alle Länder Homepage
Landesüberblick Staat & Politik Wirtsch. & EZ Gesellsch. & Kultur Praktisches

Kamerun
Seite 4: Gesellschaft, Kultur & Religion

4.1 Makrosoziale Struktur

4.1.1 Stabilität durch Instabilität

In diesem vielfältigen Land mit weit über 200 Ethnien treffen unterschiedlichste Kulturen, Lebensformen, Sprachen und Religionen - deren Grenzen teilweise auch ethnienübergreifend verlaufen - aufeinander.
Gegensätze und Interessenskonflikte zwischen verschiedenen Ethnien , Nomaden und Sesshaften , allochthonen und autochthonen Bevölkerungsgruppen , Frankophonen und Anglophonen , Stadt- und Landbevölkerung, Christen und Muslimen führten und führen manchmal auch zu gewalttätigen Auseinandersetzungen.
Teilweise werden diese Konflikte auch von einzelnen Eliten oder politischen Parteien instrumentalisiert.
Trotz, ja gerade vielleicht wegen, seiner Heterogenität zählt Kamerun momentan zu einem der stabilsten Länder der Region.
Eine Situation, die aber nicht unbedingt von Dauer bleiben muss.

4.1.2 Regionalismus, Ethnizität

Trotz offiziell propagierter Zweisprachigkeit ist die Unterscheidung in französisch- und englischsprachige Kameruner die augenfälligste Trennlinie, die die kamerunische Gesellschaft durchzieht. Französischsprachige Kameruner oientieren sich verstärkt an Frankreich und der Frankophonie , während sich die Anglophonen mit Großbritannien und dem Commonwealth identifizieren. Militante sezessionistische Kräfte proklamierten 1999 die Republik Ambazonia , die Mitglied der "Unrepresented Nations and Peoples Organisation (UNPO)" ist.
Trotzdem handelt es sich bei den Anglophonen und Frankophonen um keine homogenen Blöcke, sondern innerhalb dieser Gruppen existieren mannigfache interethnische Konflikte. Beispiele hierfür sind die Spannungen zwischen den anglophonen Nordwestlern und Südwestlern oder den Bamilekevölkern und anderen frankophonen Ethnien.
Interessenskonflikte, z.B. um Landnutzungsrechte oder Grundbesitz, aber auch Versorgungsnotlagen, wie z.B. Wassermangel, oder aber parteipolitische Auseinandersetzungen werden häufig ethnisiert oder ethnisch instrumentalisiert.
Bei der Besetzung öffentlicher Ämter wird zwar streng auf ethnischen Proporz geachtet, trotzdem stellt es kein Tabu dar, ethnische Konflikte parteipolitisch zu nutzen. Bisher kam es aber nur vereinzelt zu lokal eng begrenzten ethnischen Zusammenstößen.

Die Identifizierung mit der eigenen Ethnie ist stark ausgeprägt. Ob Kirdigruppe aus den Mandarabergen , Bamun , Bakweri , Bamilekevölker oder Sawa - die Ethniengruppe Sükameruns - jede Volksgruppe veranstaltet "Kulturtreffen", betreibt eigene Tontines und propagiert ethnische Solidarität und Zusammenhalt, vor allem wenn sich ihre Mitglieder in der "Diaspora", wie z.B. in den Städten, befinden.

4.1.3 Soziale Lage und soziale Klassen

Die sozialen Gegensätze werden in Kamerun vor allem in den großen Städten augenfällig, wo Arm und Reich direkt aufeinandertreffen. Eine gesellschaftliche Mittelschicht ist nur schwach entwickelt. Mittlerweile kommt es immer öfter zu Zerstörungen von städtischen Armenvierteln .
Statussymbole wie Luxusautos, teure Villen, exklusive Clubmitgliedschaften und der Konsum von Importwaren gehören zum Lebensstil der kamerunischen Eliten. Oder, wie es augenzwinkernd heißt: "Les "V-s": Voiture, villa et ventre", wobei inzwischen auch vidéo und virement hinzugezählt werden.
Andrerseits steht jeder reiche Kameruner unter genauer Beobachtung sowohl durch seine (Groß-) Familie, als auch durch sein Heimatdorf und seiner ethnischen Gruppe,- und dem sozialen Druck zur "Streuung" des Reichtums ist nur schwer auszuweichen.

4.1.4 Stadt-Land-Verhältnis

Trotz der hohen Verstädterungsrate ist für jeden Kameruner "au village" der "Mutterschoß", in den auch der Städter in regelmäßigen Abständen zurückkehrt.
Einerseits wartet die Stadt mit Möglichkeiten und Verheißungen auf, die vor allem auf junge Leute eine große Anziehungskraft ausüben. Andererseits bot das Dorf für viele Kameruner angesichts der zunehmenden ökonomischen Krise wieder eine Lebensgrundlage , die in der Stadt nicht mehr zu finden war.

4.1.5 Geschlechterverhältnis

Nach wie vor besteht in Kamerun eine deutliche Diskrepanz zwischen bestehenden Gleichstellungsrechten und der Wirklichkeit
Frauen sind in Kamerun zu einem sehr hohen Anteil erwerbstätig. Die große Mehrheit ist Bäuerin und damit für die Nahrungsmittelproduktion des Landes zuständig. Mehr Frauen als in anderen afrikanischen Ländern bekleiden untere und mittlere Positionen in Verwaltung und Schule oder arbeiten als Kleinunternehmerinnen. Sehr viele verdienen - daneben oder ausschließlich - ihren Lebensunterhalt bzw. das zum Leben notwendige Bargeld im informellen Sektor .
Trotzdem sind sie in Entscheidungspositionen unterrepräsentiert und auch in familiären Angelegenheiten gilt der Mann als Chef, was durch traditionelles und modernes Familien- und Eherecht bestätigt wird.
Der UNDP-"Gender-Related Development Index (GDI)" gibt Auskunft über den Unterschied in der Lebensqualität (Lebenserwartung, Alphabetisierung, reale Kaufkraft) von Männern und Frauen. Er beträgt für Kamerun 125 (v. 156; 2007/2008). Beim zweiten "gender sensitive" Index, dem "Gender Empowerment Measure (GEM)", der eine Aussage über die Beteiligung der Frauen an politischen und ökonomischen Entscheidungen macht, belegte Kamerun den 83. Platz (v. 102; 1998).

Es gibt inzwischen viele kamerunische Nichtregierungsorganisa- tionen , die sich mit Themen wie Gewalt gegen Frauen , Verheiratung Minderjähriger, Zwangsehen, Frauenalphabetisierung, Frauengesundheit, aber auch mit der Förderung und Begleitung von Frauen bei der Unternehmensentwicklung und vielem anderen mehr auseinandersetzen. Aber auch die Frage der politischen Teilhabe von Frauen in der kamerunischen Politik wird aufgegriffen, pressure groups entstehen und es wird Hilfe für Betroffene angeboten. Obendrein ist die internationale Vernetzung per Internet kein Problem.

Weitere Themen, die ausschließlich oder schwerpunktmäßig die Rechte von Frauen und Mädchen betreffen sind Prostitution , auch Kinderprostitution , Menschenhandel und Praktiken wie weibliche Genitalverstümmelung und das Brustbügeln .

4.2 Bildung

4.2.1 Schule

Die Geschichte der formalen Schulbildung Kameruns begann mit den europäischen Missionaren. Heutzutage existieren in Kamerun zwei Schulsysteme : die anglophonen Provinzen orientieren sich am britischen Schulsystem, wohingegen im frankophonen Landesteil das französische Modell vorherrscht.
Zuständig für die Bildung ist der Staat . Auf dem Papier besteht in Kamerun allgemeine Schulpflicht, die staatliche Primarschulbildung soll kostenlos sein. 50% der Primarschulen sind staatlich, 50% in privater, vorwiegend konfessioneller Trägerschaft. Auch unter den Sekundarschulen , die es sowohl in allgemeinbildender als auch technischer Ausrichtung gibt, existieren sowohl staatliche als auch private.
Schlecht bezahlte, unmotivierte Lehrer, unangepaßte Lehrinhalte, überfüllte Klassen, hohe Abbruch- und Wiederholungsraten sowie Korruption sind nur einige der vielen Probleme in Kameruns Schulen. Schulbildung für Mädchen ist keine Selbstverständlichkeit, und diese Aussage gilt nicht nur für den in solchen Fragen als besonders rückständig geltenden Norden.

4.2.2 Hochschulbildung

Universitäten entstanden in Kamerun nach der Unabhängigkeit 1961/62 .
Staatliche Universitäten bestehen in Yaoundé (Yaoundé I und II), Douala, Dschang, Ngaoundéré und Buea; letztere ist die einzige anglophone Universität Kameruns. Es gibt auch mehrere private Universitäten und Hochschulen.
Seit Jahren befinden sich die Hochschulen Kameruns in einer permanenten Krise: "brain drain" , unzumutbare Studienbe- dingungen und die Frage des Einhaltens einer "Regionalen Balance" bilden dauerhaften Zündstoff.

4.3 Gesundheit und Sozialwesen

4.3.1 Medizin und Gesundheitsversorgung

Seit den 90-er Jahren befindet sich das staatliche Gesundheits- system Kameruns in der Umstrukturierung . Ziele sind Dezentralisierung, Qualitätskontrolle und die Einbindung der Bevölkerung in Verwaltung und Finanzierung von Gesundheitseinrichtungen. Allerdings waren die bisherigen Ergebnisse der staatlichen Gesundheitspolitik wenig eindrucksvoll .
Absoluter Ärztemangel aufgrund mangelnder Ausbildungsplätze , relativer Ärztemangel, denn die wenigen Ärzte lassen sich vorwiegend in den städtischen Zentren nieder, unzulängliche Infrastruktur und knappe Arzneimittel sind nur einige der Missstände, die die medizinische Versorgungslage Kameruns kennzeichnen. Gesundheitsindikatoren wie Lebenserwartung, Kindersterblichkeit oder Müttersterblichkeit liegen leicht unterhalb des afrikanischen Durchschnitts, auffällig sind aber die starken regionalen Unterschiede, in denen sich, wie schon bei den Armutsindizes, das Süd-Nordgefälle widerspiegelt.
HIV/AIDS , Malaria und Tuberkulose zählen zu den wichtigsten Krankheiten.

4.5 Kultur

4.5.1 Kulturelle Identitäten

Laut der Klassifizierung nach Kulturdimensionen (nach Geert Hofstede), kennzeichnet sich die kamerunische Gesellschaft durch eine ausgeprägte Machtdistanz (Hierarchien sind erwünscht, ja notwendig), einen deutlichen Trend zu kollektiven Verhaltensmustern (das "Wir" ist wichtiger als das "Ich"), bei mittlerer bis schwacher Unsicherheitsvermeidung (Ungewissheit ist normal). Die Kultur ist eher feminin (Beziehungen sind wichtig) und kurzzeitorientiert.
Selbstverständlich liefert diese Einteilung nur einen groben Rahmen. Die Feinheiten ergeben sich durch die unterschiedlichen Regionen wie Nord- oder Südkamerun, die verschiedenen ethnischen Komponenten, den Stadt-Land-Gegensatz, die soziale Stellung, den Bildungsstand und vieles andere mehr.

4.5.2 Kunst

Musik

Musik rangiert in Kamerun auf der Beliebtheitsskala gleich hinter Fußball. Ob traditionelle Musik auf dem Land, die unzähligen Kirchenchöre oder moderne Musik, wie Pop, Rock oder Jazz,- jedwede Musikform erfreut sich größter Beliebtheit und der Musikgeschmack ist breit gefächert.

Kamerunische Musikstars auf der internationalen Szene sind Manu Dibango und Richard Bona .

Der Musiker und Poet Francis Bebey ist 2001 gestorben. Er war im Ausland sehr bekannt, lebte jedoch nicht in Kamerun, weil er von offizieller Seite politisch bekämpft wurde. Hier eine Hommage an ihn von der Deutsch-Kamerunischen Gesellschaft .

Literatur

Während in der Musik häufig in den Landessprachen gesungen wird, ist die Literatur faktisch französisch oder englisch. Sie wird auch fast nur im Ausland verlegt, unter anderem weil die meisten relevanten Schriftsteller zur politischen Opposition gehören und häufig im Exil leben oder lebten. Rene Philombe und Mongo Beti , zwei Klassiker der kamerunischen Literatur sind beide im Jahr 2001 verstorben. Ferdinand Oyono , ein weiterer großer alter Mann der kamerunischen Literatur, hat sich mit dem Regime arrangiert und war lange Jahre Regierungsmitglied.

Calixthe Beyala ist eine der wenigen Frauen in der kamerunischen Literatur. Ihre, vieldiskutierten, Werke behandeln häufig Frauenthemen.
Patrice Nganang ist ein international sehr erfolgreicher Vertreter der jüngeren Schriftstellergeneration

Die Revue Noire, eine Zeitschrift für afrikanische Kunst beschäftigt sich immer wieder mit kamerunischen Künstlern .

Kino

Immer wieder machen kamerunische Regisseure auch international von sich reden. Jean Marie Teno und Jean-Pierre Bekolo sind wichtige Vertreter des kamerunischen Kinos.

Musik rangiert in Kamerunund Musik rangiert in Kamerun

Allgemein

Hochburgen des Kunstgewerbes sind die Städte Foumban im Westen und Maroua im Norden, sowie die grassfields Region in der Nordwest Provinz.

4.6 Religion

4.6.1 Offizielle Religionen

Religion ist wichtig in Kamerun. Hinsichtlich der Religionszugehörigkeit zählen sich 40% der Kameruner den christlichen Kirchen zugehörig, 40% den traditionellen Religionen und 20% dem Islam. Letztendlich sind diese Zahlen aber mit Vorsicht zu genießen, da religiöse "Mischformen" weit verbreitet sind.
Das afrikanische Phänomen des zunehmende Sekten(un)wesens ist auch in Kamerun verbreitet und findet unter den verarmten Bevölkerungsschichten immer mehr Anhänger .

4.6.2 Politische und gesellschaftliche Bedeutung von Religion

In Kamerun gibt es keine Staatsreligion. Die kamerunische Verfassung garantiert ihren Bürgern Religionsfreiheit und in aller Regel respektiert der Staat dieses Grundrecht.
Das Verhältnis der Religionen untereinander ist im Allgemeinen gut. Zwar werden Anhänger traditioneller Religionen im muslimischen Norden oft verächtlich angesehen, auch wurde vereinzelt von kleineren Konflikten zwischen Christen und Moslems berichtet, aber im Großen und Ganzen ist der Umgang der Religionen untereinander (noch?) von gegenseitigem Respekt und Toleranz geprägt.

pfeil-l    zurück zur vorherigen Seite    |   weiter zur nächsten Seite     pfeil-r
 

alle Länder Homepage
Landesüberblick Staat & Politik Wirtsch. & EZ Gesellsch. & Kultur Praktisches