mehrheit der Alten ist die Familie zuständig.

4.4.5

Minderheiten in prekärer Situation

Minderheiten, zum Beispiel die Kopten, haben, aufgrund der seit den 90er Jahren vorherrschenden orthodox-islamischen Gesetze und des Verhaltens gewisser strenggläubiger Sudanesen, den Sudan verlassen und sind entweder nach Ägypten, USA, Kanada, Australien und Europa immigriert. Ein Verlust für den Sudan, denn sie gehörten zur Bildungsschicht und städtischen Elite.

4.4.6

Institutionen und Organisationen im Sozialbereich

Der Sozialbereich wird hauptsächlich von nationalen und internationalen Nicht-Regierungsorganisationen abgedeckt. Ergänzungen folgen.

4.5

Kultur und kulturelle Menschenrechte

4.5.1

Kulturelle Identitäten

Sudanesen haben ein Problem mit ihrer kulturellen Identität. Entweder bezeichnen sie sich als "Araber", die fast alle von Prophet Mohamed abstammen, oder sie sind Sudanesen mit regionalen Differenzen in der Abstammung. Viele Sudanesen wollen das Land zukünftig in Nord- und Südsudan teilen. Das Land leidet noch immer unter der Aufteilung Afrikas auf dem Reizbrett der damaligen Kolonialherren. Ende des 19. Jahrhunderts wurden Königreiche und Völker ohne Mitsprachrecht der Beteiligten getrennt. Zum Beispiel wurde das große Königreich der Azanda geteilt, ein Teil ist im heutigen Sudan und der andere Teil in der Zentralafrikanischen Republik.

Ein Beispiel von Missachtung der "kulturellen" Menschenrechte ist die weibliche Beschneidung FGM/C (Female Genital Mutilation/Cutting). Es ist ein entsetzlicher kultureller Brauch den gebildete Sudanesinnen seit vielen Jahren bekämpfen. Mädchen im Alter zwischen 6-8 Jahren werden dabei Teile ihrer Genitalien entfernt. Dieser Brauch wird von fast allen Muslimen im Norden praktiziert. Im Süden ist er kaum verbreitet. Doch der Brauch ist leider auch in vielen anderen afrikanischen Ländern üblich. Weltweit laufen seit den 80iger Jahren nationale und internationale Kampagnen, um durch Aufklärung und Änderung des Bewusstseins die FGM abzuschaffen. Bisher ist leider wenig Erfolg zu verzeichnen. Erst seit einigen Jahren wurde FGM/C von den Vereinten Nationen als Brauch gegen die Menschenrechte anerkannt.

4.5.2

Kulturelle Unterschiede (z.B. Zeitverständnis) und kulturbedingte Haltungen (z.B. gegenüber Ausländern)

Das Zeitverhalten ist sehr locker. Pünktliche Ankunft zu einer Einladung ist unhöflich. (Eventuell ist der Gastgeber noch nicht fertig mit den Vorbereitungen?!). Doch Termine mit wichtigen Regierungsvertretern und Geschäftsleuten werden eingehalten.

Sudanesen können nicht verstehen, dass es Menschen gibt die leben, um zu arbeiten. Sudanesen arbeiten, um zu leben. Ein Befehl oder Wunsch wird nicht gern abgelehnt. Die Antwort ist oft Bukra insha'Allah - Morgen, so Gott will.

Sudanesen sind sehr gastfreundlich, wenn der Gast sich höflich und respektvoll verhält. Respekt gegenüber älteren Menschen wird erwartet. Männer werden mit Handschlag begrüßt. Frauen werden oft nur mit einem Kopfnicken begrüßt, es sei denn, die Frau reicht dem Fremden die Hand. Der Gast betritt das Haus des Gastgebers erst, wenn er darum gebeten wird.

Dieses Thema ist so umfangreich, dass es nicht in einigen Zeilen darstellbar ist. Literaturvorschläge:

4.5.4

Literatur, Musik, darstellende und bildende Kunst

Unter den Sudanesen sind begabte Künstler. Doch die meisten Musiker und Kunstmaler haben keine professionelle Ausbildung. Unter afromix.org finden Sie Informationen zu Musik im Sudan. Es existieren jedoch eine gute Kunstschule und ein Musik- und Drama Institut. Literatur erscheint fast nur arabischsprachig und wird oft nur im Ausland gedruckt und verbreitet. Informationen zu sudanesischen Schriftstellern finden Sie auch unter: www.sudaneseonline.com, www.literaturfestival.com und wikipedia.org

4.6

Religion

Die Vereinfachung der Medien, dass die Menschen im Nordsudan Muslime seien und die im Süden Christen, stimmt nicht. Es leben Tausende von Muslime im Süden und Millionen Christen und Anhänger von traditionellen afrikanischen Religionen im Norden. Der Sudan lässt sich etwa in drei große Komplexe einteilen:

  • Muslime (Sunni) ca. 60%;
  • Christen ca. 5 %
  • Volksreligion ca. 35%

Die offizielle Staatsreligion im Nordsudan ist der Islam und im Südsudan seit dem Friedensvertrag sind es entweder Christentum, Islam oder Volksreligion. Religionen überlappen sich im Sudan. Muslime und Christen glauben gleichzeitig an bestimmte Volksreligionen.

Der Islam ist im Nordsudan von großer politischer und gesellschaftlicher Bedeutung. Im Gegensatz zum Süden, dort bekennt sich die Elite zum Christentum.

Die Mehrzahl der sudanesischen Bevölkerung sind zwar Sunni-Muslime aber viele Sudanesen sind eher beeinflusst von den toleranten Sufi-Philosophien, als von dem orthodoxen Islam der National Islamic Front (NIF).

Die Verbreitung des Christentums im Süden, in den Nuba Bergen und Randgruppen führt nicht nur auf den Einfluss der christlichen Missionare zurück, sondern die Einwohner dieser Regionen, die von den Muslimen wegen ihres Analphabetentums und Heidentums diskriminiert und als "rückständig" bezeichnet werden, ziehen das Christentum der Islamisierung vor. Kulturell kann der Süden sich nicht christlich zuordnen, da Polygamie ein Teil der traditionellen Kultur ist und das nicht mit der christlichen Lehre übereinstimmt.

Der Glaube an traditionelle afrikanische Religionen besteht weiterhin, auch nach Bekehrung zum Monotheismus. Die Mehrzahl der traditionellen Religionen haben jedoch eines gemeinsam, den Glauben an eine Gottvater-Figur (Supreme Being), die über alles wacht. Die Religionen unterscheiden sich durch ihre Rituale, Symbolik und Vermittler zwischen dem "Supreme Being" und den Menschen. Bei einigen Völkern sind die Ahnen die Vermittler, bei anderen die Priester oder beide.

Religion als politisches Instrument bzw. Radikalismus hat sich im Sudan unter dem Einfluss von Hassan al-Turabi und seiner National Islamic Front verbreitet. (siehe: Punkt 2 Geschichte, Staat & Politik) Da jedoch die überwiegende Mehrzahl der Sudanesen nicht zum Fanatismus neigt, hat sich die Situation in den letzten Jahren wieder etwas beruhigt.

4.6.5

Auswirkungen der Religion auf Alltagsleben und Beruf

Das Alltagsleben im Nordsudan richtet sich nach dem Islam und eine zumindest geringe Anpassung in der Kleidung und den Verhaltenweisen erleichtert das Dasein. Im Nordsudan werden Muslime in öffentlichen Dienststellen oft bevorzugt. Im Süden geschieht seit der Autonomie das Gegenteil. Ob sich die Verhaltensweisen in naher Zukunft verändern werden, bleibt abzuwarten.

 

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