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Madagaskar
Seite 4: Gesellschaft, Kultur & Religion

4.1

Gesellschaftsstruktur

Die madagassische Bevölkerung wird 2005 vom nationalen Statistikamt auf ca. 17 Millionen geschätzt, davon 44% unter 15 Jahre alt sind. 2005 lag die Lebenserwartung bei 54 Jahre. Die jährliche Wachstumsrate liegt bei 2,8%.

Während über die Hälfte der Madagassen in Gebieten des Zentralen Hochlands sowie des Ostens leben, sind der Westen und der Süden Madagaskars zum Teil sehr dünn besiedelt. Knapp unter Dreiviertel der Bevölkerung leben im ländlichen Raum.

Bevölkerungsentwicklung

Jahr Einwohner
1950
4.229.600
1975
7.900.000
2000
15.970.000
2005
17.400.000
2025 (UN-Schätzung)
30.759.000

Quelle: UN Population Division, INSTAT

Trotz der vielfältigen Einflüsse, die zur Entstehung der madagassischen Bevölkerung beigetragen haben, deutet die einheitliche Sprache Malagasy auf eine sehr frühe Vermischung unter den Einwanderern hin, die in einer Zeitspanne von über einem Jahrtausend die madagassischen Ufer erlangten.

Malagasy wird ausschliesslich in Madagaskar gesprochen. Sie ist die westlichste Variante der malayopolynesischen Sprachen und gehört der „Barito“-Gruppe an, einer Gruppe von Sprachen, die im indonesischen Teil Borneos gesprochen werden, zu denen auch Sprachen wie Ma’anyan oder Dusun Deyah zählen. Im Laufe der Jahrhunderte bereicherte sich die Sprache um verschiedene Einflüsse und integrierte somit Wörter bantu, persischer, altindischer, arabischer Abstammung. Auch zahlreiche Entlehnungen aus europäischen Sprachen, vor allem dem Englischen und Französischen sind heute im Madagassischen zu finden.

4.1.1

Ethnizität

Im Allgemeinen wird die madagassische Bevölkerung in 18 Ethnien unterteilt, von denen in der Zahl die Merina im Hochland (ca. 26% der Gesamtbevölkerung), die Betsimisaraka (ca. 15%) an der Ostküste, die Betsileo (12%) im südlichen Hochland und die Sakalava (6%) im Westen am stärksten vertreten sind.

Die besondere Besiedlungsgeschichte Madagaskars hat jedoch nicht zur Entstehung formeller ethnischer Gruppen mit eigenem Status und Sprache geführt. Die eher als ethnisch-geographisch zu bezeichnende Selbsterkennung der Einzelnen beruht vor allem auf einer Identifizierung mit traditionellen Siedlungsgebieten, der Anlegung von Ahnengräbern oder Bildung einzelner Bevölkerungsgruppen. Die sehr vielfältigen physischen und physiognomischen Merkmale der Madagassen können sich durchaus innerhalb einer ethnisch-geographischen Gruppe unterscheiden.

4.1.2

Soziale Lage und soziale Klassen

Wie in vielen Entwicklungsländern besteht eine typische Kluft zwischen der wohlhabenden Minderheit und der breiten armen Mehrheit. Der unterhalb der absoluten Armutsgrenzen lebende Bevölkerungsanteil beträgt 67%.

Der Großteil der madagassischen Bevölkerung findet ihre Lebensgrundlage im landwirtschaftlichen oder informellen Sektor.

Mädchen im Norden
Foto: Maren Mildner 2007

Innerhalb der städtischen Bevölkerung sind die sehr kleine Schicht der wirtschaftlichen und staatstragenden politischen Eliten, sowie die dünne Mittelschicht von mittleren Beamten, Angestellten und Fachangestellten, Unternehmern und Händlern angesiedelt. Darüber hinaus führten die beständige Landflucht sowie die mangelnden Verstädterungsmaßnahmen und Verarmung in den letzten dreißig Jahren zu einer Verdichtung der marginalisierten und verelendeten Massen der kleinen Arbeiter, kleinen und kleinsten Händler, der Arbeits- und Obdachlosen. Nicht selten gehen Madagassen mehreren Arbeitsverhältnissen nach, um sich über Wasser zu halten.

Die kleinen, jedoch wirtschaftlich überwiegend sehr einflussreichen ausländischen Minderheiten bestehen hauptsächlich aus Franzosen, Indopakistanern, Chinesen, Mauritiern und Komorianern.

4.1.3

Stadt-Land-Verhältnis

Die Binnenlandmigration geht zugunsten der landwirtschaftlich starken und exportorientierten Regionen, die Perspektiven für Saisonarbeiter geben. Jedoch geht die Migration tendenziell zugunsten urbaner Gebiete.

4.1.4

Geschlechterverhältnis

Historische Forschungen belegen, dass das Geschlechterverhältnis in Madagaskar eine relative Ausgeglichenheit aufweist. Frauen hatten in der Geschichte wichtige Aufgaben inne, die über ihre Rolle als Mutter hinausgingen, und nicht selten regierten sie Königreiche, wie Rangita und Rafohy (16. Jhdt), die als Urahninnen der Merina-Königreiche gelten, oder Betia (18. Jhdt) im Osten Madagaskars. Mit den Änderungen in den soziowirtschaftlichen Systemen ab dem 17. Jhdt, wo Land nun durch Kriege erobert wurde und Neuland verstärkt erschlossen werden musste, erlebt dieses Verhältnis eine erste entscheidende Umwandlung zugunsten der Männer. Mehr Informationen dazu finden Sie hier.

So setzte König Andrianampoinimerina (18. Jhdt) in einer Verordnung den Status des Mannes als Familienhaupt und Entscheidungsbefugte in der Ehe fest. Im Falle einer Trennung erhielt die Frau beispielsweise lediglich ein Drittel der gemeinsamen Vermögen. Im Sinne der Erweiterung der Reiche legitimierte sich außerdem die Polygamie als Eroberungssystem in den 17. und 18. Jhdt im Bereich der Hochlandkönigreiche.

Trotz dieser Bekräftigung der männlichen Macht spielten Frauen weiterhin eine wichtige Rolle und prägten das madagassische gesellschaftliche und politische Leben, als mehrere Frauen an der Spitze verschiedener Königreiche aufeinander folgten.

Mit dem Beginn der Evangelisierung verbreitete sich die Annahme des untergeordneten Status der Frau auf alle Lebensbereiche: im privaten Haushalt sowie in der Öffentlichkeit und im Beruf. Nun werden die jungen Mädchen getrennt von den Jungen konkret für ihre Rolle als gute Haushälterin und Mutter fortgebildet. So weiß eine gute Ehefrau sich angemessen zu verhalten, indem sie ihrem Ehemann in der Gesellschaft das Wort überlässt.

Während die Aufgabenteilung im Haushalt vorher von der Kastenzugehörigkeit abhing, so wird sie während der Kolonialzeit immer mehr je nach Geschlecht festgesetzt. In dieser Zeit verzeichnete sich zwischen Mann und Frau zugunsten des Mannes ein deutlicher Unterschied im Ausbildungsniveau. Dies hat für die unmittelbare Zeit nach der Unabhängigkeit eine schwerwiegende Folge, als Frauen im öffentlichen und politischen Leben kaum vertreten waren.

In den letzten Jahrzehnten wurde die Kluft im Ausbildungsniveau nach und nach geschlossen und beim Zugang zur Bildung unterscheidet sich Madagaskar heutzutage von vielen anderen Entwicklungsländern durch eine sehr schwache Diskriminierung zwischen Mädchen und Jungen: so waren 2002 jeweils 69% und 68% aller Mädchen und Jungen eingeschult.

Die FAO hat 2004 die Anzahl der Erwerbstätigen auf 8,5 Millionen, darunter 3,8 Millionen Frauen, geschätzt.

Dies zeigt auf Anhieb eine ziemlich ausgewogene Teilung der Arbeitsverhältnisse zwischen Männer und Frauen. Tatsache ist, dass die Arbeit von Frauen auf der einen Seite als normal angesehen wird, auf der anderen ist ein doppeltes Einkommen in fast jedem Haushalt angesichts des niedrigen Lohnniveaus und der wirtschaftlichen Lage unerlässlich. In der Regel verdienen Frauen heute noch im Angestelltenverhältnis bei gleicher Aufgabe weniger als ihre männlichen Kollegen. Dass Frauen zum Teil sehr früh Kinder kriegen, ist ebenfalls ein erheblicher Faktor der sozialen und wirtschaftlichen Benachteiligung.

Heute wird die Beteiligung von Frauen an wichtigen öffentlichen Positionen verstärkt gefördert, der Weg dahin ist jedoch noch lang und schwierig. So zählt die aktuelle Regierung zwei Ministerinnen (Verteidigung und Justiz) sowie eine Staatsministerin für Gesundheit und Familienplanung. Von den madagassischen 2500 Bürgermeistern in Madagaskar sind heute 60 Frauen.

4.2

4.2.1

Bildung

Schulbildung

Einen Überblick über die Bildungslage in Madagaskar finden Sie hier.

Die Analphabetenrate Madagaskars liegt bei 30%. Der von der Regierung umgesetzte Plan „Bildung für alle“, durch den die öffentliche Grundschule komplett gebührenfrei wurde, erbrachte erste positive Ergebnisse mit der Steigerung der Einschulungsquote von 67% in 2002 auf 96% in 2006. Diese Zahl sinkt jedoch im Bereich der weiterführenden Schule drastisch.

Unterrichtssprache ist entweder Madagassisch oder Französisch. Nach seiner Einführung als offizielle Sprache wird Englisch ebenfalls bereits in der Grundschule als Fremdsprache unterrichtet.

schulfestSchulfest in einer Schule in Antananarivo
Foto: Mamisoa Rajosvah – 2006

Junger LehrerJunger Lehrer mit seinen Schülern auf der Insel Sakatia im Norden
Foto: Maren Mildner - 2007

Das Bildungssystem Madagaskars ist weiterhin vom Französischen stark geprägt: die fünfjährige Grundschule oder école primaire wird gefolgt von der insgesamt siebenjährigen zweistufigen weiterführenden Schule „enseignement secondaire premier cycle“ oder „collège“ und „second cycle“ oder „lycée“.

Im Rahmen der Bildungsreformen läuft im September 2008 das Pilotprojekt zur Umsetzung der Neustrukturierung des Schulsystems, wonach die zwei ersten Jahre der Sekundarstufe nun auf die Grundstufe übertragen werden sollen, was die obligatorische Grundschuldauer von fünf auf sieben Jahre bringen würde.

Am Ende der Schulbildung erlangt der Schüler entweder den „Baccalauréat de l’Enseignement secondaire“ oder den „Baccalauréat Technique“.

4.2.2

Hochschulbildung

Nach dem Abitur können die jungen Madagassen mit Hilfe von Stipendien, ihrer Familien oder studentischen Aushilfetätigkeiten ein Studium an verschiedenen öffentlichen oder privaten Hochschulen aufnehmen, wobei letztere in der Regel Kindern finanziell gut situierter Familien vorbehalten sind. Die privaten Hochschulen widmen sich überwiegend sozialen und wirtschaftlichen Studiengängen. Die staatliche Universität ist in den sechs Städten Antananarivo, Antsiranana, Fianarantsoa, Mahajanga, Toamasina und Toliara angesiedelt, wobei Antananarivo das breiteste Fachspektrum anbietet.

4.3

Gesundheit und Sozialwesen

Mit einem Arzt pro circa 3000 Einwohner sind die medizinische Versorgung, und damit der Gesundheitszustand in Madagaskar deutlich unzureichend. Hinzu kommt, dass die meisten Ärzte in den wenigen urbanen Gebieten angesiedelt sind. Unzureichende Infrastrukturen, Armut und Unterernährung erleichtern den Ausbruch von tropischen Krankheiten und Epidemien, darunter vor allem Malaria, Tuberkulose, Hepatitis, Grippe, die periodisch wüten. Eine große Bedrohung stellt HIV/Aids: zwar wird die Infektionsrate auf noch unter 1% geschätzt, doch die besorgniserregende Verbreitungsrate der letzten 15 Jahre rechtfertigen ausgeklügelte Pläne für deren Bekämpfung.

Gerade in den abgelegenen Gebieten, die oft kaum Zugang zur westlichem Medizin bieten, wird auf traditionelle Heilverfahren zurückgegriffen, die sowohl Biomedizin als auch spirituelle Methoden anwenden.

Weitere Informationen zur Lage des Gesundheitswesens in Madagaskar finden Sie auf der Webseite der WHO, USAIDS sowie des madagassischen Gesundheitsministerium.

4.4

Kultur & Religion

Trotz regional vielfältiger Einfärbungen findet sich die kulturelle und spirituelle Identität Madagaskars in der Anstrebung des „Fihavanana“, was in etwa als Eintracht und Kohäsion übersetzt werden könnte. Der Fihavanana regelt das gesellschaftliche Zusammenleben, und bildet ebenfalls einen Bund zwischen den Lebenden und den Toten. So ist der Ahnenkult in ganz Madagaskar ein wichtiger Begriff, und der Glaube an die Macht der Ahnen ein wesentliches Element der madagassischen Religion.

4.4.1

Kultur, kulturelle Identitäten

„Kabary“, feierliche öffentliche Ansprache, sowie die Musik können als wichtigste Elemente der kulturellen Identität genannt werden.

Die „kabary“ ist die alte Kunst des Redens, die vom Redner nicht nur das Beherrschen der rhetorischen Regeln abverlangt, sondern auch die anspruchsvolle und gekonnte Anwendung von Sprichwörtern und der Sprache im Allgemeinen. Unterhaltung, Überzeugung und Ausdruck der Weisheit sind seine wichtigsten Wirkungen, und dem geübten Zuhörer enthüllen sie die Feinheiten „zwischen den Zeilen“. So prägt die „kabary“ das madagassische soziokulturelle Leben.

Durch den Reichtum der madagassischen Musik werden einem die verschiedenen Abstammungen der Madagassen bewußt, aus denen ein wahrer kultureller Schmelztiegel entstanden ist. So reicht die madagassische Musikszene von der traditionellen Vokalmusik des Hochlandes, die zum Teil traditionelle Theatervorführungen beinhaltet, über die rhythmische Tanzmusik der Küstenregionen zu der Acapellas-Musik des Südens.

musikerMusiker im Hochland
Foto: Maren Mildner - 2007

Auch die Musikinstrumente weisen auf asiatische, afrikanische, arabische und europäische Wurzeln zurück. So haben Instrumente wie Flöte oder Akkordeon, aber auch das berühmte Valiha oder die Trommel ihren festen Platz in der madagassischen Musik. Flötenspieler wie Rakoto Frah oder Musiker wie Regis Gizavo erlangten international, zum Teil auf deutschen Jazz-Festivals mitunter einen hohen Bekanntheitsgrad. Musikgruppen wie Mahaleo genießen bei allen madagassischen Generationen nach 35 Jahren Bestehen höchste Beliebtheit.

Das traditionelle Erziehungssystem hat ebenfalls hervorragende intellektuelle Spiele hervorgebracht, wie das Fanorona, eine Art Schachspiel.

4.4.2

Religion

Der Ahnenkult, oder Kult der „Razana“ äußert sich je nach Region in verschiedenen Ausdrucksformen. Denn mit dem Tod geht der Mensch in eine andere Lebensform über und wacht weiter über die Lebenden, und so kümmern sich die Hinterbliebenen weiterhin um ihre Ahnen. Die Ahnenkultform, die in den westlichen Medien am häufigsten thematisiert wird, ist die vor allem im Hochland praktizierte Famadihana oder Totenumbettung, wobei die Gebeine in einem neuen Leichentuch eingewickelt werden.

dorfestDorffest im Rahmen der Famadihana
Foto :
Maren Mildner - 2007

Mit der Ankunft der ersten Missionare im 18. Jhdt gelang auch der Christianismus nach Madagaskar. Durch ihre Akzeptanz durch das madagassische Königreich gewann zuerst die „London Missionary School“ Land, außerdem trugen norwegische oder französische Missionare wesentlich zur Evangelisierung des Landes bei, so dass heute die wichtigsten christlichen Richtungen in Madagaskar anwesend sind: die evangelische, die anglikanische, die katholische und die lutherianische Kirche. Heute bekennen sich gut 50% der madagassischen Bevölkerung zum Christentum, darunter 27% Katholiken und 24% Protestanten, während der Rest die traditionelle Naturreligion praktiziert. Allerdings akzeptieren die Madagassen traditionell die Existenz eines allmächtigen Gottes, auf Madagassisch „Andriamanitra“ oder „Zanahary“ (Schöpfergott). Der Islam konnte sich wenig durchsetzen mit ca. 7% der lokalen Bevölkerung, einschließlich den indopakistanischen und komorianischen Einwanderern, die dieser Religionsgemeinschaft angehören.

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