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Vom "demokratischen Zentralismus"...
Der Sturz des portugiesischen Diktators Caetanos durch die Armee ("Nelkenrevolution") im April 1974 kam für die mosambikanische Befreiungsbewegung Frente de Libertação de Moçambique (Frelimo) völlig überraschend. Die Frelimo hatte ihren Befreiungskampf vom Norden des Landes aus geführt, vor allem in der Provinz Cabo Delgado, auf die neue Situation war sie weder politisch noch militärisch vorbereitet. Gleichwohl war sie die einzige mosambikanische Ansprechpartnerin Portugals für die Unabhängigkeitsverhandlungen. Am 7. September kam es in Lusaka (Sambia) zu einem Abkommen, das die Verwaltung des Landes durch eine Übergangsregierung bis zur Unabhängigkeit vorsah. Zugleich trat ein Waffenstillstand in Kraft. Ein Aufstand von ultrakonservativen weißen Siedlern konnte niedergeschlagen werden.

    Mosambik 1974: Operationsgebiet der Frelimo

Der aus der Provinz Gaza stammende Frelimo-Präsident Samora Machel führte Mosambik am 25. Juni 1975 in die Unabhängigkeit. Die Frelimo musste zunächst das Vertrauen der Bevölkerung in all den Landesteilen gewinnen, die nicht vom Widerstandskampf betroffen war. Dafür bediente sie sich auch der Einrichtung von Umerziehungslagern, was einen ersten Keim unzufriedener Kleinbauern vor allem im Zentrum des Landes legte, aus denen sich später die Renamo-Rebellen rekrutieren konnten.

Schwerer wog in den Anfangsjahren jedoch, dass die Machtübernahme der Frelimo eine Massenflucht der Portugiesen in Gang setzte. Etwa 90 Prozent der 200.000 portugiesischen Siedler verließen das Land Hals über Kopf und zerstörten dabei mutwillig ein Großteil der Produktionsmittel. Vorrangiges Ziel der Frelimo war es deshalb, den wirtschaftlichen Niedergang aufzuhalten, eine neu gebildete und politisch konforme, auf das Gemeinwohl bedachte Gesellschaft zu formen und ihre politische Präsenz auch auf Zentral- und Südmosambik auszuweiten. Unter Machel setzte die Regierung auf eine rasche, staatlich initiierte und kontrollierte Modernisierung. In den ersten Jahren wurden erst das Bildungs- und Gesundheitswesen, dann auch die Versicherungen und die meisten Banken verstaatlicht.

Entsprechend der dominierenden politischen Konzepte der Befreiungsbewegung wurde Mosambik ein Einparteienstaat. Auf dem III. Kongress 1977 bekannte sich die Frelimo zur "marxistisch-leninistischen" Avantgarde-Partei, der Massenorganisationen für Frauen, Jugendliche und die Gewerkschaft angegliedert wurden. Organisations- und Arbeitsprinzip für Staat und Partei wurde der "Demokratische Zentralismus". Im gleichen Jahr fanden auch die ersten Wahlen - von der Gemeinde aufwärts bis hinauf zur Volksvertretung - statt.

Der für den Aufbau des neuen Staates benötigte Bedarf an Facharbeitern und qualifiziertem Personal absorbierte praktisch alle Uniabsolventen, die verantwortungsvolle Posten übernahmen. Aufgrund ihres Kadermangels konnte die Frelimo den Abzug der Portugiesen nicht kompensieren, den Platz füllten zahlreiche Berater und Ausbilder aus der Sowjetunion und später auch der DDR und anderen Ostblockstaaten.

Außenpolitisch unterstützte Mosambik die Befreiungsbewegungen in Südafrika (ANC) und Rhodesien (ZANLA). Das veranlasste das rhodesische Siedlereregime unter Ian Smith, eine Widerstandsbewegung aus Frelimo-Dissidenten und Söldnern aufzubauen, die zunächst unter der englischen Bezeichnung Mozambique National Resistance (MNR) Sabotageakte in Mosambik verübte, um die Regierung unter Druck zu setzen. Nach der Unabhängigekeit Rhodesiens (Simbabwes) im Jahre 1980 übernahm das südafrikanische Militär die logistische Unterstützung der Rebellengruppe, die bald unter der port. Bezeichnung Resistência Nacional Moçambicana (Renamo) mit gezielten Anschlägen nicht nur auf die Infrastruktur des Landes (Eisenbahnen, Brücken), sondern auch mit brutalen Angriffen auf die Zivilbevölkerung traurige Berühmtheit erlangte. Das Apartheidregime wollte die Entstehung eines sozialistischen, nicht-rassistischen Staates an seiner Grenze verhindern. Die Renamo konnte sich dabei auch das Konfliktpotenzial zunutze machen, das durch die Erodierung der Basis der Frelimo infolge von Zwangsumsiedlungen und die Zerstörung der traditionellen Strukturen vor allem im Zentrum des Landes geschaffen wurde.

Machel und die mosambikanische Regierung verkannten das Problem, dass sich der "Destabilisierungskrieg" allmählich zu einem "Bürgerkrieg" ausweitete. Zwar versuchte die Frelimo auf ihrem IV. Kongess 1983 eine Wende zugunsten der vernachlässigten und unzufriedenen Kleinbauern, doch die fortgesetzten Kämpfe und eine verheerende Dürre brachten das Land immer mehr in Bedrängnis. Mosambik stand wirtschaftlich mit dem Rücken zur Wand. Südafrika hatte den Nachbarn da, wo es ihn haben wollte. Machel musste sich schließlich darauf einlassen, im März 1984 einen Nichtangriffspakt mit Südafrika, den Nkomati-Vertrag, abzuschließen. Er zwang Mosambik zu einem Verzicht auf die Unterstützung des ANC und zu einer stärkeren Einbindung in die südafrikanische Wirtschaftszone. Die Hoffnungen, die sich für Machel mit dem Vertrag verbanden, erfüllten sich nicht. Im Gegenteil, Südafrika versorgte die Renamo noch vor Vertragsabschluss mit mit Nachschub, ließ die Kämpfe eskalieren und scheute sich auch später nicht, den Vertrag immer wieder, selbst mit Flugzeugangriffen auf angebliche ANC-Büros in Maputo, offen zu brechen.

... zur Mehrparteiendemokratie
Mitte der 80er Jahre hatte sich die Lage in der Region des Südlichen Afrika zugespitzt: Die USA hatten begrenzte Wirtschaftssanktionen gegen das Apartheidregime in Südafrika verhängt. Premier Botha, der innenpolitisch durch die zunehmenden Ausschreitungen in den schwarzen Townships unter Druck stand, veranlasste eine Ausweisung aller mosambikanischen Wanderarbeiter aus seinem Land. Südafrikanische Truppen wurden an der Nordgrenze zu Mosambik zusammengezogen. Inmitten dieser Ereignisse stüzte die mosambikanische Präsidentenmaschine, die Samora Machel von einem Frontstaatengipfel in Lusaka zurückbringen wollte, mit 34 hochrangigen Begleitern nahe der südafrikanischen Grenze ab. Das dortige Militär hatte die Maschine mit mobilen Funkgeräten in der Dunkelheit vom richtigen Kurs auf Maputo abgelenkt und in die Berge von Mbuzini irregeleitet, wo es zerschellte.

Machels Nachfolger, Joaquim Chissano, leitete entscheidende Veränderungen ein, die zu einer allmählichen Umorientierung der Regierungspolitik und zur vorsichtigen Öffnung der Staates führten. Zunächst setzte er fort, woran Machel noch gescheitert war, nämlich eine Verbesserung der außenpolitischen Kontakte zu den USA, Großbritannien und anderen europäischen Regierungen, um die Renamo international zu isolieren. Mit Südafrika konnte er einen Vertrag über die Nutzung des Cahora Bassa-Staudammes schließen. Gleichzeitig öffnete er das Land für ein Austäritätsprogramm des IWF, dessen Handschrift beim 1987 verabschiedeten "Programm für den wirtschaftlichen Wiederraufbau" (PRE) unverkennbar war. Damit hatten IWF und Weltbank nun auch in Mosambik einen weitgehenden Zugriff auf die nationale Planung der Wirtschaft. Der Begriff "Sozialismus" verschwand bald aus dem politischen Jargon in Maputo.

Chissanos Hauptziel war die Beendigung des Bürgerkrieges, wobei er bald einsehen musste, dass eine "totale Eliminierung" der Renamo eine Illusion war. Der Krieg war militärisch für beide Seiten nicht zu gewinnen. Eine Generalamnestie für Renamo-Soldaten hatte allerdings nicht den gewünschten Erfolg, mit grausamen Massakern an der Zivilbevölkerung behinderte die Renamo immer wieder den Öffnungskurs Chissanos. Innenpolitisch sah Chissano deshalb substanzielle Reformen vor, die der Renamo jegliche politische Legitimierung für ihren Terrorkrieg entzog. Mit der Einführung einer neuen Verfassung verankerte er für Mosambik die Mehrparteiendemokratie und die Unabhängigkeit der Justiz.

Mit dem Ende des Kalten Krieges Ende der 1980er Jahre versiegte jegliche Unterstützung für Frelimo bzw. Renamo. In diesem günstigeren Klima bot sich Chissano nun die Chance, erste Sondierungsgespräche und schließlich direkte Verhandlungen mit der Renamo aufzunehmen. Vermittelt durch die katholische Gemeinschaft Sant'Egidio kam es 1990 in Rom zu zweijährigen, zähen Friedensverhandlungen, an deren Ende endlich der Friedensvertrag von Rom im Jahre 1992 stand. Der Krieg war beendet, die UN-Mission UNOMOZ stationierte überall im Lande 7000 Blauhelme, organisierte die Demobilisierung und Entwaffnung von 100.000 ehemaligen Soldaten, darunter 20.000 Renamo-Kämpfern, überwachte die Einhaltung des Friedens und sorgte im November 1994 schließlich auch für einen reibungslosen Ablauf der ersten freien Wahlen Mosambiks.
Mosambik war nach vielen schmerzlichen Irrwegen endlich in einem Frieden angekommen, der sich als erstaunlich stabil erweisen und dem Land eine rasche wirtschaftliche und soziale Erholung ermöglichen sollte.

Lothar Berger