| Asienhaus-Rundbrief 33/2003, 14.11.2003 |
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In Kürze:
1.) 20.11., 18.00 Uhr, Berlin: Veranstaltung zur Asiatischen
Entwicklungsbank
2.) 29.11., ab14 Uhr, Köln: Bali - Ein Jahr nach der
Bombe
3.) Aufruf: Unterzeichnen Sie die Petition für Professor Song
Du-yul
4.) Malaysia: Eine Bilanz der Ära Mahathirs
(Bei der Versendung dieses Asienhaus-Rundbriefes ist uns ein Fehler
unterlaufen. Wir bitten um Entschuldigung).
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Noch einige Plätze frei: Workshop "Sozialer Sprengstoff in China", 22.11.2003, Bonn
Programm und Anmeldeformular unter www.asienhaus.de/chinaworkshop.doc
Anmeldeschluß 17.11.2003
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| ad 1) 20.11., 18-21 Uhr,
Berlin: Veranstaltung zur Asiatischen Entwicklungsbank BUND Konferenzsaal, Am Köllnischen Park 1, 10179 Berlin |
Auf Einladung von Asienhaus, BUND und WEED findet am 20. November ein Gespräch über die Politik der Asiatischen Entwicklungsbank (ADB) statt. Im Zentrum steht das Verhältnis Deutschlands zur ADB, sowie die Rolle dieser Bank bei der Privatisierung in Asien, die Verantwortung internationaler Organisationen sowie die Möglichkeiten der Zivilgesellschaft, Einfluß zu nehmen.
Es sprechen Gopal Swakoti, Waster and Energy User's Federation, Nepal; Jessica Rosien, NGO Forum on the ADB, Manila und Dorothy Guerrero, Asienhaus/Deutsche NRO Arbeitsgruppe zur ADB.
| ad 2) 29.11., ab
14 Uhr, Köln: Bali - Ein Jahr nach der Bombe Bürgerzentrum Alte Feuerwache, Köln, Melchiorstraße Kontakt: Karl Mertes (0221-7328056, e-mail: mertes@netcologne.de |
Am 12. Oktober 2002 gingen in dem indonesischen Touristenzentrum Kuta auf Bali Bomben in zwei Diskotheken hoch, die mehr als zweihundert Todesopfer forderten. Anläßlich dieses Ereignisses führt die Deutsch-Indonesische Gesellschaft Köln, unterstützt u.a. durch das Asienhaus, einen Bali-Tag durch.
Im Verlauf dieser Veranstaltung werden mit Filmen, Vorträgen und Diskussionen das Geschehen vor einem Jahr wie die Nachwirkungen erörtert. Balinesische Tänze runden das Programm ab.
| ad 3) Petition
für Professor Song Du-yul siehe ausführlicher www.freesong.de |
In den letzten beiden Asienhaus-Rundbriefen haben wir Sie über die Verhaftung des Münsteraner Soziologie-Professors in Seoul informiert.
Wir möchten Sie bitten, die Petition zugunsten von Song Du-yul zu unterzeichnen. Sie können das online machen unter www.freesong.de. Dort finden Sie auch weitere Einzelheiten zur Person Songs und den internationalen Aktivitäten zu seiner Unterstützung.
| ad 4) Malaysia:
Eine Bilanz der Ära Mahathirs von Farish A. Noor |
Farish A. Noor ist Politologe und Menschenrechtsaktivist. Er stammt aus Malaysia. Er ist Mitglied der NGO JUST, HAKAM und SUARAM. Zur Zeit arbeitet er als Research fellow am Zentrum für Moderne Orientstudien, Berlin. Die Übersetzung aus dem Englischen wurde besorgt von Markus Gerboth.
Die
Kosten der Ära Mahathir in Malaysia (1981-2003)
von
Farish A. Noor
Die Ära Mahathir ist (endlich) vorüber und die
normalsterblichen Malaysier beginnen, die Frage nach den Kosten zu stellen - den
menschlichen, ökonomischen und politischen Kosten von mehr als zwei Jahrzehnten
spektakulärer Entwicklung und ebenso spektakulärer Fehlschläge. Noch bevor
der Mann seinen Posten räumte, begann der Glanz der Mahathir-Jahre zu
verblassen: keine zwei Wochen vor seinem Ausscheiden aus dem Amt muss die
Nachricht, dass der Wolkenkratzer 101 in Taiwans Hauptstadt Taipeh nun
fertiggestellt ist, einen wunden Punkt in Dr. Mahathir Mohamad´s Seele
getroffen haben. Bedeutet es doch, dass sein ganzer Stolz, das Kuala Lumpur City
Center-Hochhaus nicht länger das höchste Gebäude der Welt ist und dass
Malaysia seine Führungsrolle für immer verloren hat. Mehr noch: Malaysia ist
derzeit wohl kaum in der Lage, ein weiteres weltrekordverdächtiges Gebäude zu
errichten, und von vielen einfachen Leuten hört man ein Seufzen der
Erleichterung.
Bekannt für seine flammenden Reden und Stegreifkommentare,
waren seine letzten Tage im Amt voller Zwischenfälle und Dramen, die den
komplexen und oftmals verwirrenden Charakter dieses Mannes offenbaren: Hatte er
ursprünglich den islamischen Extremismus verurteilt und muslimische Regierungen
dazu aufgerufen, Selbstmordattentate als Mittel des Kampfes zu verurteilen, so
schockte er die Welt anlässlich einer Rede auf dem OIC-Gipfel in Malaysia mit
Verweisen auf eine ´jüdische Weltverschwörung´. Indem er behauptete, dass
"...Juden die Welt durch Stellvertreter regieren..." und sie
"...Sozialismus, Kommunismus, Menschenrechte und Demokratie erfunden
..." hätten, um Verfolgung zu entgehen und die Kontrolle in der westlichen
Welt zu erlangen, gerierte er sich nach Art eines Demagogen, der sein Bestes
tut, um die Unterstützung der arabischen Welt zu bekommen, während er doch
gleichzeitig die islamische Opposition im eigenen Land zurückdrängt. Wie immer
hatten diese Kommentare und Argumente, die oftmals ausschweifend und bombastisch
wirken, ihren Preis.
Die Ära Mahathir von 1981 bis 2003 hat zweifellos der
politischen, ökonomischen und sozialen Landschaft Malaysias ihren Stempel
aufgedrückt. Malaysia ist heutzutage ein Land mit beeindruckenden
Wolkenkratzern und glitzernden Konsummeilen, aber bei genauem Hinsehen sieht man
auch Slums, Flüchtlingscamps und chronische Verstopfung in den Straßen.
Vieles von dem Wandel beruht auf lokalen sowie
internationalen und variablen Faktoren, über die Dr. Mahathir keine Kontrolle
hatte, aber ebenso viele Umbrüche und Wechsel sind seiner Politik und seinem
Politikstil geschuldet. Innerhalb von zwei Jahrzehnten verwandelte die
Mahathir-Administration Malaysia mit Hilfe westlicher und japanischer Investoren
von einer rückständigen und kolonial geprägten Wirtschaft in eine
semi-industrialisierte Zulieferindustrie mit einem festen Platz im Weltmarkt.
Die malaysische Gesellschaft hat all die Schocks erfahren, die als Begleitumstände
rapider Modernisierung und Entwicklung auftreten: Von der Migration vom Land in
die Stadt in großem Maßstab über das Auftreten sichtbarer Schichten- und
Machtunterschiede bis hin zu den Problemen überbevölkerter Metropolen.
Mehr als jeder andere vor ihm stärkte Dr. Mahathir das
internationale Profil Malaysias im Ausland. Er war ätzend in seinen Angriffen
auf die unilaterale Rolle der Vereinigten Staaten, die Macht des westlichen
Finanzkapitals und auf das, was er für die neokolonialen Intrigen gegen die
Entwicklungsländer hielt. Doch seine Kritik an der Heuchelei und dem zweierlei
Maß des Westens stand in keinem Verhältnis zur Kritik an den Dritte
Welt-Despoten, die seine Verbündeten waren: er wurde oft bezichtigt, blind zu
sein gegenüber den Menschenrechtsverletzungen in arabischen und afrikanischen Ländern,
denen er sich näher fühlte. Im eigenen Land nahm man Mahathirs Kritik am
zweierlei Maß des Westens mit einer gehörigen Prise Skepsis auf. Schließlich
war er derjenige, der die Verantwortung trug für Verhaftung, Arrest und
Einkerkerung zahlreicher Oppositioneller und die Beibehaltung einer strengen
Zensur auf die Pressefreiheit.
Es war dann die Wirtschaftskrise 1997-98, welche den Schwung
der Entwicklung brach und die wirtschaftliche Blase zum Platzen brachte: Über
Nacht wurden sich die Malaysier (wie auch andere Südostasiaten) der Anfälligkeit
des ökonomischen und politischen Konsens bewusst. Diese Wirtschaftskrise
zeigte, wie verwundbar die Ökonomie Malaysias in der ökonomischen Großwetterlage
und angesichts der räuberischen Manöver des internationalen Finanzkapitals
war. Mehr noch, die Krise zeigte, bis zu welchem Grad das malaysische ´Wirtschaftswunder´
lediglich auf Spekulation beruhte, dem wahllosen Zahlen von Löhnen je nach
politischen Interessen sowie die Abhängigkeit des Landes von fremdem Kapital.
Dem folgten die Wut und der Zorn der Öffentlichkeit, als herauskam, dass ein
großer Teil des ökonomischen Erfolges einer Kultur des Nepotismus, der
Korruption und Vetternwirtschaft geschuldet war, die im eigentlichen Herzen des
politischen Establishment praktiziert wurde: nach zwei Jahrzehnten des
Mahathirismus, welche unhinterfragt verstrichen waren, schienen die Verbindungen
zwischen Politik und Business enger als jemals zuvor.
Um die Dinge zu komplizieren, führte die Wirtschaftskrise
schnell zu einer politischen Krise, als Dr. Mahathir öffentlich in Streit
geriet mit seinem Stellvertreter, dem gemäßigt reformerischen Islamistenführer
Anwar Ibrahim, den Mahathir zunächst hofiert und 1982 in die regierende UMNO
(United Malay National Organisation) gebracht hatte. Im Zuge dieses politischen
Machtkampfes wurde Anwar Ibrahim von seinem Posten als stellvertretender Premier
und Finanzminister entfernt, im Führungszirkel der UMNO kaltgestellt und schließlich
verhaftet und eingesperrt. Zur weiteren Verwirrung in dieser skandalösen
Episode trug bei, dass Anwar nicht nur mit vorgehaltener Pistole verhaftet,
sondern von niemand geringerem als dem obersten Polizisten Malaysias,
Generalinspekteur Rahim Noor, öffentlich beleidigt wurde. Den folgenden Prozess
gegen Anwar Ibrahim betrachteten viele als Justizposse, die mehr dem Ansehen der
malaysischen Justiz, dem Rechtsapparat und der Polizei schadete als Anwar
Ibrahim selbst.
Diese Entwicklungen bringen die strukturellen und
institutionellen Kosten der Mahathir-Ära ans Licht. Der Mann, der vorgeblich
die malaysische Wirtschaft auf spektakulärste Art und Weise transformiert hat,
wird auch verantwortlich gemacht für den systematischen Niedergang vieler
vitaler Institutionen, von der Justiz bis hin zu den Polizeikräften.
Nach zwei Jahrzehnten Mahathirismus ist der malaysische Staat
heute noch zentralisierter und das Erzwingungspotential und die Macht der
Regierung auf einem Höhepunkt. Die Presse des Landes wurde durch Aufkauf der
wichtigen Zeitungen und Fernsehsender durch die Parteien der Nationalen
Koalition unter Kontrolle gebracht. Die Opposition wurde niedergezwungen und
eingeschüchtert durch den Gebrauch von Gesetzen wie dem ISA (Internal Security
Act), das die Inhaftierung ohne vorherigen Prozess erlaubt sowie einem ganzen
Schwarm anderer Gesetze wie dem Anti-Aufruhr-Gesetz noch aus der britischen
Kolonialzeit. Obwohl sein Ansehen als Ultra-Nationalist auf dem Anspruch
basierte, Malaysia aus den Fesseln kolonialer und neo-kolonialer Herrschaft zu
befreien, scheute Dr. Mahathir - wie so viele andere Führer der Dritten Welt
auch - nicht davor zurück, die gleichen repressiven Gesetze anzuwenden, um sein
Volk zu kontrollieren und ihm seinen Willen aufzuzwingen.
Das Beunruhigendste an der Ära Mahathir ist vielleicht sein
Verhältnis zum Islam. Bei seinem Machtantritt 1981 erschien Dr. Mahathir als Förderer
eines progressiven, gemäßigten und liberalen Islam, um der gefährlichen Strömung
des fundamental konservativen Islam zu begegnen, die anderswo in der
muslimischen Welt anwuchs. Zu diesem Zweck machte sich seine Regierung zum
Schirmherr und Förderer einer Reihe von islamischen Initiativen wie der
Islamischen Internationalen Universität, islamischen Banken und Versicherungen
sowie einer Reihe islamischer Forschungseinrichtungen und Denkfabriken. In
dieser Zeit engagierte sich die UMNO in einer Art ´Islamisierungswettlauf´
gegenüber der PAS (Parti Islam Semalaysia), und UMNO suchte eine Modernisierung
des Islam durch Umarmung durch die Regierung und den Staatsapparat.
Zwei Jahrzehnte später hat sich die malaysische Gesellschaft
und ihre Politik tatsächlich zu einem mehr islamischen Muster hinentwickelt,
doch nicht in der beabsichtigten Weise. Heutzutage spricht die UMNO die Sprache
des islamischen Gottesstaates und ihre Führer machen Gesetzesvorschläge, die
exakt so hart und konservativ erscheinen wie die der Hardliner von der PAS. Auf
diesem Terrain, nämlich dem Kampf um die Herzen und Köpfe der Muslime, ist
Mahathir zuallererst gescheitert. Dank seiner Verfolgung und Dämonisierung der
islamischen Opposition haben ausgerechnet PAS und andere konservative Gruppen größeren
Einfluss erlangt als die übrigen Oppositionsparteien im Land. Malaysias
undemokratisches System hat Wege geöffnet für noch undemokratischere Formen
des Islam, die nun blühen und gedeihen. An den Universitäten des Landes hat
die islamische Opposition in jeder Wahl der letzten fünf Jahre Fuß fassen können
- ein überdeutliches Zeichen, dass die Muslime Malaysias den modernistischen,
entwicklungsorientierten Islam Mahathirs mittlerweile ablehnen.
Dr. Mahathirs Nachfolger Dato Abdullah Ahmad Badawi wird sich
einer gewaltigen Aufgabe gegenübersehen. Er wird die bürokratischen
Institutionen des Staates neu organisieren müssen und dafür sorgen, dass
Regierungsposten nach Verdiensten und nicht nach politischen Verbindungen
vergeben werden. Er muss das Justizsystem reformieren und Malaysier und Ausländer
gleichermaßen davon überzeugen, dass das malaysische Justizsystem fair und
unpolitisch sein kann. Der ´Islamisierungswettlauf´ zwischen UMNO und PAS muss
umgesteuert werden, wenn nicht sogar ganz gebremst werden, und die Regierung
muss eine Vision des Islam fördern, die vereinbar ist mit den Werten der
Toleranz, des Pluralismus, der Demokratie und dem Respekt für die fundamentalen
Menschenrechte der malaysischen Bürger. Ökonomisch muss er die malaysische
Wirtschaft wiederbeleben und sich auf weniger glamouröse und spektakuläre
Projekte konzentrieren und versuchen, die Wunden und Spaltungen zu heilen, die
durch unsymmetrische und ungerechte Entwicklungspolitik entstanden sind. Vor
allem aber muss er Malaysia etwas zurückgeben, das als Kostenpunkt an seine
rapide Entwicklung preisgegeben wurde: seine demokratische Kultur und
Institutionen, welche auf dem Altar des Pragmatismus und des schnellen ökonomischen
Erfolgs geopfert worden sind. Ob all dies von Badawi oder jemand anderem
geleistet werden kann, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch eine offene Frage, denn
der nächste Premier Malaysias arbeitet im langen Schatten, den die Ära
Mahathir wirft.
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