| Nun offiziell in einer Rezession |
Prof. Jomo K.S.
Wirtschaftswissenschaftler an der University of Malaya
Anfang September war Prof. Jomo K.S. eingeladen, auf der EUROSEAS Konferenz in Hamburg die Eröffnungsrede zu halten. Er sprach in der Hamburger Handelskammer vor europäischen Südostasienwissenschaftlern und Vertretern des Ostasiatischen Vereins, der deutschen Wirtschaftsvereinigung für Ostasien, über die Finanzkrise in Südostasien. Peter Franke unterhielt sich mit ihm über die Wirtschaftsentwicklung Malaysias in der letzten Zeit.
Frage: Seit unserem Gespräch vor 10 Monaten*) hat sich die Finanzkrise in Ost- und Südostasien offensichtlich in einigen Ländern zu einer anhaltenden Rezession entwickelt. Was hat sich in Malaysia seit Ende letzten Jahres ereignet?
Jomo: Ende 1997 passierten zwei Dinge, die die Situation verschlechtert haben. Erstens intervenierte Anfang November die malaysische Regierung um die Firma Renong zu retten. Eine ihrer Tochterfirmen, die United Engineers Malaysia (UEM), der die wichtigste gebührenpflichtige Autobahn gehört, kaufte sich mit ihren Überschüssen bei Renong ein. Renong hat gute Kontakte und Verbindungen zur Regierungspartei. Das hat sich massiv auf die Börse ausgewirkt. Am Tag nach der Bekanntgabe der Veränderung von Bestimmungen zur Rettung Renongs durch die Regierung fielen die Börsen um 20 %. Man hatte den Eindruck, es gibt unterschiedliche Regeln für verschiedene Leute und das wirkte sich sehr negativ auf das Vertrauen in den Markt aus.
Zweitens erfolgte Anfang Dezember eine Umkehr bei den makroökonomischen Maßnahmen. Am 5. Dezember kündigte die Regierung massive Ausgabenkürzungen an. Anschließend wurden die Zinsen erhöht und der Geldumlauf gedrosselt. Ergebnis war die Umwandlung einer ursprünglichen Finanzkrise zu einer Rezession. Trotz der Währungskrise Mitte 1997 konnte für das Jahr immer noch ein Wirtschaftswachstum von 7,3 % verzeichnet werden.
Aber für das erste Quartal sank die Wachstumsrate auf -2,8 % und für das zweite Quartal sogar auf -6,8 %. Malaysia erlebt nun auch offiziell eine Rezession und zwar nicht nur eine kleine, sondern eine mit einem durchschnittlichen Minuswachstum von -4,8 % im ersten Halbjahr 1998, früher geradezu unvorstellbar für Malaysia.
Wie konnte das passieren? Zum Teil weil Malaysia eine IWF-Politik (Internationaler Währungsfond) verfolgte, obwohl es nicht von dem IWF bevormundet werden konnte, da es von ihm keine Kredite bekam oder auch nur wollte. Diese Politik wurde im Land immer unpopulärer, wenn auch die internationale Gemeinschaft damit zufrieden war. Der Ringgit fiel gegenüber einem US$ von 2,50 im Juni 1997 auf 4,88 im Januar 1998 und erholte sich bei etwa 3,50 im Mai dieses Jahres und liegt nun bei etwa 4,20 auf dem Schwarzmarkt im Vergleich zum offiziellen Wechselkurs von 3,80.
Im Mai kamen die Ereignisse in Indonesien hinzu, die schließlich zum Rücktritt des indonesischen Präsidenten Suhartos führten. Viele Anhänger Anwar Ibrahims haben sich in Malaysia davon blenden lassen. Sie dachten, mit ähnlichem Druck und Kritik an der Politik Mahathirs, wegen Korruption und Vetternwirtschaft, ihn stürzen zu können und ihr Mann Anwar würde dann Premierminister. Das war eine schlecht ausgedachte Kampagne gegen den Premierminister Anfang Juni.
Anwar, stellvertretender Premier- und Finanzminister, beginnt jedoch in der 3. Juni-Woche einige Konzessionen zu machen. Es ist nicht klar, ob er sie machte, weil Mahathir unzufrieden mit der Politik Anwars war, ob er sich von seinen Anhängern distanzieren wollte, oder weil er sah, daß die Wirtschaft wegen seiner eingeleiteten Politik stagnierte. Aus welchen Gründen auch immer er eine Kehrtwende vollzog, er kündigte auf dem Parteitag der herrschenden Partei höhere Staatsausgaben an. Kurz zuvor hatte er die Zinsen ein wenig gesenkt und versucht, den Geldumlauf zu vergrößern. Seine Rede war nicht sonderlich kritisch und gab nicht die Kritik seiner Anhänger an Mahathir wider.
Vom Parteitag kam Mahathir gestärkt hervor und hatte die Führung der Jugendorganisation der Partei blamiert, die den Angriff auf ihn vorgenommen hatte. Kurz danach ernannte Mahathir Daim Zainuddin, den früheren Finanzminister, zum Minister für Besondere Aufgaben und drängte Anwar ins Abseits. Anwars Leute in den Massenmedien wurden ausgewechselt und es gab eine Menge Gerüchte, daß gegen Anwar ermittelt und er zum Rücktritt gezwungen würde.Wann kamen solche Gerüchte auf?
Unmittelbar nach dem Parteitag Ende Juni. Sie kursierten sehr stark während der Monate Juli und August. Etwa zwei Monate gab es eine große Ungewißheit und der Ringgit fiel von 3,50 auf etwa 4,20 gegenüber dem US$. Schließlich erreichte Mahathir den Rücktritt des Gouverneurs der Zentralbank und seines Stellvertreters, die beide als Verbündete von Anwar angesehen wurden, und kündigte am 1. September eine Kontrolle des Währungstausches und eine Reihe anderer Maßnahmen an, die natürlich sehr drastisch sind. Am 2. September setzte er den Wechselkurs des Ringgit auf 3,80 gegenüber dem US$ fest und entließ Anwar am gleichen Tag um 17.30 Uhr aus der Regierung.
Könnten Sie kurz erläutern, worin die Unterschiede zwischen der IWF-Politik und den Maßnahmen Mahathirs zur Bekämpfung der Wirtschaftskrise bestehen?
Mahathirs Politik ist von verschiedenen Überlegungen beeinflußt. Im Grunde genommen sagt er, man kann nicht ernsthaft innerhalb kürzerer Zeit mit einem Wiedererstarken des internationalen Vertrauens rechnen. Es liegt eine drastische Situation vor und man muß drastische Maßnahmen ergreifen. Man muß das Kapitalkonto schließen trotz der Probleme, die das nach sich zieht, und man versucht, den Ringgit zu stärken, das binnenwirtschaftliche Vertrauen wiederzubeleben und mehr Geld in den Umlauf zu bringen.
In Singapur liegen etwa 30 Mrd. Ringgit beziehungsweise werden dort gehandelt. Mahathir erzwingt durch seine Maßnahmen eine Rückkehr dieses Geldes nach Malaysia. Einiges davon wird möglicherweise nicht zurückkehren sondern woanders hin transferiert, in andere Währung umgetauscht werden. Aber vieles davon wird nach Malaysia zurückkehren und dieses Geld wird zu etwas niedrigeren Zinsen erhältlich sein und somit könnten Leute damit investieren, und es nicht an der Börse anlegen. Darum haben wir in den letzten zwei Tagen eine Stärkung des Ringgit, weil das Geld zurückkehrte und der Wechselkurs fiel von 4,40 auf 3,90 Ringgit zum US$ bevor die Regierung ihn auf 3,80 festgeschrieben hat. Eine Festschreibung auf 3,80 mag für diejenigen enttäuschend sein, die einen stärkeren Ringgit wollten. Aber das bedeutet auch, daß die Konkurrenzfähigkeit der Exporte aus Malaysia erhöht wird.
Eine andere Sache ist der Zusammenbruch der Börse am Nachmittag des 1. September von einem Höchstwert von knapp 1300 Zählern im Februar 1997 auf 264 Zähler nach der Rede von Mahathir. Aber bereits in den letzten drei Tagen ist der Index wieder beachtlich angestiegen, zum Teil auf Grund von Ankäufen durch staatliche Institutionen. Die kurzfristig erwünschten Wirkungen werden wahrscheinlich eintreten. Wenn sie funktionieren, könnten viele andere Regime in der Region dazu ermutigt werden, sich ebenso zu verhalten.
Aber natürlich ist diese Vorgehensweise ziemlich gefährlich und mit einer Reihe von Problemen behaftetet. Es gibt bereits Leute, die Mahathir raten, dafür zu sorgen, daß es sich hierbei nur um kurzzeitige Maßnahmen handelt, und daß die Schäden möglichst gering gehalten werden.
Natürlich sind die ausländischen Investoren (einschließlich der langfristigen, ausländischen Direktinvestoren) beunruhigt und die malaysischen Behörden werden sich ins Zeug legen müssen, diesen ausländischen Investoren zu versichern, daß ihre Interessen nicht tangiert oder unterlaufen werden, indem ihnen das Leben bei Genehmigungen usw so leicht wie möglich gemacht wird. Wenn das alles passiert, denke ich, kann der Schaden gering gehalten werden.
Es ist auch wahrscheinlich, daß ein Schwarzmarkt mit malaysischer Währung entsteht. Aber ich glaube nicht, daß das so schlimm sein wird, wie viele Leute erwarten, denn der Ringgit ist mit 3,80 zum US$ doch ziemlich realistisch bewertet worden, nur wenig günstiger als kurz zuvor auf dem freien Währungsmarkt.Welche Wirtschaftssektoren sind am stärksten von der Rezession betroffen?
Am stärksten ist die Bauwirtschaft betroffen mit vielen Firmenzusammenbrüchen. In gewisser Hinsicht weine ich den Firmen keine Träne nach, denn es gab so viele unsinnige Bauvorhaben. Ich würde stattdessen lieber zwei alternative Arten von Bautätigkeiten sehen.
Zum einen gibt es immer noch Gebiete der physischen Infrastruktur, wo Baumaßnahmen wünschenswert sind wie Schulen, Straßen und Krankenhäuser im ländlichen Bereich, Brücken usw. Ich hoffe, sie werden nicht betroffen sein.
Zum anderen passiert in den urbanen Gebieten, insbesondere in den großen Städten, nur sehr wenig hinsichtlich des öffentlichen Wohnungsbaus. Die Versuche, sozialen Wohnungsbau aufrecht zu erhalten, sind aus einer Reihe von Gründen ziemlich unrealistisch geworden. Aber ich denke, es sollte versucht werden, verschiedene Maßnahmen zu ergreifen, um den öffentlichen Wohnungsbau für niedrige und mittlere Einkommen zu verstärken. Dafür müßten Anreize geschaffen werden. Wenn es Versuche geben sollte, die Bauwirtschaft wieder auf die Füße zu helfen, dann sollte es auf diesen beiden Gebieten sein, der wünschenswerten und vernachlässigten Infrastruktur und dem öffentlichen, sozialen Wohnungsbau. Mit der Aussicht auf wachsende Arbeitslosigkeit, könnten solche Bereiche für öffentliche Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen geeignet sein.Erleben landwirtschaftliche Betriebe mit Exportprodukten nicht einen Aufschwung?
Das kommt auf die Produkte an. Viele landwirtschaftlichen Exportprodukte sind 1997 von der Dürre durch El Nino betroffen worden und 1998 vor kurzem von La Ninia. Es gab einige gegenläufige Auswirkungen. Einige Preise von Exportwaren wie z.B. Rohöl sind niedrig. Ansonsten würde ich jedoch sagen, daß sich der Export landwirtschaftliche Produkte recht gut entwickelt hat.
Wir haben heute über einen wachsenden Wohlstand in den ländlichen Gebieten, die ihre Produkte exportieren, gehört. Es soll dort sogar Leute geben, die in die Städte gekommen sind, um Autos zu kaufen, die sich die Städter nicht mehr leisten können. Gibt es ähnliche Entwicklungen in Malaysia?
Solch dramatische Geschichten sind mir noch nicht zu Ohren gekommen. Aber es würde mich nicht überraschen, von ähnlichen Vorkommnissen zu hören.
Banken und Finanzdienstleistungen werden wohl die Wirtschaftsbereiche mit den größten Problemen sein?
Es ist sehr wahrscheinlich, daß viele Leute wegen der erzwungenen Konsolidierung des Finanzsektors entlassen werden. Einige Banken müssen zusammengehen, aber wichtiger noch, viele der Finanzinstitute machen zu.
Wieviele Menschen sind von Entlassungen betroffen?
Im Finanzsektor können wir mit einigen Zehntausend rechnen.
Wie steht es mit den exportorientierten Industrien wie Textil und Elektronik?
Nach meiner Einschätzung wird die Krise Malaysia in diesen Bereichen nicht so schwer treffen, weil die meisten der verarbeitenden Industrien weiter produzieren werden, denn sie gehören transnationalen Konzernen, nicht wie in Thailand, wo diese zu einem größerem Ausmaß Einheimischen gehören. Allerdings ist das Problem, daß die Absatzmärkte einiger dieser transnationalen Konzerne betroffen sind. Die Rezession in Japan ist dabei sehr wichtig. Die Absatzmärkte in Südostasien sind alle beeinträchtigt und der 20 % Rückgang an der Wall Street und der Wohlstandsverlust in den USA wird dort zu weniger Konsum führen, was die Exportmöglichkeiten verringert. All dies wird einen exportorientierten Ausweg erschweren.
Welche Teile der Bevölkerung sind am meisten betroffen von der Krise?
Am stärksten werden die Beschäftigten der Bau- und Finanzwirtschaft betroffen sein. Eine große Zahl der Beschäftigten in der Bauwirtschaft sind natürlich Ausländer, insbesondere aus Indonesien aber auch aus Bangladesh und anderen Ländern. Eine große Zahl der Beschäftigten der Finanzwirtschaft war früher ziemlich privilegiert. Diese Entwicklung wird für sie ein großer Schock.
Gibt es einen ethnische Dimension der Rezession?
Die Bauwirtschaft ist weitgehend mit ausländischen Arbeitern besetzt und unter den Malaysiern auf der unteren Ebene sind es meist Inder und Malayen. Bei den qualifizierten Arbeitern handelt es sich vorwiegend um Chinesen. Die Subunternehmen auf der unteren und mittleren Ebene sind zum großen Teil in ethnisch chinesischer Hand. Die Bauunternehmen mit Staatsaufträgen sind meist in malaiischer Hand. Alle werden betroffen sein.
Gibt es Anzeichen für eine Zunahme der Ethnopolitik als Folge der Rezession?
Ich denke, man kann den malaysischen Politikern von der herrschenden Regierungskoalition wie auch der Opposition zu Gute halten, daß sie alle auf die Krise so reagiert haben, ohne die ethnische Frage ins Spiel zu bringen. Diesen Aspekt in solchen Situationen ins Spiel zu bringen ist immer einfach, aber sie haben es nicht getan. Das gilt für die führenden Politiker auf der oberen Ebene. Auf der mittleren Politikebene gibt es viele, die nun ethnische Fragen ins Spiel bringen.
Können die Ausschreitungen gegen Chinesen in Indonesien ähnliche Stimmungen und Aktionen unter den Malayen gegen die Chinesen in Malaysia entzünden?
Es gibt unter einigen Chinesen und auch Indern das Gerede, daß der IWF Einfluß auf Malaysia nehmen und mit der Neuen Ökonomischen Politik aufräumen sollte, die für sie Ausdruck des Kumpanei-Kapitalismus in Malaysia ist. Sie sehen keine übergeordnete Macht, welche den Staat beeinflussen kann. Immerhin hat der IWF, nach ihrem vereinfachenden Verständnis der Dinge, Suharto gestürzt. Die Leute vom IWF sind somit die einzigen, die mit Mahathir umgehen können.
Es gibt also dererlei Gerede unter einigen Elementen der Mittelklasse. Aber die malaysische Regierung und auch die Oppositionspolitiker haben solche Äußerungen vermieden. Ein Grund dafür ist die Möglichkeit vorgezogener Wahlen. Allen ist klar, daß die herrschende Regierungskoalition nicht so gut abschneiden wird, wie bei den letzten Wahlen, welche seinerzeit die besten Ergebnisse der Regierungskoalition überhaupt erzielt hatte. Die Regierung will die Verluste minimieren und die Opposition will möglichst hohen Gewinn aus der Situation ziehen. Der Opposition ist auch klar, daß außer in einigen Wahlkreisen mit hoher ethnischer Konzentration, sie auf eine breites Spektrum setzen müssen. Der multiethnische Charakter war bisher geradezu ein Monopol der herrschenden Koalition. Man kann sozusagen eine Ent-Ethnisierung der Politik beobachten.
Aber die jüngste Spaltung innerhalb der UMNO scheint mir gefährlich. Denn bei Streit innerhalb UMNOs geht es immer schnell darum, wer malaiischer ist, wer die Interessen der Malayen besser vertritt. Es würde mich zum Beispiel nicht wundern, wenn Anwars Lager dem Lager Mahathirs vorwirft, viel mehr mit chinesischem Kapital und chinesischen Geschäftsleuten zusammenzuarbeiten.Glauben Sie Anwar würde selbst mit solchen Argumenten kommen?
Es würde mich nicht wundern, wenn er es in privaten Gesprächen gutheisst. Er ist klug genug, nicht da-
mit an die Öffentlichkeit zu gehen. Aber seine Leute werden das vielleicht tun.Ist er so verzweifelt, daß er solche Schritte wählen könnte?
Woran soll er sonst appellieren, wenn er für die Legitimität von UMNO appelliert?
An den Islam.
Ja, das ist natürlich das andere. Eine Kombination von allem. Es wird ein Appell an den Islam und »pribumi« in der Art von Adi Sasono oder Habibie sein. Es ist diese Kombination.
Hat die Rezession in den letzten 10 Monaten seit unserem letzten Gespräch Auswirkungen auf die Umwelt gezeigt?
Ich glaube, das ist ein wenig kompliziert und darauf gibt es keine eindeutige Antwort. Die Abholzung ist zurückgegangen, weil es weniger Wald gibt zum Abholzen. Das Bakun-Projekt wurde gestrichen oder vielmehr auf unbestimmte Zeit vertagt und andere, alberne Bauvorhaben wurden gestrichen bzw. vertagt.
Welche genau?
Zum Beispiel der Flughafen im Meer bei Kedah wurde vertagt. Nichts wurde gestrichen. Die Hochlandautobahn wurde vertagt, die Brücke von Sumatra nach Malaysia, all diese Dinge wurden vertagt.
Aber der Multimedia Supercorridor wird weiter gebaut?
Ja. Aber andere Projekte wurden weitgehend vertagt und hoffentlich schließlich auch fallengelassen.
Wo aber mit Projekten im großen Ausmaß bereits angefangen wurde, wie zum Beispiel beim Bakun-Projekt, was macht man dann? Versucht man die Verluste zu verringern, indem ein kleinerer Damm gebaut wird und Elektrizität nur für die Insel Borneo produziert wird? Das ist eine Möglichkeit. Schließlich ist der Wald auf der Fläche des Stausees bereits abgeholzt. Das muß die Regierung neu überdenken. Und es ist wichtig, daß die Umweltopposition das auch überdenkt.
Sind ihre Einwände gegen das Bakun-Projekt prinzipieller Natur, weil sie gegen alle großen Dämme sind oder geht es ihnen um die möglichen Umweltbeeinträchtigungen. Angesichts der Tatsache, daß die Fläche des Stausees bereits abgeholzt ist und daß nun ein Wasserauffangbecken gebraucht wird, kann es bedeuten, daß ein Stausee zum Erhalt des Waldes sinnvoll sein kann. Das sind Herausforderungen, welche die Umweltopposition, fürchte ich, bisher nicht wirklich angenommen hat.Gibt es noch eine größere Umweltopposition?
Nein. Die Umweltopposition kommt aus der schwatzenden Klasse. Sie hat Zeit darüber nachzudenken, aber war bisher wohl nicht bereit das zu tun.
Außer der EPSM (Environmental Protection Society Malaysia) und SAM (Friends of the Earth) gibt es keine weiteren Umweltorganisationen in Malaysia?
Es gab ein großes Aktionsbündnis gegen das Bakun-Projekt. Ich habe aber in der letzten Zeit nichts mehr von ihm gehört.
Es gibt keine institutionalisierten Umweltorganisationen, die Untersuchungen machen und mit handfesten Vorschlägen kommen?
Es gibt keine unabhängigen Forschungseinrichtungen auf diesem Gebiet in Malaysia. Die einzigen Leute, die unabhängige Untersuchungen vornehmen, sind wahrscheinlich die im Umfeld des Konglomerates CAP (Consumers Association Penang). EPSM hat nicht die Mittel, um viele unabhängige Untersuchungen zu machen.
Wie sehen Sie die Perspektiven für die Wirtschaftsentwicklung in Malaysia? Was sind Ihre Vorschläge für eine kurz- und mittelfristige Politik?
Die erste Priorität für Malaysia ist, aus der Rezession herauszukommen. Aber es wird ein Problem für die malaysische Regierung fast als einzige der neoliberalen IWF-Orthodoxie zu widerstehen. So wenig ich besondere Sympathien für Mahathir hege, hoffe ich doch, daß die Politik Erfolg hat. Ich bin dabei nicht sonderlich optimistisch. Aber es ist wichtig zu erkennen, daß selbst wenn sie nicht erfolgreich ist, nicht die grundsätzlichen Prinzipien falsch sind, sondern daß die malaysische Regierung in gewisser Weise etwas fanatisch die Durchführung einiger der Maßnahmen vornimmt.
Ferner wird das System der Kumpanei, das sich über Jahre hinweg entwickelt hat, und ich möchte betonen, es blieb nicht statisch und hat sich über die Jahre auch verändert, wohl angesichts der Krise einige Veränderungen erleben wird. Aber ich glaube nicht, daß wir ein Ende der Kumpanei erleben werden, sondern lediglich neue Formen. Es wird wichtig für uns sein, diese zu erkennen.
Einheimische nicht mehr als Rgt 1.000 aus dem Land mitnehmen, was nicht einmal für 2 Übernachtungen im Hotel reichen wird. Jetzt müssen die ausländischen Devisen gekauft werden, bevor man das Land verläßt. Aber es ist manchmal schwierig vorherzusehen, wieviel man brauchen wird. Es wird also verschiedenste Problem dieser Art mit dieser neuen Währungskontrolle geben.Aber im Prinzip halten Sie das für ein angemessenes Vorgehen?
Ich denke es gibt viele mögliche Maßnahmen, aber ich unterstütze zwei Richtungen.
Erstens werden die Währungskontrollen eine positive Wirkung haben. Mit der Auflösung des Markts für Ringgits in Singapur werden die Möglichkeiten einer malaysischen makroökonomischen Politik verstärkt. In Singapur wird viel mit dem Ringgit spekuliert und das bedeutet, daß die malaysischen Behörden keine Kontrolle über ihre Währung haben, sie damit eingeschränkt und behindert in ihren Möglichkeiten sind.
Zweitens haben sie sich prinzipiell für eine Kontrolle des Kapitalflusses entschieden. Sie sind nicht mehr an kurzfristigen Geldern interessiert. Wenn man mit Geld nach Malaysia kommen willst, mußt man sich längerfristig verpflichten. Das ist sehr wichtig, sich weniger auf kurzfristige Gelder zu verlassen. Der Grad der Unstetigkeit und Instabilität des Kapitalmarktes werden als Konsequenz erheblich verringert.
Diese beiden Maßnahmen sind sehr wichtig und ich würde sie unterstützen. Sie kommen zwar ein bißchen spät, sind aber dennoch wünschenswert.Glauben Sie, daß die Geschäftswelt diese Maßnahmen auch unterstützt?
Nein, ich glaube der große Teil von ihnen wird nicht sonderlich davon begeistert sein. Sie wollen Freiheit für dies und jenes. Natürlich wird die ausländische, internationale Finanzwelt sich sie ablehnen. Die malaysischen Behörden werden in absehbarer Zukunft eine sehr schlechte internationale Presse bekommen.
Gibt es die Möglichkeit auf regionaler Ebene in Kooperation innerhalb Südostasiens mit der Rezession fertig zu werden, oder wird sie die Konkurrenz zwischen den Ländern erhöhen und den Nationalismus stärken? Könnte es im schlimmsten Fall das Auseinanderfallen von ASEAN bedeuten?
Ein Auseinanderfallen von ASEAN ist für mich nicht der schlimmste Fall. Mich interessiert ASEAN als solches nicht besonders.
Wenn wir vom schlimmsten Fall sprechen, so denke ich, daß die Menschen in der Regel sehr wenig verstehen, wie die Weltwirtschaft sich verändert hat. Ich rede nicht von einer Wiederholung von 1929. Aber es gibt die reelle Möglichkeit, daß der Kursverfall der Börse in den USA, der Zusammenbruch der russischen Wirtschaft und der Fehlschlag, in Japan die Wirtschaft wieder in Gang zu kriegen, zu einer Art Teufelskreis führen, der eine katastrophalere Situation zur Folge haben kann. Davon werden die Volkswirtschaften Südostasiens stark betroffen sein, besonders Malaysia. Einige von ihnen gehören zu den offensten Volkswirtschaften der Welt. Ihre Produktionsstruktur ist derart auf den Export ausgerichtet, daß es nicht leicht sein wird, sich auf eine Produktion für den Binnenmarkt umzustellen. Das ist ein großes Problem.
China wird anders betroffen sein. Indien wird anders betroffen sein.
Es ist ziemlich realistisch, selbst wenn es keine weltweite Depression gibt, daß mit einer nennenswerten Verringerung des Weltwirtschaftswachstums sich das Negativwachstum 1998 in Malaysia fortsetzen wird. Selbst wenn eine Erholung nach 1998 eintritt, so wird sie nicht den Stand vor 1997 erreichen. Es wird nur ein geringes Wachstum geben.Werden in der Region eigentlich auch Grundsätze des kapitalistischen Wirtschaftssystems kritisiert und gibt es Vorstellungen von Alternativen zur allgemeinen Entwicklung?
Wir können im Grunde genommen nur das Anwachsen populistischer und nationalistischer Kritiken beobachten, die sich in verschiedenste Richtungen entwickeln. Hält man sich die Geschichte Europas vor Augen, sind der Faschismus und Nationalsozialismus aus einer ähnlichen Art von populistischen und nationalistischen Kritiken heraus entstanden. Ich denke, das sind die vorherrschenden Arten der Kritik, die gerade jetzt entstehen.
Die Geschichte wohin es geht, ist noch nicht zu Ende. Man wird sich an dieser Debatte beteiligen und sie beeinflussen müssen. Es ist sehr gut möglich, daß die Tendenzen für Liberalisierung umgelenkt werden, möglicherweise in ziemlich perverse Richtungen. Aber ich glaube es wäre ein schwerer Fehler von unserer Seite, sich nicht in die Debatte einzumischen. Wir haben alle erkannt, daß sich die Geschichte nicht so entwickelt, wie wir es gerne hätten, aber das bedeutet nicht, daß wir nicht weiterhin versuchen müssen, den Gang der Dinge zu beeinflussen.
(Quelle: südostasien 3-98, S.36-4025)
Stand: 09. Oktober 1998, © Asienhaus
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