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Brasilien
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4.1 Makrosoziale Struktur
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RegionalkulturenDer Nordosten erhebt den Anspruch, die Wiege der brasilianischen Kultur zu sein. Tatsächlich handelt es sich um die historisch älteste Region, die in den Jahrhunderten nach der Entdeckung (1500) das Zentrum des portugiesischen Siedlungsprojekts in Amerika bildete. Nach einem stetigen wirtschaftlichen Niedergang seit dem 18. Jahrhundert ist die Region heute das Armenhaus Brasiliens. Insgesamt umfasst der Nordosten heute neun Bundesstaaten. Politisch und wirtschaftlich tonangebend sind aber Bahia, Pernambuco und Ceará.Der Nordosten lässt sich vereinfacht gesagt in zwei sehr ungleiche Kulturregionen einteilen. In der fruchtbaren Küstenregion herrscht immer noch der Grossgrundbesitz vor, ein Erbe noch aus kolonialen Zeiten. Im halbtrockenen Hinterland, das von periodischen Dürreperioden heimgesucht wird, dominiert Subsistenzlandwirtschaft und -tierzucht. Beide Regionen sind ethnisch und kulturell völlig anders geprägt. An der Küste ist der Einfluss der afro-brasilianischen Kultur sehr stark während im Hinterland die Mischung aus indianischen und porugiesischen Einflüssen eine eigene Kultur des Sertanejo begründet hat. Trotz sozioökonomischer Misere und politischem Stillstand (die bereits an anderer Stelle behandelt wurden) kommen aus dem Nordosten bis heute wichtige Impulse für die brasilianische Kulturindustrie. Dies gilt vor allem für den musikalischen Bereich. Aber auch andere Kuriositäten aus vergangenen Zeiten halten sich in dieser Region länger. Der Südosten stieg in mehreren Etappen zum wirtschaftlichen Entwicklungszentrum des Landes auf. Ein erster Anstoss wurde durch die lange ersehnten Goldfunde im heutigen Bundesstaat Minas Gerais ausgelöst, die im Laufe des 18. Jahrhunderts eine Migrationsbewegung in diese Hinterlandregion auslöste und dort einen neuen Siedlungsschwerpunkt in der sonst ausschliesslich küstenorientierten portugiesischen Kolonie entstehen liessen. Noch heute bieten die barocken Kleinstädte der Region südlich der Landeshauptstadt Belo Horizonte viele touristische Sehenswürdigkeiten aus dieser Zeit. Den endgültigen Durchbruch brachte der schnell wachsende Kaffeexport seit Ende des 19. Jahrhunderts. Um die Jahrhundertwende machte der Export der Kaffeebohnen 2/3 der brasilianischen Exporte aus. Der Bundesstaat São Paulo, in dem sich die Kaffeplantagen immer weiter ins Hinterland ausweiteten, wurde bald zur Lokomotive der brasilianischen Wirtschaft. Er hat diese Rolle auch beibehalten, als sich das Schwergewicht der Entwicklung zu im Laufe des 20. Jahrhunderts vom agrarischen auf den industriellen Bereich verlagerte. Die Industrialisierung des Landes seit den 1930er Jahren erfolgte vor allem entlang der Achse Rio de Janeiro-São Paulo, wo sich auch heute noch die Hälfte der brasilianischen Industrieproduktion konzentriert. In Zusammenhang mit dem Kaffeeboom fand in der brasilianischen Wirtschaft auch die wichtige Umstellung von der Sklavenwirtschaft auf die Beschäftigung von freien Lohnarbeitern statt. Seit Ende des 19. Jahrhunderts kamen hauptsächlich Italiener, Portugiesen und Spanier als Einwanderer nach Brasilien. In geringerer Zahl auch Polen, Deutsche und Russen. Später folgte noch ein grösseres Kontingent japanischer Einwanderer nach. Millionen von Einwanderern kamen in den Jahrzehnten vor und nach der Jahrhundertwende nach Brasilien, fast alle landeten im Bundesstaat São Paulo. Aus dieser Zeit hat die Landeshauptstadt São Paulo ihren kosmopolitischen Charakter geerbt den sie bis heute beibehält. Jüngere Entwicklungen setzen der gesellschaftlichen Integrationskraft der Städte eher Grenzen. So kommt es im Zusammenhang mit den andauernden gesellschaftlichen Ungleichheiten zur Selbsteinkapselung der Mittel- und Oberschicht in geschlossenen Wohnanlagen oder sogar hermetisch abgeriegelten Kleinstädten. Auch hat gerade São Paulo unter den Folgen der Umweltzerstörung zu leiden und versucht seit Jahren, seinen total verdreckten Hausfluss Tietê vor der Zerstörung zu retten. Die verbleibenden beiden Großregionen des Mittelwestens und des Nordens machen etwa 2/3 des brasilianischen Territoriums aus und wurden ursprünglich zum großen Teil vom Amazonas-Urwald und seinen Ausläufern bedeckt. Diese offene Westgrenze mit ihren vermuteten und tatsächlichen Reichtümern hat die kollektive Phantasie der Brasilianier immer wieder angeregt und prägt sie bis heute. In einer ersten Phase wurde die Erschliessung im 17. Jahrhundert unter dem entscheidenden Einfluss des Jesuitenordens vorangetrieben. Diese katholischen Missionen, an denen auch Deutsche teilhatten, zeichneten sich zum einen durch ihre paternalistische Haltung aus. Zum anderen absorbierten sie aber unbewusst auch indianische Kulturelemente. Der Versuch einer effektiven Erschliessung des Gebiets wurde jedoch erst in den 1970-er Jahren unter der Militärregierung gestartet. Zunächst wurde unter dem Schlagwort 'Land ohne Menschen für Menschen ohne Land' ein ehrgeiziges Entwicklungsprojekt angekündigt. Die Amazonasregion sollte durch Straßen erschlossen werden und entlang dieser Schneisen sollten Kleinbauern angesiedelt werden. War zunächst von 1 Million Familien die Rede, so wurden diese Planungen bald auf 100.000 heruntergeschraubt. Tatsächlich aber wurde bis zur Einstellung der Ansiedlung 1974 lediglich 6.500 Familien angesiedelt. Das Programm der wirtschaftlichen Ausbeutung und Erschließung wurde nach diesem Misserfolg auf andere Zielgruppen ausgelegt. Durch grosszügige Steuerermäßigungen für die Privatindustrie wurden Investoren für Projekte im Bergbau und in der Landwirtschaft angelockt. Staudämme sollten die nötige Energie für diese Investitionsprojekte zur Verfügung stellen. Die landwirtschaftliche oder selbst forstwirtschaftliche Nutzung des Amazonasgebiets in großen Stil hat sich darüberhinaus als Illusion erwiesen. Das Ökosystem ist im Gegensatz zur früheren Vorstellung sehr störanfällig, die Region wenig fruchtbar und weist größtenteils nur eine dünne Humusschicht auf. Der Reichtum der Region liegt vielmehr in der unglaublichen Artenvielfalt, die einige Biologen auf 90% der Spezies auf der Erde einschätzen. Das Potential dieses Schatzes wird erst langsam erschlossen und harrt noch einer kreativen und schonenden Ausnutzung. Am bekanntesten im Mittelwesten sind die beiden Ikonen des Pantanal und der Bundeshauptstadt Brasília. In der Region des Cerrado hat sich eine extensive Agroindustrie etabliert, die inzwischen einen bedeutenden Anteil an der landwirtschaftlichen Produktion erreicht hat. Eine wesentliche Rolle spielt dabei auch der Sojaanbau. Allerdings mussten bisher auch hier langfristige ökologische Gesichtspunkte hinter kurzfristigen ökonomischen Nutzenmaximierung zurücktreten. Der entscheidende Anlauf zur Besiedlung des Südens erfolgte im 19. Jahrhundert. Die brasilianische Regierung heuerte europäische Siedler zur Erschließung und Besetzung der noch weitgehend unerschlossenen Landstriche an. Berichte der Einwanderer über die in der neuen Heimat zu bewältigenden Hindernisse sind bis heute beeindruckend. Diese Initiative, in deren Folge vor allem Polen, Schweizer, Deutsche und Italiener aus Europa nach Südbrasilien umsiedelten, hat bis heute prägenden Einfluss auf die Region hinterlassen. Viele Gebäude in den Bundesstaaten Paraná, Santa Catarina und Rio Grande do Sul sind im europäischen Stil gebaut. Die Menschen halten die Traditionen ihres Herkunftslandes zum Teil bis heute unverändert aufrecht. Die Religionsgemeinschaften spielten dabei eine entscheidende Rolle. Zuweilen spricht man in einzelnen Dörfern sogar noch die Heimatsprache. Das Oktoberfest im Süden ist inzwischen eines der Sinnbilder dieser Neubesinnung auf die europäischen Wurzeln und ausserdem ein tourismusträchtiges Unternehmen. Die Besiedlung war lange Zeit geprägt durch kleinlandwirtschaftliche Betriebe. Im Zuge der Mechanisierung in der zweiten Hälte des 20. Jahrhunderts gerieten diese zunehmend in Bedrängnis. Grossflächiger Anbau unter Einsatz moderner Maschinen setzte sich durch. Viele Bauern hielten diesem Konkurrenzdruck nicht stand und mussten ihr Land verkaufen. Seit den 1980-er Jahren ist der Süden zunehmend Schauplatz von Konflikten zwischen landlosen Kleinbauern und Großgrundbesitzern, die ihr Land teilweise brachliegen lassen. Andere Landlose aus dem Süden folgten den Aufrufen der Regierung zur Besiedlung der noch unerschlossenen Regionen im Zentralen Westen Brasiliens. Ethnien: Benachteiligung Schwarzer und Indigener VölkerVerschiedene Gruppen sind in Brasilien besonders benachteiligt. Vor allem die Schwarzen und Indianer gehören zu den sozial Schwächsten. Regionen mit besonderen Problemen im Hinblick auf eine nachhaltige Entwicklung sind der Nordosten und die Amazonasregion.Die Benachteiligung der Schwarzen hat tiefe Wurzeln in der brasilianischen Geschichte (eng). Sie zeigt sich heute allerdings kaum mehr in einer offenen Form der Segregation oder Diskriminierung. Die Vermischung zwischen Schwarz und Weiß ist heute so stark, daß es kaum noch möglich ist, die Menschen der Hautfarbe nach eindeutig zuzuordnen. Nach den offiziellen Statistiken, die auf der Selbsteinschätzung der eigenen Hautfarbe durch die Bürger beruhen, nimmt der Anteil der Mestizen ständig zu. Aber gerade in dieser Selbsteinschätzung zeigt sich eine Tendenz zur 'Aufweissung'. Das schwarze Erbe wird in vielen Familien als ein Schandfleck angesehen und verleugnet. Die Schwarzen und Dunkelhäutigen sind vor allem in der Unterschicht der brasilianischen Gesellschaft anzutreffen. Ihr Einkommen ist geringer, ihr Bildungsniveau niedriger, ihre Lebenschancen schlechter. Die Diskriminierung aufgrund der Hautfarbe und Benachteiligung aufgrund der Zugehörigkeit zur Unterschicht sind im Alltag oft nur schwer zu trennen. Dennoch ist die politische und kulturelle Bewegung der Schwarzen zur Einforderung von mehr Chancengleichheit eher schwach ausgeprägt. Eine bewusste staatliche Politik, dieser Diskriminierung durch Quotenregelung o.ä. gegenzusteuern, ist derzeit nur in Ansätzen vorhanden. Auch andere Gruppen leiden in Brasilien unter Vorurteilen oder Benachteiligungen. Dazu gehören zum einen die Indianer, die an den neuen Siedlungsgrenzen im Landesinneren von den Siedlern, Holzfällern oder Goldsuchern oftmals brutal verdrängt werden. Die Vorstellung, daß Brasilien aus einer Vermischung von indianischen Ureinwohnern und portugiesischen Siedlern hervorgegangen sei, spielte in der brasilianischen Kultur immer eine wichtige Rolle. In Literatur und Kunst gibt es bis heute immer wieder eine Tendenz zur romantischen Verklärung der Indianer. In der Praxis aber wurden die Lebensgundlagen der ehemaligen Urbevölkerung schrittweise zerstört, so daß heute nur noch ein Bruchteil überlebt. Die Demarkation geschützter Indianergebiete ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Garantie der besonderen Lebensgrundlagen der zerstreuten Indianerstämme. Sie stösst jedoch oft auf den Widerstand von Grossgrundbesitzern, der Holzindustrie oder Bergbaugesellschaften, welche die Regierung und die Indianerbehörde FUNAI unter Druck setzen. Die etwa 300.000 Indianer haben natürlich auch unter demokratischen Vorzeichen numerisch kein Gewicht in dem Land mit über 100 Millionen Wählern. Da aber der symbolische Wert der Erhaltung dieser Kulturen gross ist, spielt die nationale und internationale öffentlichkeit eine zentrale Rolle für bedrohte Völker wie beispielsweise die Xukuru im Bundesstaat Pernambuco. Heute engagieren sich verschiedene Initiativen aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Kirche in Solidarität mit diesen bedrohten Völkern. Eine der wichtigsten Institutionen ist der Indianermissionsrat CIMI (port.), welcher der katholischen Bischofskonferenz unterstellt ist und in der Vergangenheit von dem Befreiungstheologen Paulo Süss geleitet wurde . Klassenstruktur und EinkommensverteilungZu Recht ist Brasilien international als eines der Länder mit der ungerechtesten Besitz- und Einkommensverteilung bekannt. Dies läßt sich deutlich an der Verteilung des Einkommens (eng) auf die Bevölkerung ablesen. Auf die 10% der Bevölkerung, die am besten verdienen, entfällt praktisch die Hälfte aller Volkseinkommen, während sich die ärmere Hälfte der Bevölkerung etwa 10% des Volkseinkommens teilen muß.Auch die absoluten Zahlen über die Einkommensgruppen sind ernüchternd. Knapp zwei Drittel der brasilianischen Lohnempfänger verdienen bis zu zwei Mindestlöhne, müssen also mit etwas mehr als 100 Euro im Monat auskommen. Ein knappes Viertel verdient sogar nur die Hälfte. Auch hier schwanken die Zahlen beträchtlich zwischen den einzelnen Regionen. In den urbanen Zentren schlug sich diese soziale Kluft seit Beginn der Industrialisierung im Entstehen von sogenannten Favelas nieder. Diese ursprünglich illegalen Armutsssiedlungen, zuletzt unter der Militärdiktatur vom Abriss und Umsiedlung bedroht, führen bis heute ein Paria-Dasein am Rande der Gesellschaft. Seit Jahren bemühen sich verschiedene Programme, die Favelas wieder an das offizielle Leben der Stadt heranzuführen. Die Migration aus dem Armenhaus Nordosten in den Südosten ist eine Konstante im 20. Jahrhundert. Die Arbeitsmigranten leben am Rande der Großstädte und bildeten dort in der Zeit des industriellen Aufbaus das riesige Arbeitskräftereservoir, mit dem der rasche wirtschaftliche Aufbau über ein halbes Jahrhundert hinweg bestritten wurde. Als ungelernte Arbeitskräfte sind sie vor allem im Baugewerbe und bei anderen schweren körperlichen Tätigkeiten anzutreffen. Die Nordestinos können durch Körperstatur und Aussehen in den Großstädten des Südens leicht ausgemacht werden. Sie sind mit ihrer besonderen Kultur und Sitte geradezu Gastarbeiter im eigenen Land. Die Familien zieht oft erst nach einiger Zeit in den Süden nach. Nachdem im Rezessionsjahrzehnt der 80er Jahre die Arbeit auch in den Industriezentren knapp geworden ist, kommt es nun vermehrt zu negativen Äußerungen über die Anwesenheit der Nordestinos im Süden. Im 20. Jahrundert konnte trotz zahlreicher staatlicher Programme das regionale Entwicklungsgefälle zwischen dem armen Nordosten und dem wohlhabenden Süden und Südosten nicht aufgehoben werden. Dies liegt zum Teil an den klimatischen Rahmenbedingungen mit teilweise mehrjährigen Dürreperioden im Nordosten. Die Lebenserwartung liegt dort in einzelnen Gebieten unter 40 Jahren. Dennoch ist die Region weiterhin das Bevölkerungsreservoir Brasiliens und Hauptquelle anhaltender Binnenmigration. Etwa ein Drittel der Bevölkerung Brasiliens wohnt heute im Nordosten. Die Region ist aber auch politisch nach wie vor von der Herrschaft einzelner Familienclans gekennzeichnet. Selbsthilfeinitiativen fassen meist schwer Wurzel in dieser von paternalistischen Beziehungen gepägten Kultur. Auch die deutsche Entwicklungszusammenarbeit hat einen Schwerpunkt im Nordosten. Ungleichheit auf dem LandDieses Bild von der sozialen Ungleichheit wiederholt sich bei einem Blick auf die Landverteilung in Brasilien. Die Kleinst- und Kleinbetriebe bis 20 ha, die etwa zwei Drittel aller Betriebe ausmachen, bewirtschaften nur weniger als 6% der landwirtschaftliche genutzten Fläche. Den Großbetrieben mit mehr als 500 ha hingegen gehören fast zwei Drittel der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche. Gerade auf dem Land liefern die Auseinandersetzungen um die Besitzverteilung großen sozialen Sprengstoff. Nachdem die wichtigsten Anläufe zu einer Agrarreform gescheitert sind, hat sich das Heer von landlosen Tagelöhnern und ehemaligen Kleinbauern in zahlreichen Basisorganisationen zusammengeschlossen und besetzt auf eigene Faust brachliegende Großfarmen.Die Landlosenbewegung erhält Unterstützung von verschiedener Seite. Unter anderem von der brasilianischen katholischen Bischofskonferenz. Die wichtigste Landlosenorganisation Movimento Sem Terra ( MST, port.) brachte die Regierung schon in der Vergangenheit durch spektakuläre Landbesetzungen immer wieder in Handlungszwang. Diese verwies auf die Ergebnisse der Landverteilung im Rahmen staatlicher Enteignungs- und Ansiedlungsprogramme. Auf der anderen Seite heuern die Landbesitzer zum Teil eigene Schutztruppen an. In den letzten Jahren sind in diesen Auseinandersetzungen zahlreiche Aktivisten von Landlosenorganisationen ums Leben gekommen. Die Lage im Hinblick auf die Landverteilung ist sehr gespannt. Unter der Regierung Lulas hat die Landlosenbewegung nun zunächst ihre Besetzungspolitik zeitweilig eingestellt. Es gibt jedoch Anzeichen, dass diese politischen Flitterwochen sich einem Ende nähern. Gleichstellung der GeschlechterFrauen haben, obwohl formal gleichgerechtigt, immer noch einen
schweren Stand in der brasilianischen Gesellschaft. Gerade in ärmeren Schichten
sind sie oft für den Unterhalt der ganzen Familie zuständig. Zur Kontrolle der Gewalt
gegen Frauen werden immer mehr Polizeireviere für Frauenfragen eingerichtet.Die
Ungleichheit (eng) bezieht sich sowohl auf den häuslichen Bereich als auch
auf den Arbeitsplatz. Frauen aus der Unterschicht sind oft als Hausangestellte
bei der Mittel- und Oberschicht tätig. In den städtischen Zentren erobern Frauen
schrittweise die klassischen Männerdomänen.
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4.3 Bildung
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Schul- und Berufsbildung
Das brasilianische Bildungssystem ist dreistufig aufgebaut. Schulpflicht besteht für
die Volksschule, die 8 Schuljahre umfaßt. Danach gibt es als zweite Stufe eine
dreijährige weiterführende Schule, die Voraussetzung zur Zulassung zur Hochschule
ist. Die Aufnahme in eine Universität erfolgt nach einer weiteren Eingangsprüfung
(vestibular). Das Qualitätsniveau dieser aufeinander aufbauenden Bildungsstufen
steigt bei den öffentlichen Schulen nach oben hin. In die Volksschulen wurde am
wenigsten investiert. Das öffentliche Grundbildungswesen ist deshalb heute zum
Teil in einem katastrophalen Zustand. Heute schickt die Mittel- und Oberschicht
ihre Sprößlinge, wenn irgend möglich, auf eine private Schule. |
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HochschuleIm Hinblick auf das brasilianischen
Hochschulwesen kehrt sich das Bild um. In die staatlichen
Universitäten (port) wurde in den letzten Jahrzehnten stark investiert, so daß sie
eine sehr gute Ausstattung aufweisen und meist ein höheres Ansehen als die privaten
Institutionen genießen. In jüngster Zeit wandelt sich dieses Bild jedoch, da auch hier
notwendige Investitionen ausbleiben um den erreichten Qualitätsstandard zu halten. Der
Anteil der privaten Bildungsstätten, der bei der Grundbildung sehr gering ist, umfaßt
bei den Hochschulen bereits etwa 2/3 aller Studenten. Auch in der Forschung macht Brasilien
grosse Anstrengungen, sich auf Weltniveau vorzuarbeiten. Staat, aber in wahcsendem
Masse auch die vor allem auch die Privatindustrie setzen vor allem auf
angewandte Forschung.
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4.4 Gesundheit und Sozialwesen
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Staatliche und private Gesundheitsversorgung
Ein wichtiger Bereich zur
Bewertung der sozialen Lage
in Brasilien ist das Gesundheits- und Rentensystem. Obgleich
Arbeitgeber und Arbeitnehmer
durchschnittlich zusammen etwa 20% der Löhne und Gehälter an
die staatliche Sozialkasse abführen, befinden sich die
Renten- und Gesundheitsversorgung in einer finanziellen Krise. Erst in
den 1970-er Jahren war der Zugang zur öffentlichen
Gesundheitsversorgung auf die ganze Bevölkerung ausgedehnt worden.
Zuvor waren die Beschäftigten über einzelne Berufskassen
versichert, deren ärztlichen Versorgung stark
einkommensabhängig war. Wer nicht in den formellen Arbeitsmarkt
eingebunden
war, blieb auf karitative Gesundheitsorganisationen angewiesen. Mit der
Neuorganisation hatte im Prinzip die ganze
Bevölkerung unabhängig von Beschäftigung und
Versicherungsstatus Zugang zur Krankenversorgung. |
4.5 Kultur
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Kulturelle IdentitätenDie brasilianische Gesellschaft ist eine Einwanderergesellschaft.
Brasilien hat über Jahrhunderte hinweg Millionen von Immigranten vor
allem aus den europäischen Staaten, aber auch aus Asien aufgenommen.
Für diese Neuankömmlinge war es in der großen Mehrzahl kein Problem,
von den Brasilianern akzeptiert zu werden. Die Immigranten wurden immer
auch als Träger von Zivilisation und Fortschritt gesehen.
Das Zentrum der Massenimmigration war im 20. Jahrhundert São Paulo. Die
Stadt hat deshalb bis heute eine weitgehend multikulturelle Prägung.
Die einzelnen ethnischen Gruppen lassen sich kaum voneinander
unterschieden. Nur im Süden des Landes haben sich die einzelnen
europäischen Einwandererkolonien stärker abgekapselt und sind bis heute
in ihrer nationalen Prägung sehr stark präsent.
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Kunst , Kulturindustrie und Volkskultur
Die vielfältigen kulturellen Traditionen Brasiliens manifestieren sich in Musik, Literatur,
Architektur und den
bildenden Künsten. Zu den international bekannten Klassikern der brasilianischen Kunst gehört sicher
Cândido Portinari (port) (1903-62). Internationalisierung und kommerzielle
Vermarktung prägen auch die brasilianische Gegenwartskunst nachhaltig.
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VerhaltenskulturIm Umgang mit der Bürokratie eröffnet die Herstellung einer persönlichen Gesprächsebene oftmals Möglichkeiten, die zunächst verschlossen schienen. Diese besondere Form der Umgehung von Regeln oder Vorschriften ist in Brasilien so häufig, daß sich ein eigener Begriff dafür geprägt hat: der 'jeitinho brasileiro'. Der jeitinho (eng) ist nicht zu verwechseln mit der Bestechung eines Beamten durch Geld. Überhaupt können sich Geldangebote in vielen Situationen eher gegen kaufkräftige Anbieter auswirken. Beim jeitinho handelt es sich eher um die Eröffnung eines Hintertürchens aus einem persönlichen Gefallen heraus. Die Kunst besteht darin, von der neutralen, geschäftlichen Beziehung auf eine private Ebene zu wechseln.Für diejenigen, die weder die Zeit noch das Geschick im Umgang mit der oft undurchsichtigen Bürokratie haben entwickelte sich ein eigener Berufszweig: der 'despachante'. Er erledigt - gegen ein Entgelt - alle diese zeitaufwenigen und lästigen Behördengänge und agiert dabei nach allen Regeln der Kunst. |
Religion
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Veränderungen in Brasiliens religiöser Landschaft
Brasilien ist ein mehrheitlich katholisches Land. Die katholische Kirche hat vor allem in den
1970-er Jahren durch den Protest der brasilianischen
Bischofskonferenz (port) gegen das soziale Elend und die Verletzung der Menschenrechte
ein hohes Ansehen in der brasilianischen Öffentlichkeit gewonnen. Sie lieferte ein Obdach für
politischen Protest und für gesellschaftspolitisches Engagement, das unter den Bedingungen
der Diktatur von anderen Institutionen nicht mehr zum Ausdruck gebracht werden konnte. Diese
Rolle ist nach der Rükkehr zur Demokratie zunehmend überflüssig geworden. Die kirchlichen
Basisorganisationen haben ihre Rolle oft an örtliche Gewerkschaften und Parteiorganisationen
abgegeben. Auf der anderen Seite aber wurden viele fortschrittliche Bischöfe von Rom aus
entmachtet.
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