Sozialstruktur |
Indien bietet mit seiner Vielfalt an Ethnien, Sprachen und Kasten ein Bild verwirrender Differenziertheit. Besonders deutlich wird dies im sozialen Raum und hier an der großen Zahl so genannter Jatis, das sind soziale Gruppen, in denen Menschen gleichsam hineingeboren werden. Die Jati prägt die Identität des Einzelnen und strukturiert die Gesellschaft. Am Rand der hierarchisch strukturierten indischen Gesellschaft finden sich die ca. 160 Millionen (hinduistischen) Kastenlosen oder "Unberührbaren", die sich selbst Dalits (die Zerbrochenen) nennen. Die Dalits wehren sich zunehmend gegen Diskriminierung und extreme Ausbeutung und fordern ein Ende der "indischen Apartheid". Die indische Regierung soll nun nicht nur von innen, sondern auch durch die internationale Solidarität unter Druck gesetzt werden, endlich die bestehenden gesetzlichen Vorkehrungen gegen die Diskriminierung der Dalits konsequent anzuwenden. Anfang Mai 2001 gründete sich auf Initiative von Brot für die Welt die Plattform Dalit Solidarität Deutschland (DaSoDe) in Frankfurt, um den Dalits in ihrem Kampf zu helfen. Mit der Gründung der Dalit Solidarität in Deutschland wurde gleichzeitig das Netzwerk International Dalit Solidarity Network (IDSN) erweitert. Diesem gehören neben Organisationen aus Südasien und den USA auf europäischer Seite u.a. das India Committee of the Netherlands, Dalit Solidarity Network UK und DanChurchAid an. In Indien ist die National Campaign on Dalit Human Rights aktiv. Am Rand der Gesellschaft befinden sich auch die Adivasis ("die ersten im Lande" - Ureinwohner), etwa 7% der Gesamtbevölkerung, die vor allen im zentralindischen Wald- und Bergland leben. Wie Adivasis geholfen werden kann, zeigt ein Projektbeispiel der Bonner Entwicklungsorganisation Andheri-Hilfe. Vielfältig sind die Diskriminierungen, unten denen indische Frauen zu leiden haben. Indien gehört zu den wenigen Ländern, in denen mehr Männer als Frauen leben (1000:927 in 1991). Der wissenschaftliche Fortschritt gibt zusätzliche Mittel an die Hand, um dieses Verhältnis weiter zu Gunsten der Männer zu verändern. So kann durch Amniocentese das Geschlecht des Embryos bestimmt werden. Viele, die es sich leisten können, lassen solche Tests durchführen und treiben weibliche Föten ab. Über die Situation indischer Frauen informiert der Menschenrechtsbericht (Section 5) des U.S. Department of State. Eines der schlimmsten sozialen Übel ist die Mitgiftpraxis. Viele Akteure der Zivilgesellschaft bemühen sich darum, anhand konkreter Beispiele Leben und Arbeit indischer Frauen in gesellschaftskritischer Absicht darzustellen und Handlungsimpulse in Richtung humane Gesellschaft zu geben. Das UNDP präsentiert alljährlich den Human Development Index. Daraus abgeleitet werden zwei Gender-sensitive Indizes: der Gender-Related Development Index und ein Gender Empowerment Measure. Indien liegt jeweils auf Platz 126 von 177 Ländern, die im 2006er Bericht aufgelistet werden.
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Bildung |
Indien hat in den vergangenen Jahren eine große Zahl von Wissenschaftlern ausgebildet. In manchen Forschungsgebieten wie der Biotechnologie oder der Raumfahrt gehören Wissenschaftler des Landes zur globalen Wissenschaftselite. Es gibt erstklassige Universitäten. Es steht zu erwarten, dass in den kommenden Jahren die Zahl sehr gut ausgebildeter indischer Naturwissenschaftler noch zunehmen wird. Einer insgesamt aber noch sehr schmalen Bildungselite, die vor allem in den urbanen Regionen lebt, steht die große Zahl von formal Geringgebildeten gegenüber, die im großen ländlichen Hinterland leben. Die schon rein numerische Herausforderung ist immens: 2003 war die relevante Altersklasse der 6 bis 24-jährigen 411 Millionen groß. Dieser Zahl standen 6,2 Millionen, oft schlecht qualifizierter und gering motivierter Lehrer gegenüber. Gleichwohl müssen auch die Fortschritte in den vergangenen 50 Jahren gesehen werden. Indien bemüht sich durch verschiedene Bildungsprogramme (z.B. Stipendien für Mädchen) auch Kinder, v.a. Mädchen von Familien im indischen Hinterland zu erreichen. Die Einschulungsrate konnte so sukzessive erhöht werden. Die Schulabbrecherrate ist indes auch sehr hoch. Wer durch Indien fährt, begegnet auch vielen Kindern, die trotz offiziell bestehender Schulpflicht niemals eine Chance hatten und haben werden, auch nur die Grundsschule zu besuchen. Das Bildungssystem Indien gliedert sich grob in drei Ebenen (mit Unterstufen), wobei es Abweichungen zwischen den einzelnen Bundesstaaten in Bezug auf das Alter der Schülerinnen und Schüler gibt: - Primary Education Es gibt staatliche wie private Einrichtungen, wobei letztere oft von Kindern der einkommensstärkeren Schichten besucht werden. Da Indiens Bevölkerung auf hohem Niveau weiter schnell wächst, wird es für das Land entscheidend sein, eine Bildung anzubieten, die
Eine gut gemanagte, qualitativ anspruchsvolle, niemanden außer acht lassende und relevante, d.h. berufsorientierte Bildung kostet viel Geld. Indien hat zuletzt etwa 3,5% der öffentlichen Ausgaben (Union und Einzelstaaten) für das Bildungswesen eingesetzt. Schon vor rund 40 Jahren gingen die Pläne der Unionsregierung von 6% aus, die erforderlich seien. Das Problem eines geringen Bildungsniveaus ist auch nicht in den Griff zu bekommen, wenn nicht die Betroffenen in den lokalen Gemeinschaften selbst Träger der Entwicklung sind und eine integrierte Entwicklung angestrebt wird, d.h. eine, die über den Bildungsbereich im engeren Sinn hinausgeht. Interessant ist in diesem Zusammenhang der Ansatz des Barfüßigen-College.
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Gesundheit & Sozialwesen |
Im indischen Gesundheitswesen zeigt sich ein ähnliches Bild wie im Bildungswesen. Eine vermögende Oberschicht kann sich gut ausgestattete Elitekliniken in Indien leisten oder fährt zur Behandlung ins Ausland. Eine größer werdende Mittelschicht kann sich zumindest den Aufenthalt in besseren staatlichen Krankenhäusern leisten oder die Dienstleistungen eines Arztes. Für die breite Unterschicht gibt es oft gar keine staatlichen Leistungen, nicht einmal solche, wie sie in so genannten Primary Health Centers angeboten werden. Viele Familien gehen zu traditionellen Heilern, die indes sehr oft keine ausreichende Qualifikation haben. In ärmeren konservativen Haushalten wird für Mädchen wesentlich weniger Geld für Behandlungen ausgegeben als für Jungen. Wichtig sind auch hier bewusstseinsbildende Ansätze in Kombination mit Einkommen schaffenden Maßnahmen sowie damit in Verbindung stehenden beruflichen Aus- und Fortbildungen. Darüber hinaus muss im engeren medizinischen Bereich Kriterien wie Qualität, Zugang, Bezahlbarkeit oder gutes Management erfüllt werden. Ansonsten werden die relevanten Gesundheitsindikatoren sich eher verschlechtern, denn verbessern. Eine besondere Gefährdung besteht in den sich rasch ausbreitenden AIDS-Erkrankungen. Die Regierung versucht durch eine breit angelegte Aufklärungsaktion und Verteilung von Kondomen dem Problem Herr zu werden, aber die Dimension des Problems, Tabus, die inferiore Stellung der Frauen und das selbstgefällige Gehabe vieler Männer stehen einem durchschlagenden Erfolg solcher Aktionen im Wege. Die indische Regierung bemüht sich auch um Stärkung resp. Wiederbelebung traditioneller Medizin, z.B. Ayurveda.
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Kultur
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Indien ist das Land der Götter, Gurus und Heiligen. Daher ist die Liste der meist religiös fundierten Feste sehr lang. Ein besonderes Fest ist das Lichterfest Diwali. Sprache ist in jeder Kultur ein wichtiges identitätsstiftendes Element. Die "indische" Sprache an sich gibt es indes nicht und Englisch firmiert als Klammer und Verbindungsbrücke z.B. für die Hindi sprechenden Inder im Norden und denjenigen, die drawidische Sprachen beherrschen, wie sie im Süden Indiens gesprochen werden. Für die gebildete Elite ist Englisch auch ein Statussymbol und für die zunehmend im globalen Wettbewerb stehenden Unternehmer geht ohne fundierte Englischkenntnisse ohnehin nicht sehr viel. In der Verfassung sind 18 Sprachen anerkannt, doch die Zahl der gesprochenen Sprachen und Dialekte ist viel größer. Schätzungen gehen von weit über 1.000 aus. Aus der Vielzahl an Sprachen ergibt sich auf eine sehr reiche indische Literatur.
Indische Kunst ist in vielen Fällen in ihrem Ursprung wie in der konkreten Ausformung an religiöse Glaubensrichtungen, Gebräuche und Rituale gebunden. Besonders beeindruckende Aspekte indischer Kultur beziehen sich auf den klassischen indischen Tanz, die klassische indische Musik oder die Architektur. Die Vielfalt ergibt sich auch hier aus der wechselhaften Geschichte des Landes und den bereichernden Einflüssen der Weltreligionen. Kultur? Bei der indischen Filmindustrie Marke Bollywood gehen die Meinungen auseinander. Gleichwohl lieben viele Inder "ihr" Kino und die Glitzerwelt in Mumbay, dem Hollywood des Ostens, konzentriert sich darauf, ihre Anhänger nicht zu enttäuschen. Große Emotionen und musikalische Untermalung dürfen in keinem guten Film fehlen.
Die Gastfreundschaft des Landes erlebt man schnell am eigenen Leib . Atithi Devo Bhava ("der Gast ist wahrhaftig dein Gott") ist nicht eine schöne Phrase in einem Touristenführer, sondern Tatsache. Wo im wahrsten Sinn geschmackvoller erfährt man dies als beim Essen? Die indische Küche ist so vielfältig wie das Land. Leckere Gerichte gibt es in allen Regionen Indiens. Im Norden wird vor allem viel Fleisch gegessen und das Essen orientiert sich stärker an die Küche des Nahen und Mittleren Ostens. Getreide und Brot sind beliebter als Reis. Im Süden wird hingegen mehr Reis gegessen, vegetarisches Essen ist verbreiteter und die Curries sind in der Regel schärfer. |
Religion |
"Neben den vier Glaubensrichtungen indischen Ursprungs: dem Hinduismus, dem Buddhismus, dem Jainismus und dem Sikhismus, werden in dem Land der Islam, das Christentum, der Zoroastrismus und das Judentum praktiziert. Die Inder sind laut dem indischen Zensus von 2001 zu 80,5 Prozent Hindus; 13,4 Prozent sind Muslime, 2,3 Prozent Christen, Sikhs machen 1,9 Prozent aus, Buddhisten 0,8 Prozent und Jains 0,4 Prozent. Innerhalb der einzelnen Religionen gibt es dabei jeweils mindestens zwei verschiedene Glaubensrichtungen." (Tatiana Oranskaia). Die Trennung von Staat und Religion gehört zu den Grundzügen der indischen Verfassung. Während des bei weitem größten Teils der Vergangenheit lebten die Angehörigen der verschiedenen Religionsgemeinschaften friedlich nebeneinander. Religion wurde und wird aber für unterschiedliche politische Zwecke instrumentalisiert. Dies hat oft sehr intensive und grausame Folgen. In Indien kommen sowohl Hindu-Nationalismus als auch islamischer Fundamentalismus vor. Die Zerstörung der Babri-Moschee in Ayodhya durch extremistische Hindus im Dezember 1992 markierte einen Höhepunkt in der Auseinandersetzung. Die letzten intensiven Unruhen traten 2002 im westindischen Bundesstaat Gujarat auf. 59 Hindu-Aktivisten wurden in einem Zug verbrannt. 2.000 Menschen, hauptsächlich Moslems, wurden nach dem Vorfall ermordet. Der Kashmir-Konflikt schließlich geht über die Landesgrenze hinaus und belastet bis heute das Verhältnis zwischen Indien und Pakistan. In der Vergangenheit traten auch Anhänger anderer Religionen als Konfliktparteien auf. Sikhistische Separatisten forderten in den 80er Jahren einen eigenen Staat - Khalistan. Die Situation eskalierte und indische Truppen stürmten den Goldenen Tempel in Amritsar. Das innenpolitische wichtigste Ereignis im Anschluss daran war die Ermordung der damaligen Premierministerin Indira Gandhi durch ihren eigenen Sikh-Leibwächter.
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