Das Ende des malaysischen Wirtschaftswunders?

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Der Wirtschaftswissenschafter Prof. Jomo K.S. von der University of Malaya hatte vor kurzem das Buch "Southeast Asia's Misunderstood Miracle" herausgegeben, welches sich in Aufsätzen von verschiedenen Autoren mit dem Wirtschaftswunder Südostasiens auseinandersetzt. Anläßlich der Tagung des Asienhauses "Europa trifft Asien: Dialog oder Zusammenprall der Kulturen?" war er nach Deutschland gereist. Für südostasien führte Peter Franke ein Interview mit Jomo

Frage: Bevor wir über ein vermeintliches Ende des malaysischen Wirtschaftswunders reden, können Sie mir sagen worin denn nun eigentlich das malaysische Wirtschaftswunder bestand? Wie würden Sie es charakterisieren?

Beim ostasiatische Wunder bezieht man sich meist auf das stetige Wirtschaftswachstum, die strukturellen Veränderungen und die Industrialisierung in dieser Region während der letzten 30 bis 40 Jahre. Für Südostasien sind es etwa 30 Jahre. Im Falle Malaysias hat es ein ziemlich schnelles Wachstum und große Veränderungen seit der Unabhängigkeit vor 40 Jahren gegeben.

Die Grundlagen diese "Wunders" sind eine hohe Spar- und Investitionsrate. Anders als viele andere Länder der Dritten Welt war Malaysia bereits seit der Kolonialzeit einer der wichtigsten Exporteure von Zinn und Kautschuk. Das bedeutete Malaysia leidete nicht unter einem Mangel an Spareinlagen oder Investitionen und einem Mangel an ausländischen Währungen, um damit insbesondere Investitionsgüter zu importieren. Solche Quellen des Reichtums wurden auch nicht vergeudet, wie etwa in manchen Staaten, die reich an Öl waren. In gewisser Weise ist die Tatsache, daß Malaysia all dies nicht vergeudet hat, der Grund zum feiern.

Eigentlich ist nichts wundersames daran, im Vergleich zu Nordostasien. Was dort erreicht wurde, ist viel spektakulärer. Hinsichtlich der Rohstoffe waren sie viel ärmer und zum Teil wegen der besonderen Situation des Kalten Krieges und seine Auswirkungen auf die Region, die USA pumpten viel Geld dorthin, konnten sie nach Landreformen und unter völlig anderen Bedingungen als heute schnell wachsen.

Das "Wirtschaftswunder" der 70er Jahre

Frage: Wenn von einem Wunder gesprochen wird, was bedeutete es außer Wirtschaftswachstum? Welche Auswirkungen hatte es für die Bevölkerung?

Das schnelle Wirtschaftswachstum hatte Auswirkung auf den größten Teil der Bevölkerung. Den meisten geht es heute besser, natürlich in unterschiedlichen Ausmaß. Der Reichtum des Landes konnte in Steuern umgesetzt werden und öffentliche Ausgaben, insbesondere Sozialausgaben wie Bildung, Gesundheit usw. finanzieren. Am meisten wurde eigentlich in den 70er Jahren getan, als die Gesundheitsversorgung im großen Ausmaß auf ländliche Gebiete ausgedehnt wurde. Dies ist die Periode, die heute manchmal abschätzig als Periode des Fabianismus unter dem Premierminister Razak in der ersten Hälfte der 70er bezeichnet wird. Ganz einfache Investitionen wie etwa sauberes Wasser oder Krankenhäuser auf dem Land zeigten große Wirkungen.

Seit Mitte der 80 Jahre hat es keinen wesentlichen Fortschritt mehr gegeben, aber davor schon. Erreicht wurde das für das Gesundheitswesen mit einen relativ kleinen Anteil des Bruttosozialprodukts.

Mahathirs Industrialisierungs-Programm

Frage: Wenn heute über das Modell Malaysia gesprochen wird, geht es mehr oder weniger um die letzten 15 Jahre unter Mahathirs Regierung. Was Sie als erfolgreiche Entwicklung beschreiben sind die positiven Auswirkung des Wirtschaftswachstums in den 70er Jahren. Aber erst in den 80er Jahren ist die Bezeichnung "Tiger" für die wirtschaftlich erfolgreichen Länder Südostasiens entstanden. Wie würden Sie die Entwicklung Malaysias von den 80er in die 90er Jahre beschreiben?

Viele der öffentlichen Investitionen in den 70ern hatten langfristige Auswirkungen, nicht nur unmittelbare, wie z. B. die Verbesserung der sozialen Infrastruktur im Gesundheits- und Bildung. Solche Dinge brauchen Zeit. Die Kinder der Bauern sind keine Bauern mehr. Die meisten von Ihnen gehören zur Arbeiterklasse, in der verarbeitenden Industrie und im Dienstleistungsbereich. Solch eine Transformation hat stattgefunden. Es waren nicht unbedingt bewußte Anstrengungen, die Kinder aus der Bauernschaft herauszukriegen, aber praktisch hat sie das erreicht.

So haben wir eine Bevölkerung, von der früher 60 — 70 % in der Landwirtschaft beschäftigt war. Innerhalb einer Generation ist der Anteil auf 30 % gesunken, wahrscheinlich sogar noch weniger, denn in der Plantagenwirtschaft sind heute viele Arbeitsmigranten beschäftigt. Das ist alles nur aufgrund der Investitionen in das Bildungswesen möglich gewesen und diese Langzeitwirkung sieht man erst in der Mahathir Ära.

Mahathir initiierte in den frühen 80er Jahren ein Programm zur Entwicklung einer Schwerindustrie, um auf seiner Art das japanische und koreanische Vorbild zu kopieren. Er tat dies auch, weil er richtig erkannt hatte, daß private Investoren nicht in die Schwerindustrie investieren würden. Obwohl ich viele Vorbehalte gegenüber der Auswahl der Industrien habe, war dieser Schritt notwendig, denn solch eine Entwicklung der Schwerindustrie hätte nicht ohne staatliche Initiative stattgefunden.

Ich glaube es gibt noch ein allgemeines Problem bei der Industrialisierung in Südostasien, Malaysia mit eingeschlossen und insbesondere auch Singapur. Wir waren im Vergleich zu Südkorea und Taiwan sehr schwach darin, unsere eigenen Fähigkeiten zu entwickeln. In Korea und Taiwan wurden zu einem relativ geringen Anteil ausländischen Investitionen gebraucht. Nicht mehr als 2 % der Brutto Inlandskapitalbildung kommen aus ausländischen Investitionen. Dagegen liegt sie in Singapur in den meisten Jahren irgendwo zwischen 20 und 35 %. In Malaysia lag sie lange zwischen 10 und 15 %. In Thailand waren es über 10 %. Der Durchschnitt bei den Entwicklungsländern liegt bei 5 %. Wir können einen großen Unterschied zwischen Nordost- und Südostasien feststellen. Meist wird aber über Ostasien — einschließlich Südostasien — in einer völlig undiffernzierten Weise gesprochen, welche diesen sehr wichtigen Unterschied verschleiert.

Wirtschaftliche Zusammenarbeit in Südostasien — ein Mythos

Frage: Wie sehen sie Malaysias Entwicklung in den letzten 15 Jahren innerhalb der Region? Hat die Entwicklung der Gesamtregion die Entwicklung Malaysias beeinflußt oder Malaysias Entwicklung die der Region? Ist Malaysias Wirtschaftswachstum auch ein Resultat der Kooperation innerhalb der ASEAN oder wurde eine Kooperation notwendig aus politischen Gründen?

Obgleich ASEAN vorgibt wirtschaftliche und kulturelle Kooperation zu fördern, war bis vor kurzen davon sehr wenig zu spüren. Bis zur Bildung von AFTA (ASEAN Free Trade Area) gab es sehr wenig wirtschaftliche Zusammenarbeit. Außer den Handel mit Singapur ist der Handel unter den ASEAN Partnern sehr gering, wohl weniger als 15 % des gesamten internationalen Handels irgendeines ASEAN Staates im Vergleich zu mindestens 20 % jeweils mit Japan, den USA und Europa. Es gibt diesen Mythos, daß die Wirtschaften der Länder Südostasiens eng miteinander verbunden sind.

Trotz alledem, während der letzten Krise wurde Südostasien aus der Perspektive von Wall Street oder London als Region gesehen, wie etwa Europa zu einer Region wird, und der Umfang an wirtschaftlicher Integration in Südostasien stark übertrieben. Anstatt zu sagen, verkaufe Baht oder Thailand, sagen sie, verkaufe Südostasien. Das ist auch ein Grund, warum die Krise sich so schnell in der Region verbreitete, unabhängig von dem tatsächlichen Zustand der Volkswirtschaft der einzelnen Länder Südostasiens.

Frage: Soweit ich gelesen habe, wurden die Investoren auch verunsichert über Seriosität der Investitionen und veranlaßten sie, sich genauer die Sicherheiten von Krediten usw. anzusehen. Es gab wohl eine Tendenz Profite für selbstverständlich zu halten, insbesondere auf dem Immobilienmarkt.

Es ist kompliziert. Aber ganz kurz.

Im Fall von Thailand begann die Krise im Handelsektor, wo der Boom im Handel im Zusammenhang mit dem Boom im Verbauch stand, der wiederum in Verbindung mit dem Boom im Immobilienmarkt mit übermäßigen Bauaktivitäten zu sehen ist. In dem Augenblick, wo der Handel zurückging, stockte der Immobilienmarkt, der wiederum den Finanzmarkt bedrängte, was zu Rückgängen an der Börse führte und damit schließlich zur Krise des Baht, der abgestoßen wurde. Im West stieß man den Baht ab aber auch die anderen Währungen der Region.

Während in Thailand am Ende der Krise die Währung wackelte, stand für den Rest der Region die Währungskrise am Anfang. In Thailand war der Rückgang an der Börse eigentlich relativ geringer als die Entwertung der Währung. Aber sonst in der Region waren der Fall der Wechselkurse relativ geringer, hingegen die Börseneinbrüche viel stärker. Der Nettoeffekt von beidem — der Börseneinbruch und die Währungskrise, aus Sicht von Wall Street — ist der selbe. Aber sie in sind etwas sehr unterschiedliches. In der übrigen Region begann es mit der Währung und weitet sich auf die Börse aus. Ich glaube, die Krise wird sich auf den Immobilienmarkt der übrigen Länder ausdehnen, zum Teil wegen des Drucks der internationalen Finanzwelt. Die Zinsen werden steigen und es wird starken Druck auf die Unternehmen in Südostasien geben, was möglicherweise zu Rezessionen führen kann.

Mit anderen Worten es geht im wesentlichen um den Finanzsektor und hat wenig mit der realen Wirtschaft zu tun. Obgleich das Wirtschaftswachstum in Thailand von 6 % im Jahr 1996 auf 2 % in diesem Jahr stark zurückgehen wird, ist in Malaysia lediglich mit einem Rückgang des Wirtschaftswachstum von fast 9 % 1996 auf 8 % zu rechnen. Das bedeutet keine Rezession für Malaysia, aber wenn man so ließt und hört, was die Leute so meinen, erhält man den Eindruck, als handele es sich um eine Rezession und kein Wirtschaftswachstum sei mehr zu verzeichnen.

Ein Wirtschaftswachstum besteht nach wie vor. Aber wegen der Finanzkrise wird das Anlagevermögen entwertet. Das zeigt uns eine sehr ernsthafte Kluft zwischen dem Finanzmarkt und der realen Wirtschaft. Deshalb ist eine Liberalisierung des Finanzbereichs so gefährlich, auch wenn es von der WHO (Welthandelsorganisation) oder dem IWF (Internationalem Währungsfond) gefordert wird. Das ist die eigentliche Ursache des Problems.

Internationale Finanzkrise

Wir können auch nach vier Monaten Krise feststellen, daß das, worauf die Finanzwelt immer bestanden hat, nicht wirklich funktionierte. Die typische Lösung für sie ist eine Anhebung der Zinsen. Philippinen und Indonesien müssen das tun, was die internationale Finanzwelt will, weil sie so stark im Ausland verschuldet sind. Sie haben ihre Zinsen erhöht. Aber was ist passiert? Die Situation verschlechterte sich in Indonesien, so das sie den IWF zu Hilfe rufen mußten, um die Situation dort zu bereinigen.

Die Tatsache, daß die Krise sich über Südostasien hinaus verbreitete, erst nach Hongkong und nun auf die ganze Welt, ist sehr interessant. Einige Leute würden nun meinen, daß Mahathir recht behalten hat, was ich für übertrieben halte. Aber sicherlich werden jene Leute, die mit dem moralischen Zeigefinger das südostasiatische Mismanagement für die Krise verantwortlich machen, jetzt große Schwierigkeiten haben zu erklären, was denn eigentlich im Rest der Welt passiert.

Frage: Würden Sie also sagen, es handelt sich um ein weltweites Problem des Auseinanderklaffens der Sichtweise der Finanzwelt und der realen Volkswirtschaft, das ständig zunimmt?

Ja, ich glaube dies Auseinanderklaffen wächst über all in der Welt und es ist besonders schlimm in der sogenannten angelsächsischen Welt, wo die Abhängigkeit von der Börse besonders groß ist, wie in Malaysia im Gegensatz zu Thailand. Deshalb hat es in Thailand nicht einen solch starken Einbruch in der Börse gegeben wie in Malaysia. In Thailand spielt die Börse für viele Unternehmen keine solch große Rolle. Sie nutzen die Börse nicht, um Geld zu beschaffen, sonder verlassen sich auf die Banken.

Frage: Wie war die Reaktion auf die Währungskrise in Malaysia?

Ich glaube es hat zu einer großen Demoralisierung im Land geführt. Zum Teil verstehen die Leute nicht, was falsch gelaufen ist. Man hat das Gefühl, wir müssen etwas falsch gemacht haben, sonst wäre das nicht passiert. Es trifft zu, daß es einige Probleme auf makroökonomischer Ebene gegeben hat, was leider in Malaysia nicht so ganz realisiert wurde.

Frage: Welcher Art Probleme?

Zum Beispiel haben wir seit Jahren ein schwerwiegendes Kontokorrent Defizit. Wir sind stark abhängig vom Zufluß von ausländischen Kapital, welches als 'es kommt und es geht' charakterisiert werden kann. Es ist offensichtlich nicht zuverlässig, aber Malaysia ist sehr stark abhängig davon geworden. Viel Geld kam 1993 und zog 1994 wieder ab; 1996 kam erneut viel Geld, das 1997 wieder abzog. Das ist eine Lektion, die wir wirklich lernen müssen. Wir sollten uns nicht so sehr auf den Zufluß von ausländischem Kapital verlassen.

Frage: Aber ist die Sparrate in Malaysia nicht sehr hoch?

Ja, die Sparrate in Malaysia beträgt 40 %. Aber die Investitionsrate beträgt 45 %, also ein Fehlbedarf von 5 %. Außerdem werden einige Ersparnisse im Ausland investiert, den Auslandinvestitionen werden offiziell begrüßt.

Malaysische Auslandsinvestitionen

Frage: In welchem Ausmaß gibt es Auslandinvestitionen?

Die Zahl betrug für das letzte Jahr acht Mrd. Ringgit.

Frage: Allein im letzten Jahr, nicht kumulativ?

Ja. Aber niemand weiß, ob diese Zahlen zuverlässig sind. Die Firmen können an den Zahlen herummanipulieren und sie sind deshalb unzuverlässig. Aber selbst nach den offiziellen Zahlen ist das eine ganze Menge. Der Fehlbedarf ist deshalb wahrscheinlich noch höher als die 5 % Differenz zwischen der Investitions- und der Sparrate, wahrscheinlich so zwischen 7 und 8 %. Das ist ziemlich hoch. Das wird durch ausländisches Kapital gedeckt.

Der größte Teil davon kommt, so muß ich betonen, als langfristige Anlage, und ist in der Regel recht effektiv. Es fließt in die Exportindustrie, was unproblematisch ist. Was mich mehr beunruhigt ist die Abhängigkeit von sogenannten Portefeuille-Inverstitionen (auf Wechsel ausgerichtet) im Gegensatz zu ausländische Direktinvestitionen. Solche Portefeuille Investitionen, selbst die reinkommenden Pensionsfonds können immer wieder leicht abziehen.

Ein weiteres großes Problem überall in Südostasien einschließlich Malaysia ist das explosionsartige Anwachsen von Privatschulden in den letzten 3 Jahren, insbesondere im Zusammenhang mit dem sogenannten "private banking", vor allem in Singapur mit Agenten und Repräsentanten in der ganzen Region. In Bangkok, Kuala Lumpur oder Jakarta sind diese Kerle, viele von ihnen von europäischen Banken, und arrangieren alles mögliche. Man kann sich heutzutage von Südostasien aus ein Geheimkonto auf einer Schweizer Bank einrichten, einschließlich Konten zum Steuern hinterziehen usw.

Aber sie kommen nicht nur, um Dein Geld anzulegen, sondern geben auch Kredite. Sie haben viel Geld verliehen, meist zu einem niedrigeren Zinssatz, als man innerhalb Südostasiens erhalten würde. Das ist sehr attraktiv. Viele Leute haben sich bei diesen ausländischen Banken schwer verschuldet. Deshalb trifft sie die Krise so schwer. Viele haben in US-Dollar Schulden gemacht und müssen sie nun abbezahlen, was sie sehr viel kostet. Sie haben bei der Zinsrate gespart, verlieren aber durch die Veränderung des Wechselkurs. Das ist kein geringer Verlust. (1 US$ = 3,19 Rgt. im Nov. 1997; 2,74 Rgt. im Sept. 1997; 2,52 Rgt. im Nov. 1996)

Frage: Was ist mit den Mega Projekten wie dem Multimedia Super Corridor (MSC) oder der Brücke nach Sumatra?

Ich habe persönlich nichts gegen das MSC Projekt. Ich befürchte, es wird nicht ganz durchsichtig sein, was d so geschieht, und es wird keine ernsthafte Kostennutzen Analyse geben. Ich kenne mich nicht genug in Mulitmedia aus, um genau sagen zu können, nach welchen Kriterien man das messen soll. Ich meine aber, es muß schon in etwa klar sein, wieviel die Regierung reinsteckt, wieviel Inverstitionen man realistischerweise erwarten kann und ob diese geschaffenen Investitionen und Jobs solch einen Anfangseinsatz oder -subventionen wert sind.

Ich glaube es ist ein richtiges Problem, daß Malaysias Wachstum auf Grundlage von Kostenvorteilen wie billige Arbeitskräfte beruht hat. Nun haben wir nicht mehr genügend Arbeitskräfte und importieren Arbeiter und Arbeiterinnen aus Indonesien, Bangladesh und andere Länder und versuchen auf der gleichen Basis konkurrenzfähig zu bleiben. Ich weiß nicht ob das MSC Projekt die nächste Stufe sein wird, aber es ist ein Versuch, Investitionen auf eine neue und höhere Ebene zu lenken. Unglücklicherweise gibt es in Malaysia hierfür noch nicht die qualifizierten Arbeitskräfte.

Ich würde unterscheiden zwischen Projekten wie MSC von andere Megaprojekten, die man als "Pyramiden bauen" bezeichnen könnte, die Brücke nach Sumatra, der Flughafen in Kedah und die Autobahn in den Bergen, die übrigens auch eine ökologisches Desaster darstellt. Solche Projekte sind vom wirtschaftlichen Standpunkt her unverantwortlich.

Ich bin auch nicht grundsätzlich gegen ein Projekt wegen seiner Größe. Ich bin gegen diese Projekte, weil die meisten wirtschaftlich nicht tragbar sind. Sie können sich nicht selbst tragen.

Ein Problem ist auch die schlechte Regierungsmanagement. Die Krise wurde nicht ernsthaft angegangen. Es wurde erkannt, daß eine Krise ist, aber keine entschiedenen Maßnahmen wurden ergriffen. Das hat nicht dazu beigetragen in der Geschäftswelt Vertrauen wiederherzustellen.

Frage: Wurde das Bakun-Damm Projekt gestrichen?

Die Verschiebung von Bakun ist eigentlich Augenwischerei, denn eigentlich wird das Projekt verschoben wegen der Inkompetenz von Ting und seinem Streit mit ABB. Ich weiß nicht ob es jetzt noch möglich ist Bakun zu streichen, wo es schon so weit fortgeschritten ist. Wir waren gegen das Projekt, aber man hat es durchgezogen und ist nun festgefahren. Zu behaupten, daß Bakun wegen der Krise verschoben wird, macht ihm eigentlich mehr Ehre, als es verdient hat, denn es war bereits festgefahren.

Post-NEP Kulturelle Liberalisierung

Frage: Hat die wirtschaftliche Liberalisierung in Malaysia in den letzten 15 Jahren zur größerer politische Liberalisierung hin zu einer sogenannten "civil society" geführt?

Ich würde sagen, es gab seit Mitte der 80er Jahre sehr wichtige Deregulierungen, als eine Reihe von Bestimmungen, die aus der NEP (= Neuen Ökonomischen Politik) stammten und Geschäfte behinderten, abgeschafft und neue Bestimmungen eingeführt wurden, die für das Geschäft attraktiver waren. Es handelt sich nicht um eine vollständige Liberalisierung oder Deregulierung. Ferner hat es eine gewisse kulturelle Liberalisierung parallel sozusagen zur Post-NEP Wirtschaftsderegulierung gegeben, eine Art Post-NEP kulturelle Liberalisierung. Es gibt mehr private Bildungseinrichtungen, die englische Sprache wird mehr genutzt, viel häufiger westliche Kulturprogramme im Fernsehen, Konzerte usw., alles, was für die Mittelklasse sehr attraktiv ist.

Das wird von einigen Leuten als politische Liberalisierung angesehen und es beinhaltet tatsächlich ein wenig politische Liberalisierung auf manchen Gebieten, zum Beispiel in den Medien. Wenn verschiedene (private) Fernsehsender miteinander um die Zuschauer konkurrieren, müssen sie interessantere Programme bringen und interessantere Leute und Kommentatoren haben. Es gibt somit eine gewisses Maß an mehr Liberalisierung wegen dieser Konkurrenz. Im Großen und Ganzen würde ich aber nicht sagen, daß es mehr Liberalisierung gibt. Öffentliche Debatten finden heute im Grunde genommen zwischen bürokratischen Regulieren auf der einen und Wirtschaftsliberalen auf der anderen Seite statt. Keine der beiden Seite ist ernsthaft an politischen und bürgerlichen Freiheiten interessiert.

Asiatische Werte

Frage: Welche Gruppen sind an Bürgerrechten interessiert? Gibt es welche?

In Malaysia sind nur wenige Menschen ernsthaft an Demokratie interessiert. Malaysia ist in dieser Hinsicht vielleicht ungewöhnlich in Südostasien. Das einzige Land, wo man vielleicht auch solch eine Atmosphäre vorfindet, ist Singapur.

Hauptgrund dafür ist die multikulturelle und multiethnische Zusammensetzung der Bevölkerung. Darum sind Malaysia und Singapur auch die beiden einzigen Länder, wo asiatische Werte eine gewisse Bedeutung haben, wo die Diskussion über asiatische Werte einigermaßen ernst genommen wurde. Niemand sonst nimmt das Argument "asiatische Werte" ernst.

Frage: Warum glauben sie das?

Die Diskussion über asiatische Werte in Malaysia und Singapur ist nicht nur für ein internationales Publikum gedacht. Es gibt eine einheimisches Publikum dafür.

Sehen Sie, man kann keinem Malaien in Malaysia sagen, daß die malaiische kulturelle Hegemonie am Ende ist. Aber man sagt statt dessen, wir haben eine Alternative zum westlichen Liberalismus und unsere Alternative sind "Asiatische Werte". Das Argument, erst Entwicklung und dann politische Freiheiten, was die Regierungen in China oder Indonesien benutzen, sind in solch wohlhabenden Ländern wie Malaysia und Singapur nicht tragfähig. Sie sind schwer für die Bevölkerung eines Landes wie Singapur, das zu den reichsten in der Welt gehört, zu schlucken. Für sie ist diese Argumentation mit asiatischen Werten wasserdichter.

Umweltverschmutzung und Lebensqualität

Frage: Wird die Luftverschmutzung im archipelischen Südostasien in diesem Jahr Auswirkungen auf die Einstellung von Entscheidungsträger in Institutionen und der Geschäftswelt zu Umweltfragen haben? Wie würden Sie die öffentliche Meinung hierzu charakterisieren? Gibt es ein Umdenken beim Konzept der Industrialisierung und des Wachstums angesichts der Umweltzerstörung?

Ich glaube schon in soweit, wie die Menschen vor allen in den Städten die Verschlechterung der Lebensqualität durch Umweltzerstörung wahrnehmen. Sie merken die Auswirkungen von wirtschaftlicher Liberalisierung, Privatisierung und den Rückzug des Staates, sowie die Verschlechterung der städtischen Einrichtungen miteingeschlossen. Ich glaube, es gibt sicherlich ein Gespür dafür, insbesondere in der Mittelklasse aber auch darüber hinaus, daß Entwicklung auch eine Verbesserung der Lebensqualität mitbeinhalten muß. Es gibt seit einigen Jahren eine zunehmende vage Wahrnehmung über den Zusammenhang zwischen Umwelt und Lebensqualität.

Frage: Haben die aktuelle Luftverschmutzung und die wirtschaftliche Krise einen weiteren Schritt in der Bewußtwerdung und bei den Maßnahmen zur Folge gehabt? Darüber gesprochen wird schon seit einiger Zeit und Malaysia hat bereits seit Jahren ein Umweltministerium, aber es passiert eigentlich nichts.

Nun ich denke, man macht vor allem Indonesien für die Luftverschmutzung verantwortlich.

Frage: Immer noch?

Ja. Sie wird hauptsächlich auf Indonesiens Waldbrände zurückgeführt.

Die meisten Menschen in Malaysia wissen nicht, daß es große Feuer in Pahang gibt, die noch nicht gelöscht wurden. Die meisten Menschen in Malaysia machen seit Mitte der 80er Jahre immer wieder Indonesiens Waldbrände verantwortlich für die Luftverschmutzung in Malaysia. Dieses Begründung war bisher sehr überzeugend.

Frage: Aber sieht man denn nicht örtlich Luftverschmutzung, die alles noch schlimmer macht?

Ich glaube, daß dies allmählich gesehen wird. Aber die größte Empörung besteht über die, sozusagen, importierte Luftverschmutzung. Einige sind auch unglücklich über die örtliche Luftverschmutzung, aber nur ein relative geringer Anteil der Bevölkerung sind darüber derart beunruhigt, daß sie Maßnahmen dazu erwarten oder fordern.

Frage: Wie sieht das denn bei den aufgeklärteren Entscheidungsträgern und Politikern aus? Es muß doch auch einige Menschen geben, welche die Entwicklung in anderen Ländern sehen. Auch in Deutschland dauerte es mehr als 10 Jahre, bis etwas passierte. Damals waren die Grünen die einzige Partei, die solche Fragen aufwarf und heute kann es sich keine Partei leisten, nicht die Umweltprobleme anzusprechen und etwas zu tun. Glauben Sie Malaysia ist noch nicht an dem Punkt, wo wirklich etwas unternommen wird?

Nein, noch nicht. Ich glaube, daß es zu Fragen der Lebensqualität bisher erst ein sehr niedriges Bewußtsein gibt. Die malaysischen Zwangsvorstellungen über Ethnizität und Kultur sind immer noch sehr vorherrschend und werden gefolgt von sogenannten entwicklungspolitischen Fragen. Die Beschäftigung mit Lebensqualität und Bürgerrechten usw. steht wohl an dritter Stelle.

Ethnopopulismus als Grundproblem der Politik

Frage: Malaysia ist in gewisser Weise reif ein globalen Akteur zu werden. Es ist nicht mehr "Spielball" anderer, sondern spielt selber mit. Als Mitspieler in diesem Spiel, wird man auch mal getroffen. Solange ein Wirtschaftswachstum vorherrscht, entsteht ein gewisser Wohlstand, gibt es einen Anstieg im allgemeinen Lebensstandard und in gewissem Ausmaß auch eine Verteilung des Wohlstandes auf die gesamte Bevölkerung. Wenn es einmal einen Rückschlag gibt, sehen Sie dann die Gefahr einer Destabilisierung und ethnischer Spannungen? Wie sehen die Perspektiven für Malaysia aus und was bedeuten sie für die Mehrheit der Bevölkerung?

Ich stimme damit überein, daß sich die Situation im letzten Jahrzehnt verändert hat. Gleichzeitig möchte ich betonen, daß der Grund für die Veränderungen in dem Wechsel der führenden Politiker und der Art ihrer nationalen Führung liegt. Mahathir und Anwar sind sehr viel vorsichtiger mit den ethnischen Problemen umgegangen. Aber in ihrer eigenen Partei und auch bei den meisten anderen Parteien, insbesondere denjenigen innerhalb der Regierungskoalition, aber manchmal auch in der Opposition, kennt man nur Ethnopopulismus als Politik. Wie wird also mobilisiert, wie konkurriert man mit den anderen Parteien? Es geht darum, wer der größte Fürsprecher für die Malaien, die Chinesen, die Iban, die Kadazan oder wem auch immer ist. Darin liegt das Problem.

Das Problem ist das Problem des System selbst. Politische Konkurrenz nach malaysischer Art bedeutet im Grunde genommen, Konkurrenz darin, wer besser qualifiziert ist eine bestimmte ethnische Gruppierung zu führen oder zu vertreten. Das ist das Dilemma.

Obgleich der momentanen Staatsführung zugestehen würde, daß sie die Situation entschärft, ist gleichzeitig das System selbst potentiell explosiv, weil es im wesentlichen auf Ethnopopulismus beruht. Bis eine politische und institutionelle Reform durchgesetzt wird, die das sehr erschweren würde, ist es die einfachste Sache in einer wirtschaftlichen oder politischen Krise darauf zurückzufallen. Wenn Mahathir sich sehr bedroht fühlt, worauf wird er zurückfallen? Wie etwa kürzlich die Bemerkung über eine jüdische Verschwörung. Man muß sie verstehen im Rahmen dieser Art des Ethnopopulismus. Man kann am einfachsten darauf zurückgreifen, weil man nichts anderes anzubieten hat. Es ist keine ideologisierte Politik und es ist nicht einmal eine Debatte über politische Taktik. Somit greifen auch alle anderen schließlich darauf zurück. Das ist keine besonderes anspruchsvolle Art des politischen Diskurses.

Frage: Wird das so weiter gehen? Wie sieht die Zukunft Malaysias aus?

Nun, das gute an Malaysia ist zur Zeit, wie ich schon sagte, daß die Nummer eins und Nummer zwei an der Spitze der Regierung nicht geneigt sind, die ethnischen Spannungen anzuheizen und das ermöglicht, daß andere Dinge mehr im Vordergrund stehen. Es gibt offensichtlich eine Reihe von Differenzen zwischen Mahathir und Anwar bei anderen Fragen. Gleichzeitig glaube ich, daß es sich bei der Vorstellung ein entwickeltes Land zu werden, insbesondere bei Mahathir, um eine sehr vulgäre Wirtschaftswachstums-Vision handelt. Anwar hat eine viel ausgeglichenere Auffassung. Aber gleichzeitig ist mir nicht klar, ob er ein richtiges Gespür für wirtschaftliche Fragen hat, um eine Entwicklung in der Zukunft zu gewährleisten. Er war immer mehr ein Poppulist als Mahathir. Man weiß nicht so recht, wohin er wohl führen wird.

Vielen Dank für das Gespräch.

[Quelle: südostasien, Dezember 1997, S. 43-48]