| Vom Blick nach Osten
zur Ostasiatischen Wirtschaftsgruppe Malaysias Politik gegenüber Japan |
Jomo K.S.
Der Verfasser ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der University of Malaya in Kuala Lumpur. Der Artikel ist eine überarbeitete und gekürzte Fassung seiner Einführung in das von ihm herausgegebene Buch, Japan and Malaysian Development: In the Shadow of the Rising Sun, London 1994.
Seit den japanischen Meiji Reformen von 1868, auf welche die Modernisierung und Industrialisierung des Archipels unter der aufgehenden Sonne zurückgeführt werden, haben sich Wirtschaftsbeziehungen zwischen Japan und Malaysia entwickelt. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war der Einfluß Japans weit über seine Grenzen, sogar über sein unmittelbares Hinterland Nordost-Asien hinaus, gewachsen. Japan, arm an Rohstoffen und erst am Anfang der Industrialisierung, hatte nicht viel zu exportieren. Leidglich Kleinhändler boten Waren und Dienstleistungen an. Japanische Frauen wurden der Prostitution geopfert, um im Kampf um die Industrialisierung die wertvollen ausländischen Devisen für das rohstoffarme Land, zu verdienen. Eine brutale Situation, die sich zum Ende dieses Jahrhunderts ironischerweise umkehrte, als Tausende von Südostasiatinnen gezwungen waren, ähnliche Dienstleistungen japanischen Männern, ob in Japan oder in ihren eigenen Ländern, anzubieten.
Die kolonialen Exporte von Zinn, Kautschuk und anderen Rohstoffen aus Malaya in die industrialisierte Welt, einschließlich Japan, machten die Halbinsel im frühen 20. Jahrhundert zu eines der wertvollsten Juwelen in der Krone des britischen Reiches. Das in der Vorkriegszeit in Malaya abgebaute Eisenerz wurde ausschließlich nach Japan exportiert und lieferte ironischerweise den Rohstoff für den militärisch-industriellen Bereich, mit dem die kaiserlichen japanischen Streitkräfte die Halbinsel und die zahlenmäßig dreimal so starken britischen Streitkräfte innerhalb von nur knapp 3 Monaten im Dezember 1941 überrannten.1
Mit dem Wiederaufbau der japanischen Industrie in den 50er Jahren war eine wirtschaftliche Expansion unvermeidlich. Die neue, unabhängige Regierung Malayas setzte Ende der 50er Jahre auf Importsubstitution. Japanische Firmen bildeten daraufhin vor allem mit chinesisch-stämmigen Geschäftsleuten Joint-Ventures, um Marktanteile zu sichern. In den 70er Jahren siedelten sich zunehmend japanische Firmen in Südostasien an. Die wirtschaftliche Wiederherstellung bedeutete das Ende von Einschränkungen des Kapitalexportes und das japanische Ministerium für Handel und Industrie (MITI) förderte solche Auslandsinvestitionen. In den frühen 80er Jahren führten neue globale Überlegungen zu einem Rückgang von Investitionen in Südostasien, bei wachsenden Investitionen in Nordamerika und Europa. In Malaysia führte jedoch die verstärkte Industrialisierungspolitik der Regierung dazu, daß Staatsunternehmen, mit japanischer Entwicklungshilfe gefördert, (Official Development Assistance = ODA) Joint-Ventures mit japanischen Firmen bildeten.
In den letzten Jahrzehnten wurden japanische private Direktinvestitionen in Malaysia aus vielen Überlegungen heraus getätigt. Dazu gehörten die Sicherung der Rohstoffversorgung, der Gewinn neuer und die Erweiterung bereits bestehender Marktanteile, die Senkung der Produktionskosten durch die Verfügbarkeit von relativ billigen, teilausgebildeten Arbeitskräften, großzügige und attraktive Steuererleichterungen und andere Investitionsanreize, besseren Zugang zu anderen Märkten, insbesondere dem US-Markt (z.B. nach dem Multi-Fibre Abkommen - MFA - und dem Generalised System of Preferences - GSP) und eine weniger scharfe Umwelt- und Arbeitsgesetzgebung.2 Mit der Aufwertung des Yen Ende 1985 wurden japanische Firmen - dieses mal auch kleinere und mittlere Unternehmen - erneut dazu ermuntert, ins Ausland und insbesondere nach Südostasien und China zu gehen, um die Produktionskosten zu senken. Diese neue Phase japanischer Investitionen in Fertigungsindustrien, unterstützt durch Japans MITI, hat zu dem Wirtschaftsboom in Malaysia seit 1987 beigetragen, der zu einem großen Teil auf diese neue Welle von ausländischen Investitionen vor allem aus Ostasien in Fertigungsindustrien, zurückzuführen ist.3
Mahathirs "Look East" Politik
Das bereits 1983 herausgegebene Buch The Sun Also Sets4 war von zwei Vorstellungen inspiriert. Die aufgehende Sonne wird natürlich mit dem Osten gleichgesetzt, insbesondere mit Japan. Andererseits war einst die Tatsache, daß die Sonne in seinem auf dem gesamten Globus verteilten Herrschaftsgebiet niemals unterging, der Stolz des britischen Reiches auf dem Höhepunkt seiner Herrschaft. Der Buchtitel sollte daher daran erinnern, daß ebenso sicher wie die Sonne untergeht, sich die Reiche auflösen werden, und daß Vorherrschaft und Hegemonie eigentlich instabile Systeme sind. Es ist wichtig, im Zeitalter einer sich konsolidierenden japanischen Wirtschaftsmacht und einhergehend mit einer Verblendung über alles Japanische, dies im Kopf zu behalten.
Japans wirtschaftliche Macht ist ohne Frage eindrucksvoll trotz seiner Probleme in den frühen 90er Jahren. Die Faszination von Japans Erfolg im Westen rührt ironischerweise von einer Art naivem Rassismus gegenüber nichteuropäischen oder nichtweißen Zivilisationen, Gesellschaften und Kulturen. Somit erhält das japanische Wirtschaftswunder aus einer eurozentrischen oder nordatlantischen Perspektive eine starke exotische Verklärung, verglichen beispielsweise mit dem ebenfalls eindrucksvollen Wiederaufbau der westdeutschen Wirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg. Mit einer schweren Krise durch das Ende des Nachkriegsbooms, der manchmal als Goldenes Zeitalter des Keynsianismus bezeichnet wird, konfrontiert, wendet sich der industrielle Westen dem Osten zu, insbesondere Japan, im verzweifelten Versuch der Lösung der eigenen Probleme. Auch in geographischer Hinsicht ist die Idee des "Blicks nach Osten" (Looking East) von einer westlichen Perspektive her definiert. So gesehen ist das Nach-Osten-Schauen eine ziemlich westliche Mode in diesem historischen Zeitraum geworden.
Es gibt natürlich andere Gründe, für Südostasiens verspäteten Blick nach Osten (eigentlich nach Norden), nach Japan. Die bitteren Erfahrungen mit der japanischen Besetzung sind ein halbes Jahrhundert später in den einzelnen Ländern noch immer in lebendiger Erinnerung. Wichtiger noch für das anhaltende Mißtrauen in die Motive und Einstellung Japans ist wahrscheinlich die sture Weigerung aller bisherigen japanischen Regierungen, dieses bittere Erbe zu bewältigen, was z.B. die Behandlung des Krieges in den offiziellen Schulbüchern oder die offizielle Leugnung der Zwangsprostitution von Frauen in den besetzten Ländern durch das Militär betrifft, was euphemistisch als "comfort women" bezeichnet wird. Stattdessen wird mit den wirtschaftlichen Muskeln gespielt und versucht sich freizukaufen, wann immer solche Themen aufgeworfen werden. Einmischungen (vor allem wirtschaftlicher Art) sind auch nicht immer auf Gegenliebe gestoßen, wie in den "heißen Begrüßungen" des japanischen Premierministers Tanaka Kakuei durch Studenten während seiner Südostasien-Tour 1974, insbesondere in Indonesien, deutlich wurde.
Als Erfolg der japanischen Diplomatie muß gewertet werden, daß ein halbes Jahrzehnt später, Anfang der 80er Jahre, mehrere südostasiatische Regierungen öffentlich Japan als nachahmenswertes Entwicklungsmodell sahen, obgleich sie bittere Erfahrungen mit der japanischen Besetzung gemacht haben. Singapurs Kampagne, von Japan zu lernen, war z.B. bereits in den späten 80er Jahren mit der Ernennung des früheren singapureanischen Botschafters in Japan zum Chef von Singapurs Rundfunk- und Fernsehanstalten auf den Weg gebracht worden. Allerdings machten eine gewisse einheimische Abneigung - durchaus mit Bezug auf Erinnerungen an die japanische Besetzung - und andere Überlegungen es nötig, das Schwergewicht auf die konfuzianischen Werte zu verlegen, die ja angeblich der Kultur Japans und anderer Schwellenländer Ostasiens gemein sind.
Die Mahathir-Administration sah sich aufgrund von Kritik an der malaysischen Look East-Politik mit ihrem Schwergewicht auf der vermeintlich japanischen Arbeitsethik gezwungen, hervorzuheben, daß sie nicht im Widerspruch zum Islam steht, sondern sehr wohl mit ihm vereinbar ist, denn sie wollte sich verständlicherweise nicht auf ein gemeinsames kulturelles Erbe berufen, das als konfuzianisch bezeichnet wurde. Aber wie bei einer früheren Rechtfertigung, daß die Webersche protestantische Ethik auch schon im Islam vorhanden ist5, fragt man sich, warum denn überhaupt eine Look-East-Politik nötig ist, insbesondere wo die malaysische Regierung Anfang der 80er Jahre eine Politik der "Assimilierung islamischer Werte" eingeführt hat. Seit Mitte der 80er förderte die malaysische Regierung aktiv eine modernistische islamische Ideologie, in der der Fleiß am Arbeitsplatz eine zentrale Rolle spielt. Mitte 1992 stellte die Regierung M$ 30 Mio. zur Einrichtung eines Instituts zum Verständnis des Islams (Institut Kefahaman Islam - IKIM) zur Verfügung, welches diese Botschaft effektiver legitimieren, ausdrücken und propagieren kann.
Die wohl zynischste und ein wenig respektlose muslimische Antwort auf die Look-East-Politik war der Hinweis auf ein Zitat des Propheten "der Prophet sagte nur: China", was als Anweisung für Muslime zu verstehen sei "Kenntnisse selbst in China zu suchen". Diese Haltung besteht sicherlich nicht ernsthaft auf einer wörtlichen sondern vielmehr einer metaphorischen Interpretation der Anweisung des Propheten. Sie ist aber wahrscheinlich symptomatisch für den öffentlichen Zynismus beim Gebrauch einer Religion zur Legitimation von verschiedensten Kampagnen und Veränderungen, die zur Förderung der Interessen und Prioritäten des Regimes geignet erscheinen, in diesem Fall solche, die mit den Anforderungen des modernen industriellen Kapitalismus vereinbar sind.
Die Look-East-Politik ist fast so alt wie die Amtszeit Mahathirs, seit Mitte 1981, und hat somit einen nicht unerheblichen Einfluß auf die malaysische Gesellschaft, wenn auch nicht ganz klar ist, wo und wann diese Politik begann und endete. Man ist häufig versucht, festzustellen, daß in ihr nur jene Aspekte hervorgehoben werden, die in der Öffentlichkeit als erfolgreich oder allgemein akzeptiert gelten und jene vermieden werden, die allgemein als Mißerfolge oder für inakzeptabel gehalten werden. Mit anderen Worten, nach mehr als einem Jahrzehnt und zahlreichen öffentlichen Klarstellungen, was diese Politik ausmacht, bleibt sie ziemlich unklar.
Einige Befürworter der Politik und Anhänger Mahathirs meinen sogar, indem die Look-East-Politik implizit anti-westlich sei, sei sie damit auch anti-imperialistisch. Das ist natürlich weit von der Wahrheit entfernt, denn wie die Erfahrungen der japanischen Besetzung [während des 2. Weltkrieges, d.Ü.] gezeigt haben, ist der moderne Imperialismus wohl kaum ein westliches Monopol. Auch gibt es keinerlei klare Hinweise, daß Verschlechterungen der Beziehungen zum Westen im Allgemeinen - anders als mit Großbritannien Anfang der 80er Jahre - Anstoß für Malaysias Blick nach Osten waren.
Natürlich war die Mahathir-Administration konsequenter bei ihrer lautstarken Unterstützung von Forderungen des Südens z.B. für höhere und stabilere Rohstoffpreise, bessere Hilfebedingungen, mehr Technologietransfer und weniger Einschränkungen beim Marktzugang für Exporte von Feritigprodukten des 'Südens' in den 'Norden'. Einige würden allerdings sagen, ihre tatsächliche Praxis entsprach nicht der Rhetorik. Seit der 2. Hälfte der 80er Jahre hat sich Mahathir als internationaler Vorkämpfer des Südens - wenn auch etwas nebulös und manchmal ungereimt - profiliert. Dies steht nicht im Widerspruch zu der neu entstehenden, komplexeren internationalen Arbeitsteilung, in welcher Malaysia beträchtliche Gewinne machen konnte und weitere anstrebt.
Nach der anfänglich beträchtlichen Verwirrung über die Look-East-Politik wurde diese schließlich als Kampagne zur Ankurbelung der Produktivität durch Anreize für härtere Arbeit, durch die Förderung von Produktions- und auch Qualitätsteigerungen als auch durch die Schaffung effektiverer Arbeitnehmerorganisationen und durch Disziplinierung, hingestellt. Nach Mahathir war es "Japans disziplinierte Entschlossenheit, die es vor dem Abgrund bewahrte und zu der Wirtschaftsmacht machte, welche es heute ist ... Was die Look-East-Politik bedeutet, ist, daß wir die Gründe und Faktoren für Japans Erfolg bei der Modernisierung erlernen müssen: eine gute Arbeitsethik, soziales Bewußtsein, Ehrlichkeit und Disziplin, ein starkes Gefühl für soziale Belange und Gemeinschaftsinn, gute Managementtechniken und aggressive Verkaufstechniken.5 Solch offizielle Klarstellungen wurden notwendig nach der anfänglichen Verwirrung über breit gefächerte und offensichtlich nicht-koordinierte Initiativen zur Beschleunigung der Modernisierung und Industrialisierung in den frühen 80er Jahren, durch die versucht wurde, den Wirtschaftswundern Japans und Südkoreas nachzueifern.
Mahathirs persönliche Verpflichtung zur Look-East-Politik stand niemals in Zweifel. Anders als Singapurs Premierminister Lee Kuan Yew, der eine kurzzeitige Politik des Lernens von Japan initiierte, aber schließlich eine kritische Distanz zu Japan gehalten hat, scheint Mahathir durchgängig von den Japanern angetan zu sein. Nach Aussagen eines früheren Kabinettskollegen 'gab er praktisch den Japanern völlig freie Hand ... Er schickte sogar seine Kinder und Familie zur Ausbildung und zum Studium nach Japan.'6 Als Japans Premierminister Nakasone 1983 Kuala Lumpur besuchte, lobten sich die beiden Politiker derart, daß das von Dow Jones kontrollierte Asian Wall Street Journal am 10. Mai 1983 meinte: "Mahathir und Nakasone scheinen eine Gesellschaft der gegenseitigen Bewunderung, bestehend aus zwei Mitgliedern, gegründet zu haben."
Es war somit nicht überraschend, daß in den frühen 80er Jahren, die vielen Schlüsselprojekte und Hochbauaufträge, mit welchen japanische und südkoreanische Baufirmen, die umfangreiche öffentliche Unterstützung von Tokio und Seoul erhielten, betraut worden waren, in Zusammenhang mit der Look-East-Politik gestellt wurden, selbst als Mahathir dies bestritt. Ausländische Bauunternehmer waren in der Regel bereit, malaysische Firmen zu unterbieten, um sich Aufträge zu sichern, nachdem sie viele in Westasien verloren hatten. Jedoch in mindestens einem bekannten Fall, bei dem es um den Bau des Dayabumi-Komplex ging, wurde ein Auftrag zwei japanischen Firmen erteilt, deren Angebot mit M$ 314 Mio. um 71 Mio. höher als das eines malaysischen Anbieters lag. Das einheimische (bumiputra) Ingenieurbüro, mit welchem die beiden japanischen Firmen zur Zusammenarbeit verpflichtet worden waren, beschwerte sich später öffentlich, daß die japanischen Partner sie lediglich zur Aufrechterhaltung guter Beziehungen zur Regierung benutzen würden und praktisch kein Technologietransfer stattfand. Auf jeden Fall wandte die japanische Firma offensichtlich eine für malaysische Verhältnisse unnötige Konstruktionstechnik an und importierte Materialien ohne Berücksichtigung möglicher malaysischer Lieferanten vor allem aus Japan. Mit [überhöhten, d.Ü.] Transferpreisen, weisen japanische Firmen in der Region in der Regel nur sehr geringe Profite oder sogar Verluste aus, um Steuern zu sparen.
Im Zusammenhang mit der Look-East-Politik wird häufig angenommen, daß die Vorbilder für Malaysia die anderen neu-industrialisierten Ökonomien oder die "kleinen Drachen" der Viererbande Ostasiens, nämlich Singapur, Hongkong und Taiwan neben Südkorea, sind. Wegen ihres chinesischen Charakters können sie nach verbreiteter Auffassung nicht explizit von malaysischen Politikern als Vorbild genannt werden. Obgleich dies angesichts der ethnischen und kulturellen Empfindlichkeiten in Malaysia wohl zutrifft, sollte allerdings auch gesehen werden, daß Singapur und Hongkong eine grundlegend andere, städtische Wirtschaftsstruktur haben. Auch die beiden Wirtschaftssysteme Taiwans und Südkoreas haben - anders als seinerzeit die japanische Wirtschaft - stark von der umfangreichen Hilfe der Vereinigten Staaten wegen ihrer politischen Bedeutung im Kalten Krieg als Alternativen jeweils zu China und Nordkorea profitiert.
Im allgemeinen wird Mahathirs Look-East-Politik als Begünstigung der ethnischen Malaien in Malaysia angesehen, welche Mahathir seinerzeit hauptsächlich als selbst für ihre wirtschaftliche Rückständigkeit aufgrund einer Kombination von genetischen und von in der bäuerlichen Agrarkultur verwurzelten kulturellen Faktoren verantwortlich bezeichnet hatte.7 So läßt sich ein junger, vermutlich malaiischer Techniker zitieren, der dem zustimmend sagt: "Malaysier arbeiten für die Familie und die Religion. Japaner arbeiten fürs Geld und das Land". Auch sollte hervorgehoben werden, daß das Look-East-Programm mehr bedeutete, als die Ermahnungen härter zu arbeiten, wie manchmal angenommen wird. Die Arbeitsethik z. B. sollte nicht abstrakt gesehen werden. In diesem Fall wären, selbst wenn chinesische Malaysier als Vorbilder für die Malaien ungeeignet sind, der berühmte Fleiß der Kelantanesen oder Javaner oder die Geschäftstüchtigkeit von Kelantanesen oder Minangkabau unter Malaien als Vorbildhaft weniger umstritten und gut bekannt gewesen. Aber dies sind natürlich in einer bäuerlichen Kultur entwickelte Fähigkeiten, die ziemlich unerheblich für das offizielle Bestreben sind, eine größere Produktivität durch Lohnarbeit im Kontext des industriellen Kapitalismus zu erreichen. Das eigentliche Ziel der Kampagne scheint die Diziplinierung der Arbeitskräfte durch Reorganisation der Beziehungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, durch die Förderung von Unternehmenstreue (z.B. durch Propaganda Kampagnen, Sozialeinrichtungen der Firmen, Hausgewerkschaften), die Steigerung der Produktivität (z.B. Arbeitsethik, Lohnflexibilität mit einem höheren Anteil des Einkommens in Form von am Produktionsergebnis orientierten Leistungsprämien) und die Senkung der Verluste (z.B. Qualitätskontroll-Zirkel, "Null-Fehler" Gruppen) zu sein.
Seit 1982 sind als Teil eines offiziellen Programms, das vom Premierministeramt koordiniert wird, über 2.000 Studenten und gelernte Arbeiter nach Japan geschickt worden, um japanische Arbeitsethik, Disziplin, Sorgfalt und Managementtechniken eingeschärft zu bekommen. Die meisten von ihnen waren weniger als drei Monate in Japan, sodaß die Effektivität dieses Programms zweifelhaft ist. Lediglich 10% der Rückkehrer haben es überhaupt für nötig gehalten einen offiziellen Fragebogen, mit dem der Gewinn ihres Besuches ausgewertet werden sollte, zu beantworten.
Eine Menge anderer politischer Initiativen der Mahathir-Administration wurden mit der Look-East-Politik in Verbindung gebracht. Dazu gehörte Anfang der 80er Jahre die Betonung der Schwerindustrie und die Bevorzugung von Schlüsselprojekten, wie das Proton- oder malaysische Auto-Projekt, die Vergabe von wichtigen Bauprojekten an japanische und südkoreanische Unternehmen, die Förderung einer kooperativen und komplementären Beziehung zwischen der Regierung und dem Privatsektor unter dem Vorzeichen der "Malaysia Incorporated" (Firma Malaysia) -Kampagne und die Privatisierung oder "Denationalisierung" von potentiell profitablen Wirtschaftsaktivitäten der Regierung. Einige Ergebnisse dieser Politik erhielten in privaten Gesprächen eine vernichtende Kritik. Die beschränkten Möglichkeiten für öffentlichen Dissens und die befürchteten Konsequenzen öffentlicher Kritik hielten diese jedoch auf eine Minimum.
Es gibt auch die Einschätzung, daß solche Initiativen weniger mit Look-East zu tun haben, als mit anderen Einflüssen auf die Politik. So hat z.B. der japanische Staat seit der Meijizeit wichtige Wirtschaftsunternehmen gegründet und entwickelt, nur um sie dann in den Privatsektor zu überführen. Die unmittelbaren Anstöße zur Privatisierung in Malaysia scheinen eher ein Abbau des öffentlichen Sektors, im Einklang mit "Reaganomics" und "Thatcherismus" des Westens, sowie eine weitere Möglichkeit zu Extraeinahmen zu sein.
Angesichts der vorherrschenden Rolle der Regierung in der malaysischen Gesellschaft, insbesondere unter Mahathir, war der Rest des Staates schnell auf Linie gebracht. "Die Medien nahmen es begierig auf, die Bürokraten scharrten alles zusammen, um alle Möglichkeiten der Umsetzung zu enthüllen und zu entdekken, während die malaysische Öffentlichkeit mit endlosen Salven von Propaganda über das 'japanische Wirtschaftswunder' bombardiert wurde."8 Abweichende Meinungen wurden lächerlich gemacht. "Nur Anglophile sind möglicherweise verblüfft. Aber selbst sie sollten begriffen haben, daß die Tage der kolonialen Zwangsjacke vorbei sind. Ihr Vorurteil wurde von einer weiteren Ära der Pax Britannica vererbt," schrieb die New Straits Times 1983.
Allerdings in seiner Rede "Die Zweite Öffnung Japans" 19849 - offensichtlich von einem Ghostwriter geschrieben und von seinem damaligen Kabinettskollegen und Rivalen, Tengku Razaleigh Hamzah vorgetragen - wurde eine andere, kritische und geradezu bedrohliche Tonart laut, wovon sich Mahathir später distanzierte. Diese Rede von 1984 sollte das Ende Mahathirs Vernarrtheit in Japan kennzeichnen, nachdem die japanische Regierung die Anfliegrechte zu Tokios Narita Flughafen der gemeinsamen von Malaysian Airlines und Northwest Airlines geplanten Flugverbindung verweigert hatte.
Mit wachsender öffentlicher Kritik an seiner Politik Mitte der Achtziger, redete Mahathir weniger über seine Look-East-Politik. Unmittelbar nach den allgemeinen Wahlen im August 1986 jedoch, bei denen diese Politik von keiner Seite zum Thema gemacht worden war, behauptete Mahathir, daß sein Wahlerfolg eine Bestätigung für die Look-East-Politik gewesen sei. Die erneuten japanischen privaten Investitionen in Malaysia - wie auch im übrigen Südostasien - nach der Yen-Aufwertung, insbesondere am Ende der 80er, beruhigte Mahathir und manche sahen darin eine Bestätigung der Look-East-Politik.
Von Look-East zum ostasiatischen Wirtschaftsregionalismus?
Nach dem Zusammenbruch der GATT-Verhandlungen in Brüssel Ende 1990 kam Mahathir sofort mit einem Vorschlag zur Bildung einer Ostasiatischen Wirtschaftsgruppe. (East Asian Economic Grouping - EAEG) als eine regionale Antwort darauf. Alle hochrangigen Besucher aus der Region wurden dazu bewegt, öffentlich diesen Vorschlag zu befürworten. Allerdings konnte dies nur durch intensive Vorverhandlungen und Abmilderungen der ursprünglichen Vorstellungen erreicht werden, insbesondere was die Zustimmung des singapureanischen Premierminister Goh Chok Tong anging.
Aber selbst die abgemilderte Form stieß eigentlich nur auf lauwarme Unterstützung aus der Region, wobei sich Japan beständig davon distanzierte. Während Japan wahrscheinlich die unerwartete multilaterale Zustimmung zu seiner regionalen Wirtschaftshegemonie begrüßte, war die Zurückhaltung nicht etwa auf die offensichtliche Parallelen der EAEG mit Japans Groß-Ostasiatischer Wohlstandssphäre im 2. Weltkrieg zurückzuführen, sondern die japanische Regierung wollte auf keinen Fall der Bush-Administration vor den Kopf stoßen, die eindeutig Opposition der USA zu Mahathirs Vorschlag bekundet hatte. Dagegen unterstützte Japan 1989 den australischen Vorschlag einer Asien-Pazifik Wirtschaftskooperation (Asia Pacific Economic Cooperation - APEC), der einst vom japanischen Premierminister Nakasone gemacht worden war. Die USA unterstützte diesen Vorschlag, der sie zur dominierenden Macht erhob. Japan schien damit zufrieden zu sein, die zweite Geige zu spielen, vielleicht aus Angst, sonst seine bilateralen Beziehung zu den USA weiter zu gefährden.
Bevor es die Idee von EAEG weiterverfolgen konnte, sah sich die malaysische Regierung nun gezwungen, Rükkendeckung bei den ASEAN-Partnern zu holen, und den Vorschlag mit einen neuen Namen, der Ostasiatische Wirtschaftsausschuß (East Asian Economic Caucus - EAEC) weiter zu verwässern. Auf dem APEC-Forum-Treffen in Seoul 1991 wurde die malaysische Initiative offensichtlich erfolgreich von der US-Delegation unter Außenminister James Baker zurückgewiesen. Zwei Monate später, im Januar 1992 auf dem Gipfeltreffen der ASEAN-Regierungschefs in Singapur, bestand der indonesische Präsident Suharto darauf, daß die bestehenden APEC-Verabredungen als regionale Kooperationsform über die Region Südostasiens hinaus ausreichen, womit er implizit den EAEC-Vorschlag zurückwies.
Die Aussichten eines weiteren Aufstieges Japans als Folge von regionaler Kooperation wie der APEC und EAEC ist für andere, weniger von Japan angetane ostasiatischen Regierungen kaum attraktiv. Die meisten führenden Politiker Ostasiens teilen die Begeisterung für Japan nicht, das sich durch eine zögerliche Handelsliberalisierung, durch an Bedingungen geknüpfte Hilfeleistungen, durch wenig Techlogietransfer und kaum Einstellungen von nicht-Japanern ins Management (im Vergleich mit den meisten nordamerikanischen und europäischen Firmen) auszeichnet. Eingedenk der militaristischen und expansionistischen Vergangenheit, beunruhigt über den künftigen Weg der wiederauflebenden Vorherrschaft, verärgert über eine sichtbare kulturelle Arroganz, über wirtschaftliche Unsitten sowie politischen Opportunismus und beunruhigt über den sichtlichen Mangel an öffentlicher Moral und demokratischen Engagements, sieht der größte Teil der Bevölkerung Ostasiens Japan nicht sonderlich gerne in einer regionalen Führungsrolle.
Die starke persönliche Identifikation Mahathirs mit dem EAEC-Vorschlag und seine bekannte Beharrlichkeit wird wahrscheinlich dazu führen, daß die malaysische Regierung noch einige Zeit den Vorschlag verfolgen wird, es sei denn, sie findet einen Weg, ihn ohne Gesichtsverlust fallen lassen zu können, oder, was wahrscheinlicher ist, er wird erst fallengelassen, wenn ein neuer Premierminister Mahathirs Nachfolge antritt. Mit Mahathirs Weigerung am APEC-Gipfel, in Seattle, USA, 1993 teilzunehmen war die EAEC-Initiative zum Gegenstück der APEC-Kooperation geworden und ein Kompromiß zwischen beiden Kooperationsformen vorerst nicht mehr denkbar. Bedauerlicherweise wird das Ableben des EAEG-Vorschlages ohne umfassende und ernsthafte Überlegungen zu alternativer regionaler Zusammenarbeit unter Berücksichtigung historische Vorgänger und möglicher globaler Entwicklungen, insbesondere auf beiden Seiten des Nordatlantiks, stattfinden.
Gekürzt und übersetzt von Peter Franke.
Stand: 12. January 1998, © Asienhaus
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