Vision 2020 und die Randgruppen

symbol.gif (711 Byte)
Home

Der Artikel erschien in ALIRAN Monthly Jahrgang 13, Nr. 7 (1993), S.16ff unter dem Titel "Vision 2020 and the Marginalised: The need for alternative approaches to meeting human needs".

"Vision 2020" heißt das langfristige Programm der Regierung, um Malaysia zu einer führenden Industrienation zu entwickeln. Es bietet Malaysiern sowohl Herausforderungen und Chancen. Das hohe Vertrauen, was dabei in die Marktwirtschaft gesetzt wird, sollte allerdings mit Vorsicht genossen werden. Im folgenden Artikel beleuchtet Denison Jayasooria einige unerwünschte Folgen der Marktkräfte. Ferner werden Wege aufgezeigt, wie marginalisierten Gruppen geholfen werden kann, ihre Position zu stärken, im Sinne einer ganzheitlichen Herangehensweise, die "Vision 2020" vorgibt zu verkörpern.

Die Entwicklung, die Vision 2020 vorhersieht, ist nicht nur wirtschaftlicher, sondern eine ganzheitlicher Natur. Politische, soziale, spirituelle, psychologische und kulturelle Dimensionen werden berücksichtigt. Zweifellos ist sie gut durchdacht. Die neun benannten Herausforderungen versuchen, so scheint es, alle diese Dimensionen in eine Gesamtvision einzubeziehen.

Als malaysische Staatsbürger haben wir die Möglichkeit, eine Rolle bei den Veränderungen, die sich um uns herum abzeichnen, zu spielen. Ob wir uns beteiligen oder nicht, diese Veränderungen werden weitreichende Auswirkungen auf uns und unsere nachkommenden Generationen haben. Malaysia wird im Jahr 2020 völlig anders sein.

Grundlegend für uns ist die Auswirkung der kapitalistischen Marktwirtschaft. Bei der Untersuchung der politischen Willenserklärungen müssen wir in der Lage sein, die Aussagen im Lichte der konkreten Pläne, Projekte und Ressourcenverteilung kritisch zu beurteilen. Wir müssen uns auch positiv und aktiv in unserer Beteiligung zeigen, da Herausforderungen auch Möglichkeiten eröffnen.

Auswirkungen der kapitalistischen Marktwirtschaft

In Vision 2020 wird den Marktkräften ein großes Vertrauen eingeräumt. Es ist "eine Wirtschaft, die vollständig der Disziplin und der Rigorosität der Marktkräfte unterliegt", sagt unser Premierminister. Nach dem bekannten Ökonom, Brian Griffiths, "ist die Marktwirtschaft, mit ihrer breiten Verteilung von Eigentum und Kapital, eine weitaus wirksamere Art, Wohlstand zu schaffen, als Staatseigentum oder staatliche Kontrolle. Beweise hierfür gibt es reichlich und können anhand von Ländern mit sehr unterschiedlicher Kultur, Geographie und politischen Institutionen geliefert werden."

Diesem Vertrauen in die Kräfte der kapitalistischen Marktwirtschaft muß mit Vorsicht begegnet werden, denn es gibt durchaus unerwünschte Folgen. Das menschliche Verhalten im Rahmen eines Marktes beruht im wesentlichen auf dem wirtschaftlichen Eigeninteresse. Wir müssen diese Spannung zwischen dem Eigeninteresse und dem gemeinsamen sozialen Interesse besonders hervorheben, denn darin liegt auch die Spannung zwischen einer Marktwirtschaft und dem Ethos der Fürsorge (caring ethos). Die Antriebskraft der einen ist Selbstsucht und Habgier und die der anderen der gemeinsamer Vorteil und Haltung, zu geben.

Bill Jordan hat in seinem kürzlich erschienen Buch The Common Good I, Morality and Self Interest versucht, diesen Widerspruch zu lösen, indem er eine soziale Moral befürwortet, die sich aus gemeinsamen Interessen und Gemeinschaft (common good) ergibt. Wenn Menschen gemeinsam zum Wohle des gegenseitigen Nutzens handeln, wobei sie alle teilen, dann handeln sie in ihrem eigenen Interesse als auch für den anderen.

Mag der Markt eine wirksame Art sein, Wohlstand zu schaffen, so schafft er auch unerwünschte Folgen. Fünf Nachteile des Marktes können genannt werden:

Grundlegend ist, daß der freie Markt zu Konzentration von Wohlstand und Macht führt. Chandra Muzaffar schreibt: "Entsprechend den Erfahrungen von sich "neu industrialisierenden Volkswirtschaften" (Newly Industrialising Economies), ist es möglich, daß sich wirtschaftliche und soziale Disparitäten verschärfen. Das bedeutet, daß zwar ärmere Teile der Gesellschaft in gewissem Ausmaß von der wirtschaftlichen Entwicklung profitieren werden, aber vor allem der reiche Teil der Gesellschaft ist es, der von einer raschen wirtschaftlichen Ausdehnung profitiert."

Die Armen

Wenn sich auch der allgemeine Lebensstandard für alle verbessern wird, so wird der Einkommensunterschied zwischen den Reichen und den Armen erheblich sein. Dies wird auch in dem Zweiten Zukunftsrahmenplan (Second Outline Prospective Plan) 1991-2000, OPP2, festgestellt, der zeigt, daß "1990 der Einkommensanteil von 40% der Haushalte am unteren Ende 14,5% betrug im Vergleich zu 50,3% für die 20% Haushalte am oberen Ende. Ausgedrückt in Einkommensunterschieden für die Halbinsel Malaysia bedeutet das, daß das durchschnittliche Haushaltseinkommen M$ 421 für die unteren 40% betrug im Vergleich zu M$ 2.924 für die obersten 20%.

Lobenswert ist die erhebliche Verminderung der landesweiten Armutsfälle von 50,4% an der Gesamtbevölkerung im Jahr 1970 auf 17,1% 1990. Doch die Armutsgrenze von M$ 370 für eine durchschnittliche Haushaltsgröße von 5,1 Personen erscheint unrealistisch. Nach diesen Zahlen leben etwa 143.100 Haushalte oder 4% aller Haushalte in absoluter Armut.

Die Obdachlosen

Demographische Schätzungen gehen von einem Anwachsen der städtischen Bevölkerung aus. Danach sollen bis zum Jahr 2020 64% der Bevölkerung in städtischen Zentren leben gegenüber 43% im Jahr 1990 und 34% 1980. Ferner werden allein in Kuala Lumpur im Jahr 2020 5 Mio. Menschen leben gegenüber 1,2 Mio. 1992 (vgl. Star 2.12.92).

Diese Veränderungen werden enorme Auswirkungen auf öffentliche Einrichtungen haben. Ein wichtiges Problemgebiet wird die Verfügbarkeit von preiswertem Wohnraum insbesondere in den Städten sein. Eine Krise auf diesem Gebiet wird in wenigen Jahren eintreten, wenn nicht jetzt entsprechend darauf reagiert wird. Ein neues Problem von Obdachlosigkeit wird entstehen. Nach einem Zeitungsbericht des Star vom 6.11.91 gab es in Kuala Lumpur 300 Obdachlose. Hierbei muß es sich um eine konservative Schätzung handeln.

Andere Randgruppen

Meist werden Minderheiten vernachlässigt und marginalisiert, vor allem, weil die Bedingungen und Möglichkeiten nicht gleich sind. Bestimmte Bevölkerungsgruppen können häufig aufgrund ihres niedrigen Bildungstandards und/oder ihrer finanziellen Möglichkeiten nicht ihre Vorteile im offenen Marktsystem geltend machen. Den schwächeren Mitgliedern der Gemeinschaft muß besondere Aufmerksamkeit entgegengebracht werden, um Gerechtigkeit walten zu lassen.

Die Ureinwohner der malaiischen Halbinsel, die Orang Aslis, und die Menschen indischer Herkunft gehören zu den Bevölkerungsgruppen, die im Vergleich zu anderen zurückgeblieben sind, wie auch im OPP2 festgestellt wird. Ferner wird dort festgehalten, daß "bei der Durchführung des Nationalen Entwicklungsplans (NDP) den Bedürfnissen dieser Bevölkerungsgruppen angemessene Aufmerksamkeit geschenkt wird, damit sie ebenfalls vom wirtschaftlichen Wachstum und den Entwicklungsprogrammen profitieren". Behinderte sind ein weiterer vergessener Teil der malaysischen Gesellschaft.

Betrachten wir das Beispiel der Orang Aslis-Bevölkerung, so stellen wir fest, daß sie am weitesten zurückgeblieben sind in Bezug auf wirtschaftliche Entwicklung, Bildungsstand, Lebensstandard und Gesundheit. Sie können als "Ärmste unter den Armen" in Malaysia bezeichnet werden. Nach Schätzungen leben 80% der Orang Aslis im Land noch immer unterhalb der Armutsgrenze. Sie sind sehr häufig Opfer skrupelloser Händler, die Produkte wie Durians, Petai, Bambus, Rattan aufkaufen und im Gegenzug Lebensmittel verkaufen. Sie verleihen ebenfalls Geld an die Orang Aslis.

Organg Aslis verfügen weder über Sicherheiten, die ihnen eine Kreditaufnahme von Finanzinstitutionen ermöglichen würden, und sind sie zu bestimmten Regierungshilfen nicht berechtigt. Denn viele von ihnen sind nicht in Besitz eines Landtitels, obwohl sie vielfach ein bestimmtes Stück Land schon seit Generationen bebauen.

Alternative Ansätze, Bedürfnisse zu befriedigen

Der übliche Fürsorgeansatz orientiert sich meist an einem Wohlfahrtsmodell, das paternalistisch ist und eine Subventions- und Abhängigkeitsmentalität schafft. Im Gegensatz dazu propagiert die Nationale Wohlfahrtspolitik eine Strategie, welche die Fähigkeiten der Individuen und Gemeinschaften entwickelt. Der Schwerpunkt liegt hier nicht darin, dem Menschen einen Fisch zu geben, sondern ihm beizubringen, wie man fischt.

In Übereinstimmung mit Vision 2020 müssen wir Sozialeprogramme auflegen, die kleine und mittlere Betriebe schaffen und angepaßt sind im Sinne der Schaffung von Arbeitsmöglichkeiten und der Verbesserung des Lebensstandards. Der Schlüssel einer Sozialpolitik ist, Selbstvertrauen zu schaffen und den Schwächeren zu helfen, aus dem Teufelskreis der Abhängigkeit herauszukommen.

Einkommensfördernde Kreditprogramme ermöglichen eine alternative Strategie der Armutsbekämpfung. Sie müssen Verfahren und Möglichkeiten schaffen, die es den Armen ermöglichen, sich selbst zu helfen, aus der Armut aufzusteigen und die Stufe der Wohlhabenderen zu erreichen. Sie werden als neuer Ansatz gesehen, der den vereinzelnden Konkurrenzcharakter der Überlebensökonomie der Armen respektiert, aber auch nutzt.

Eine Politik der Armutsbekämpfung muß die Vitalität und die Möglichkeiten der vom privaten Unternehmertum angetriebenen wirtschaftlichen Ziele vieler tausender kleiner Geschäfte nutzen, die Beschäftigung geben und den Konsumbedürfnissen der Armen dienen.

Vor allem müssen wir alles in unserer Macht stehende tun, damit öffentliche Mittel nicht dazu genutzt werden, um Arme zu vertreiben, sondern um ihre Produktivität und wertschaffenden Tätigkeiten zu vergrößern.

Zwei Beispiele

Ein sehr wirkungsvolles Beispiel ist die Amanah Ikhtiar Malaysia, welche dem Vorbild der Grameen Bank in Bangladesh folgt.

Kleine Kredite zu annehmbaren Bedingungen an besonders arme Haushalte zur Finanzierung von zusätzlichen einkommenschaffenden Tätigkeiten können eine effektive und einfache Art sein, um extreme ländliche Armut auf der malaysichen Halbinsel zu verringern, wie in Bangladesh. Das Projekt Ikhtiar zeigte nicht nur, daß der Gramee Bank Ansatz im Umfeld des ländlichen Malaysias funktioniert, sondern machte auch deutlich, daß er schnell bei einem großen Teil der Armen, etwa 50-60%, Wirkung zeigt.

Eine weitere örtliche Initiative ist der Gebrauchtwaren Laden, der vom Bethanien Haus eingerichtet wurde. Es ist einer von vier Läden, etwa 300 m entfernt vom Bethanien-Haus an der Hauptstraße von Teluk Intan. Er verkauft gebrauchte Kleidung und andere Waren aus zweiter Hand. Einige Bewohner des Hauses und ältere, geistig behinderte Schüler lernen die Kleidung und andere Gegenstände auszusortieren, zu reinigen, auszubessern und sie zum Verkauf anzubieten. Er hat vier Ziele, nämlich das Erlernen von Fähigkeiten im handwerklichen Bereich und im Umgang mit Geldtransaktionen; die Förderung aktiver Interaktion zwischen der Bevölkerung und den Schülern; ein einkommensförderndes Projekt zu schaffen, das der Gruppe und dem Laden ermöglicht, sich selbst zu versorgen; eine sinnvolle Dienstleistung für die armen Bevölkerungsteile anzubieten.

Das neueste Projekt von Bethanien ist das Cafe MMM (Makan, Minum dan Main) eine Reihe von fünf Schnellimbiß-Ständen vor dem Bethanien-Grundstück. In einem Bericht der Verantwortlichen wird als Ziel des Projektes aufgeführt, daß nichtbehinderte mit behinderten und benachteiligten jungen Menschen zusammenarbeiten und eine einkommenschaffende Beschäftigung haben. Wir hoffen, daß durch das positive Beispiel, was junge Menschen trotz Behinderungen erreichen können, eine größere Akzeptanz und Berücksichtigung der besonderen Bedürfnisse der behinderten Bevölkerung Malaysias geschaffen wird.

Schlußfolgerung

Mit Hilfe solchre Projekte können wir als malaysische Bürger einen konstruktiven Versuch in "advocacy" und Befähigung unternhemen. Advocacy bedeutet, für andere beziehungsweise zusammen mit anderen sprechen oder handeln. Es ist unsere Pflicht, den Schwächeren in der malaysischen Gesellschaft eine Chance der gleichberechtigten Teilnahme und einen Anteil am Wirtschaftswachstum zu ermöglichen.

Übersetzung von Peter Franke.

Aus Südostasien Informationen Nr. 1/1994 S. 43 - 44

ah_linie.gif (1558 Byte)

Stand: 02. Juli 2004, © Asienhaus Essen / Asia House Essen
Webspace and technical support provided by Asia Point Network