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Brasilien
Seite 4: Gesellschaft, Kultur & Religion

4.1 Makrosoziale Struktur

Regionalkulturen

Der Nordosten erhebt den Anspruch, die Wiege der brasilianischen Kultur zu sein. Tatsächlich handelt es sich um die historisch älteste Region, die in den Jahrhunderten nach der Entdeckung (1500) das Zentrum des portugiesischen Siedlungsprojekts in Amerika bildete. Nach einem stetigen wirtschaftlichen Niedergang seit dem 18. Jahrhundert ist die Region heute das Armenhaus Brasiliens. Insgesamt umfasst der Nordosten heute neun Bundesstaaten. Politisch und wirtschaftlich tonangebend sind aber Bahia, Pernambuco und Ceará.

Der Nordosten lässt sich vereinfacht gesagt in zwei sehr ungleiche Kulturregionen einteilen. In der fruchtbaren Küstenregion herrscht immer noch der Grossgrundbesitz vor, ein Erbe noch aus kolonialen Zeiten. Im halbtrockenen Hinterland, das von periodischen Dürreperioden heimgesucht wird, dominiert Subsistenzlandwirtschaft und -tierzucht. Beide Regionen sind ethnisch und kulturell völlig anders geprägt. An der Küste ist der Einfluss der afro-brasilianischen Kultur sehr stark während im Hinterland die Mischung aus indianischen und porugiesischen Einflüssen eine eigene Kultur des Sertanejo begründet hat. Trotz sozioökonomischer Misere und politischem Stillstand (die bereits an anderer Stelle behandelt wurden) kommen aus dem Nordosten bis heute wichtige Impulse für die brasilianische Kulturindustrie. Dies gilt vor allem für den musikalischen Bereich. Aber auch andere Kuriositäten aus vergangenen Zeiten halten sich in dieser Region länger.

Der Südosten stieg in mehreren Etappen zum wirtschaftlichen Entwicklungszentrum des Landes auf. Ein erster Anstoss wurde durch die lange ersehnten Goldfunde im heutigen Bundesstaat Minas Gerais ausgelöst, die im Laufe des 18. Jahrhunderts eine Migrationsbewegung in diese Hinterlandregion auslöste und dort einen neuen Siedlungsschwerpunkt in der sonst ausschliesslich küstenorientierten portugiesischen Kolonie entstehen liessen. Noch heute bieten die barocken Kleinstädte der Region südlich der Landeshauptstadt Belo Horizonte viele touristische Sehenswürdigkeiten aus dieser Zeit. Den endgültigen Durchbruch brachte der schnell wachsende Kaffeexport seit Ende des 19. Jahrhunderts. Um die Jahrhundertwende machte der Export der Kaffeebohnen 2/3 der brasilianischen Exporte aus. Der Bundesstaat São Paulo, in dem sich die Kaffeplantagen immer weiter ins Hinterland ausweiteten, wurde bald zur Lokomotive der brasilianischen Wirtschaft. Er hat diese Rolle auch beibehalten, als sich das Schwergewicht der Entwicklung zu im Laufe des 20. Jahrhunderts vom agrarischen auf den industriellen Bereich verlagerte. Die Industrialisierung des Landes seit den 1930er Jahren erfolgte vor allem entlang der Achse Rio de Janeiro-São Paulo, wo sich auch heute noch die Hälfte der brasilianischen Industrieproduktion konzentriert.

In Zusammenhang mit dem Kaffeeboom fand in der brasilianischen Wirtschaft auch die wichtige Umstellung von der Sklavenwirtschaft auf die Beschäftigung von freien Lohnarbeitern statt. Seit Ende des 19. Jahrhunderts kamen hauptsächlich Italiener, Portugiesen und Spanier als Einwanderer nach Brasilien. In geringerer Zahl auch Polen, Deutsche und Russen. Später folgte noch ein grösseres Kontingent japanischer Einwanderer nach. Millionen von Einwanderern kamen in den Jahrzehnten vor und nach der Jahrhundertwende nach Brasilien, fast alle landeten im Bundesstaat São Paulo. Aus dieser Zeit hat die Landeshauptstadt São Paulo ihren kosmopolitischen Charakter geerbt den sie bis heute beibehält.

Jüngere Entwicklungen setzen der gesellschaftlichen Integrationskraft der Städte eher Grenzen. So kommt es im Zusammenhang mit den andauernden gesellschaftlichen Ungleichheiten zur Selbsteinkapselung der Mittel- und Oberschicht in geschlossenen Wohnanlagen oder sogar hermetisch abgeriegelten Kleinstädten. Auch hat gerade São Paulo unter den Folgen der Umweltzerstörung zu leiden und versucht seit Jahren, seinen total verdreckten Hausfluss Tietê vor der Zerstörung zu retten.

Die verbleibenden beiden Großregionen des Mittelwestens und des Nordens machen etwa 2/3 des brasilianischen Territoriums aus und wurden ursprünglich zum großen Teil vom Amazonas-Urwald und seinen Ausläufern bedeckt. Diese offene Westgrenze mit ihren vermuteten und tatsächlichen Reichtümern hat die kollektive Phantasie der Brasilianier immer wieder angeregt und prägt sie bis heute. In einer ersten Phase wurde die Erschliessung im 17. Jahrhundert unter dem entscheidenden Einfluss des Jesuitenordens vorangetrieben. Diese katholischen Missionen, an denen auch Deutsche teilhatten, zeichneten sich zum einen durch ihre paternalistische Haltung aus. Zum anderen absorbierten sie aber unbewusst auch indianische Kulturelemente.

Der Versuch einer effektiven Erschliessung des Gebiets wurde jedoch erst in den 1970-er Jahren unter der Militärregierung gestartet. Zunächst wurde unter dem Schlagwort 'Land ohne Menschen für Menschen ohne Land' ein ehrgeiziges Entwicklungsprojekt angekündigt. Die Amazonasregion sollte durch Straßen erschlossen werden und entlang dieser Schneisen sollten Kleinbauern angesiedelt werden. War zunächst von 1 Million Familien die Rede, so wurden diese Planungen bald auf 100.000 heruntergeschraubt. Tatsächlich aber wurde bis zur Einstellung der Ansiedlung 1974 lediglich 6.500 Familien angesiedelt. Das Programm der wirtschaftlichen Ausbeutung und Erschließung wurde nach diesem Misserfolg auf andere Zielgruppen ausgelegt. Durch grosszügige Steuerermäßigungen für die Privatindustrie wurden Investoren für Projekte im Bergbau und in der Landwirtschaft angelockt. Staudämme sollten die nötige Energie für diese Investitionsprojekte zur Verfügung stellen.

Die landwirtschaftliche oder selbst forstwirtschaftliche Nutzung des Amazonasgebiets in großen Stil hat sich darüberhinaus als Illusion erwiesen. Das Ökosystem ist im Gegensatz zur früheren Vorstellung sehr störanfällig, die Region wenig fruchtbar und weist größtenteils nur eine dünne Humusschicht auf. Der Reichtum der Region liegt vielmehr in der unglaublichen Artenvielfalt, die einige Biologen auf 90% der Spezies auf der Erde einschätzen. Das Potential dieses Schatzes wird erst langsam erschlossen und harrt noch einer kreativen und schonenden Ausnutzung.

Am bekanntesten im Mittelwesten sind die beiden Ikonen des Pantanal und der Bundeshauptstadt Brasília. In der Region des Cerrado hat sich eine extensive Agroindustrie etabliert, die inzwischen einen bedeutenden Anteil an der landwirtschaftlichen Produktion erreicht hat. Eine wesentliche Rolle spielt dabei auch der Sojaanbau. Allerdings mussten bisher auch hier langfristige ökologische Gesichtspunkte hinter kurzfristigen ökonomischen Nutzenmaximierung zurücktreten.

Der entscheidende Anlauf zur Besiedlung des Südens erfolgte im 19. Jahrhundert. Die brasilianische Regierung heuerte europäische Siedler zur Erschließung und Besetzung der noch weitgehend unerschlossenen Landstriche an. Berichte der Einwanderer über die in der neuen Heimat zu bewältigenden Hindernisse sind bis heute beeindruckend. Diese Initiative, in deren Folge vor allem Polen, Schweizer, Deutsche und Italiener aus Europa nach Südbrasilien umsiedelten, hat bis heute prägenden Einfluss auf die Region hinterlassen. Viele Gebäude in den Bundesstaaten Paraná, Santa Catarina und Rio Grande do Sul sind im europäischen Stil gebaut. Die Menschen halten die Traditionen ihres Herkunftslandes zum Teil bis heute unverändert aufrecht. Die Religionsgemeinschaften spielten dabei eine entscheidende Rolle. Zuweilen spricht man in einzelnen Dörfern sogar noch die Heimatsprache. Das Oktoberfest im Süden ist inzwischen eines der Sinnbilder dieser Neubesinnung auf die europäischen Wurzeln und ausserdem ein tourismusträchtiges Unternehmen.

Die Besiedlung war lange Zeit geprägt durch kleinlandwirtschaftliche Betriebe. Im Zuge der Mechanisierung in der zweiten Hälte des 20. Jahrhunderts gerieten diese zunehmend in Bedrängnis. Grossflächiger Anbau unter Einsatz moderner Maschinen setzte sich durch. Viele Bauern hielten diesem Konkurrenzdruck nicht stand und mussten ihr Land verkaufen. Seit den 1980-er Jahren ist der Süden zunehmend Schauplatz von Konflikten zwischen landlosen Kleinbauern und Großgrundbesitzern, die ihr Land teilweise brachliegen lassen. Andere Landlose aus dem Süden folgten den Aufrufen der Regierung zur Besiedlung der noch unerschlossenen Regionen im Zentralen Westen Brasiliens.

Ethnien: Benachteiligung Schwarzer und Indigener Völker

Verschiedene Gruppen sind in Brasilien besonders benachteiligt. Vor allem die Schwarzen und Indianer gehören zu den sozial Schwächsten. Regionen mit besonderen Problemen im Hinblick auf eine nachhaltige Entwicklung sind der Nordosten und die Amazonasregion.

Die Benachteiligung der Schwarzen hat tiefe Wurzeln in der brasilianischen Geschichte (eng). Sie zeigt sich heute allerdings kaum mehr in einer offenen Form der Segregation oder Diskriminierung. Die Vermischung zwischen Schwarz und Weiß ist heute so stark, daß es kaum noch möglich ist, die Menschen der Hautfarbe nach eindeutig zuzuordnen. Nach den offiziellen Statistiken, die auf der Selbsteinschätzung der eigenen Hautfarbe durch die Bürger beruhen, nimmt der Anteil der Mestizen ständig zu. Aber gerade in dieser Selbsteinschätzung zeigt sich eine Tendenz zur 'Aufweissung'. Das schwarze Erbe wird in vielen Familien als ein Schandfleck angesehen und verleugnet. Die Schwarzen und Dunkelhäutigen sind vor allem in der Unterschicht der brasilianischen Gesellschaft anzutreffen. Ihr Einkommen ist geringer, ihr Bildungsniveau niedriger, ihre Lebenschancen schlechter. Die Diskriminierung aufgrund der Hautfarbe und Benachteiligung aufgrund der Zugehörigkeit zur Unterschicht sind im Alltag oft nur schwer zu trennen. Dennoch ist die politische und kulturelle Bewegung der Schwarzen zur Einforderung von mehr Chancengleichheit eher schwach ausgeprägt. Eine bewusste staatliche Politik, dieser Diskriminierung durch Quotenregelung o.ä. gegenzusteuern, ist derzeit nur in Ansätzen vorhanden.

Auch andere Gruppen leiden in Brasilien unter Vorurteilen oder Benachteiligungen. Dazu gehören zum einen die Indianer, die an den neuen Siedlungsgrenzen im Landesinneren von den Siedlern, Holzfällern oder Goldsuchern oftmals brutal verdrängt werden. Die Vorstellung, daß Brasilien aus einer Vermischung von indianischen Ureinwohnern und portugiesischen Siedlern hervorgegangen sei, spielte in der brasilianischen Kultur immer eine wichtige Rolle. In Literatur und Kunst gibt es bis heute immer wieder eine Tendenz zur romantischen Verklärung der Indianer. In der Praxis aber wurden die Lebensgundlagen der ehemaligen Urbevölkerung schrittweise zerstört, so daß heute nur noch ein Bruchteil überlebt.

Die Demarkation geschützter Indianergebiete ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Garantie der besonderen Lebensgrundlagen der zerstreuten Indianerstämme. Sie stösst jedoch oft auf den Widerstand von Grossgrundbesitzern, der Holzindustrie oder Bergbaugesellschaften, welche die Regierung und die Indianerbehörde FUNAI unter Druck setzen. Die etwa 300.000 Indianer haben natürlich auch unter demokratischen Vorzeichen numerisch kein Gewicht in dem Land mit über 100 Millionen Wählern. Da aber der symbolische Wert der Erhaltung dieser Kulturen gross ist, spielt die nationale und internationale öffentlichkeit eine zentrale Rolle für bedrohte Völker wie beispielsweise die Xukuru im Bundesstaat Pernambuco. Heute engagieren sich verschiedene Initiativen aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Kirche in Solidarität mit diesen bedrohten Völkern. Eine der wichtigsten Institutionen ist der Indianermissionsrat CIMI (port.), welcher der katholischen Bischofskonferenz unterstellt ist und in der Vergangenheit von dem Befreiungstheologen Paulo Süss geleitet wurde .

Klassenstruktur und Einkommensverteilung

Zu Recht ist Brasilien international als eines der Länder mit der ungerechtesten Besitz- und Einkommensverteilung bekannt. Dies läßt sich deutlich an der Verteilung des Einkommens (eng) auf die Bevölkerung ablesen. Auf die 10% der Bevölkerung, die am besten verdienen, entfällt praktisch die Hälfte aller Volkseinkommen, während sich die ärmere Hälfte der Bevölkerung etwa 10% des Volkseinkommens teilen muß.

Auch die absoluten Zahlen über die Einkommensgruppen sind ernüchternd. Knapp zwei Drittel der brasilianischen Lohnempfänger verdienen bis zu zwei Mindestlöhne, müssen also mit etwas mehr als 100 Euro im Monat auskommen. Ein knappes Viertel verdient sogar nur die Hälfte. Auch hier schwanken die Zahlen beträchtlich zwischen den einzelnen Regionen. In den urbanen Zentren schlug sich diese soziale Kluft seit Beginn der Industrialisierung im Entstehen von sogenannten Favelas nieder. Diese ursprünglich illegalen Armutsssiedlungen, zuletzt unter der Militärdiktatur vom Abriss und Umsiedlung bedroht, führen bis heute ein Paria-Dasein am Rande der Gesellschaft. Seit Jahren bemühen sich verschiedene Programme, die Favelas wieder an das offizielle Leben der Stadt heranzuführen.

Die Migration aus dem Armenhaus Nordosten in den Südosten ist eine Konstante im 20. Jahrhundert. Die Arbeitsmigranten leben am Rande der Großstädte und bildeten dort in der Zeit des industriellen Aufbaus das riesige Arbeitskräftereservoir, mit dem der rasche wirtschaftliche Aufbau über ein halbes Jahrhundert hinweg bestritten wurde. Als ungelernte Arbeitskräfte sind sie vor allem im Baugewerbe und bei anderen schweren körperlichen Tätigkeiten anzutreffen. Die Nordestinos können durch Körperstatur und Aussehen in den Großstädten des Südens leicht ausgemacht werden. Sie sind mit ihrer besonderen Kultur und Sitte geradezu Gastarbeiter im eigenen Land. Die Familien zieht oft erst nach einiger Zeit in den Süden nach. Nachdem im Rezessionsjahrzehnt der 80er Jahre die Arbeit auch in den Industriezentren knapp geworden ist, kommt es nun vermehrt zu negativen Äußerungen über die Anwesenheit der Nordestinos im Süden.

Im 20. Jahrundert konnte trotz zahlreicher staatlicher Programme das regionale Entwicklungsgefälle zwischen dem armen Nordosten und dem wohlhabenden Süden und Südosten nicht aufgehoben werden. Dies liegt zum Teil an den klimatischen Rahmenbedingungen mit teilweise mehrjährigen Dürreperioden im Nordosten. Die Lebenserwartung liegt dort in einzelnen Gebieten unter 40 Jahren. Dennoch ist die Region weiterhin das Bevölkerungsreservoir Brasiliens und Hauptquelle anhaltender Binnenmigration. Etwa ein Drittel der Bevölkerung Brasiliens wohnt heute im Nordosten. Die Region ist aber auch politisch nach wie vor von der Herrschaft einzelner Familienclans gekennzeichnet. Selbsthilfeinitiativen fassen meist schwer Wurzel in dieser von paternalistischen Beziehungen gepägten Kultur. Auch die deutsche Entwicklungszusammenarbeit hat einen Schwerpunkt im Nordosten.

Ungleichheit auf dem Land

Dieses Bild von der sozialen Ungleichheit wiederholt sich bei einem Blick auf die Landverteilung in Brasilien. Die Kleinst- und Kleinbetriebe bis 20 ha, die etwa zwei Drittel aller Betriebe ausmachen, bewirtschaften nur weniger als 6% der landwirtschaftliche genutzten Fläche. Den Großbetrieben mit mehr als 500 ha hingegen gehören fast zwei Drittel der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche. Gerade auf dem Land liefern die Auseinandersetzungen um die Besitzverteilung großen sozialen Sprengstoff. Nachdem die wichtigsten Anläufe zu einer Agrarreform gescheitert sind, hat sich das Heer von landlosen Tagelöhnern und ehemaligen Kleinbauern in zahlreichen Basisorganisationen zusammengeschlossen und besetzt auf eigene Faust brachliegende Großfarmen.

Die Landlosenbewegung erhält Unterstützung von verschiedener Seite. Unter anderem von der brasilianischen katholischen Bischofskonferenz. Die wichtigste Landlosenorganisation Movimento Sem Terra ( MST, port.) brachte die Regierung schon in der Vergangenheit durch spektakuläre Landbesetzungen immer wieder in Handlungszwang. Diese verwies auf die Ergebnisse der Landverteilung im Rahmen staatlicher Enteignungs- und Ansiedlungsprogramme. Auf der anderen Seite heuern die Landbesitzer zum Teil eigene Schutztruppen an. In den letzten Jahren sind in diesen Auseinandersetzungen zahlreiche Aktivisten von Landlosenorganisationen ums Leben gekommen. Die Lage im Hinblick auf die Landverteilung ist sehr gespannt. Unter der Regierung Lulas hat die Landlosenbewegung nun zunächst ihre Besetzungspolitik zeitweilig eingestellt. Es gibt jedoch Anzeichen, dass diese politischen Flitterwochen sich einem Ende nähern.

Gleichstellung der Geschlechter

Frauen haben, obwohl formal gleichgerechtigt, immer noch einen schweren Stand in der brasilianischen Gesellschaft. Gerade in ärmeren Schichten sind sie oft für den Unterhalt der ganzen Familie zuständig. Zur Kontrolle der Gewalt gegen Frauen werden immer mehr Polizeireviere für Frauenfragen eingerichtet.Die Ungleichheit (eng) bezieht sich sowohl auf den häuslichen Bereich als auch auf den Arbeitsplatz. Frauen aus der Unterschicht sind oft als Hausangestellte bei der Mittel- und Oberschicht tätig. In den städtischen Zentren erobern Frauen schrittweise die klassischen Männerdomänen.

Randgruppe Strassenkinder

Auch Kinder stellen teilweise eine sozial benachteiligte Gruppe dar. Die Strassenkinder in Brasilien, deren Situation immer wieder internationale Aufmerksamkeit erregt, sind kaum organisiert. Eine andere traurige Facette der Armut zeigt sich in der Kinderarbeit in Brasilien. Diese Ausnutzung billiger Arbeitskraft verhindert meist geregelten Schulbesuch und verstellt damit Lebenschancen.

4.3 Bildung

Schul- und Berufsbildung

Das brasilianische Bildungssystem ist dreistufig aufgebaut. Schulpflicht besteht für die Volksschule, die 8 Schuljahre umfaßt. Danach gibt es als zweite Stufe eine dreijährige weiterführende Schule, die Voraussetzung zur Zulassung zur Hochschule ist. Die Aufnahme in eine Universität erfolgt nach einer weiteren Eingangsprüfung (vestibular). Das Qualitätsniveau dieser aufeinander aufbauenden Bildungsstufen steigt bei den öffentlichen Schulen nach oben hin. In die Volksschulen wurde am wenigsten investiert. Das öffentliche Grundbildungswesen ist deshalb heute zum Teil in einem katastrophalen Zustand. Heute schickt die Mittel- und Oberschicht ihre Sprößlinge, wenn irgend möglich, auf eine private Schule.

Die Berufsausbildung und die Erwachsenenbildung nehmen im brasilianischen Bildungssystem nur eine geringe Bedeutung ein. Die praktische Aus- und Weiterbildung erfolgt innerbetrieblich oder in Zusammenarbeit mit den von Industrie und Handel finanzierten Ausbildungsinstitutionen SENAI und SENAC.


Hochschule

Im Hinblick auf das brasilianischen Hochschulwesen kehrt sich das Bild um. In die staatlichen Universitäten (port) wurde in den letzten Jahrzehnten stark investiert, so daß sie eine sehr gute Ausstattung aufweisen und meist ein höheres Ansehen als die privaten Institutionen genießen. In jüngster Zeit wandelt sich dieses Bild jedoch, da auch hier notwendige Investitionen ausbleiben um den erreichten Qualitätsstandard zu halten. Der Anteil der privaten Bildungsstätten, der bei der Grundbildung sehr gering ist, umfaßt bei den Hochschulen bereits etwa 2/3 aller Studenten. Auch in der Forschung macht Brasilien grosse Anstrengungen, sich auf Weltniveau vorzuarbeiten. Staat, aber in wahcsendem Masse auch die vor allem auch die Privatindustrie setzen vor allem auf angewandte Forschung.

4.4 Gesundheit und Sozialwesen

Staatliche und private Gesundheitsversorgung

Ein wichtiger Bereich zur Bewertung der sozialen Lage in Brasilien ist das Gesundheits- und Rentensystem. Obgleich Arbeitgeber und Arbeitnehmer durchschnittlich zusammen etwa 20% der Löhne und Gehälter an die staatliche Sozialkasse abführen, befinden sich die Renten- und Gesundheitsversorgung in einer finanziellen Krise. Erst in den 1970-er Jahren war der Zugang zur öffentlichen Gesundheitsversorgung auf die ganze Bevölkerung ausgedehnt worden. Zuvor waren die Beschäftigten über einzelne Berufskassen versichert, deren ärztlichen Versorgung stark einkommensabhängig war. Wer nicht in den formellen Arbeitsmarkt eingebunden war, blieb auf karitative Gesundheitsorganisationen angewiesen. Mit der Neuorganisation hatte im Prinzip die ganze Bevölkerung unabhängig von Beschäftigung und Versicherungsstatus Zugang zur Krankenversorgung.

Seit den 1980-er Jahren ist die Qualität des staatlichen Gesundheitssystems sehr stark gesunken. Viele öffentlichen Krankenhäuser verfügen nicht mehr über die notwendigen Materialien zur Versorgung der Patienten. Manche mußten sogar wegen fehlender Mittel schließen. Für diese Mißstände sind zum einen sinkende Investitionen verantwortlich, zum anderen aber auch Mißwirtschaft und Korruption. In vielen Krankenhäusern wurden Skandale aufgedeckt, weil nicht durchgeführte Leistungen in großem Stil abgerechnet wurden. Durch ein umfassendes Dezentralisierungsprogramm werden diese dunklen Löcher im Gesundheitssystem langsam gestopft.

In der Praxis ist das öffentliche Gesundheitssystem zunehmend nur noch für die Ärmsten der Armen zuständig. Mittel- und Oberschicht weichen auf private Krankenversicherungen aus, die in den letzten Jahren ihren Marktanteil stark ausgeweitet haben. Auch viele Betriebe schließen für ihre Beschäftigten Versicherungspakete mit privaten Versicherern ab.

4.5 Kultur

Kulturelle Identitäten

Die brasilianische Gesellschaft ist eine Einwanderergesellschaft. Brasilien hat über Jahrhunderte hinweg Millionen von Immigranten vor allem aus den europäischen Staaten, aber auch aus Asien aufgenommen. Für diese Neuankömmlinge war es in der großen Mehrzahl kein Problem, von den Brasilianern akzeptiert zu werden. Die Immigranten wurden immer auch als Träger von Zivilisation und Fortschritt gesehen. Das Zentrum der Massenimmigration war im 20. Jahrhundert São Paulo. Die Stadt hat deshalb bis heute eine weitgehend multikulturelle Prägung. Die einzelnen ethnischen Gruppen lassen sich kaum voneinander unterschieden. Nur im Süden des Landes haben sich die einzelnen europäischen Einwandererkolonien stärker abgekapselt und sind bis heute in ihrer nationalen Prägung sehr stark präsent.

Der oben erwähnte Schrifsteller Stefan Zweig, beeindruckt von dem friedlichen Zusammenleben und der Vermischung der verschiedenen Nationalitäten und Abstammungen in Brasilien, schrieb:

"Nach europäischer Einstellung wäre zu erwarten, daß jede dieser Gruppen sich feindlich gegen die andere stellte, die früher gekommenen gegen die später gekommenen, Weiße gegen Schwarze, Amerikaner gegen Europäer, Braune gegen Gelbe, daß Merhheiten und Minderheiten in ständigem Kampf um ihre Rechte und Vorrechte einander fefeindeten. Zum größten Erstaunen wird man nun gewahr, daß all diese schon sichtbar durch die Farbe voneinander abgezeichneten Rassen in vollster Eintracht miteinander leben und trotz ihrer individuellen Herkunft einzig in der Ambition wetteifern, die einstigen Sonderheiten abzutun, um möglichst rasch und möglichst vollkommen Brasilianer, eine neue und einheitliche Nation zu werden."

Die Brasilianer, das kann man ohne Umschweife sagen, sind ausgesprochen ausländerfreundlich. Auch gibt es im Land keine offenen Konflikte zwischen verschiedenen nationalen Gruppen. Das Selbstbildnis der Brasilianer ist das einer Mestizengesellschaft, in der verschiedene Einflüsse zu einer neuen Kultur eingeschmolzen wurden. Allerdings melden sich in jüngerer Zeit Stimmen, die dieses Idealbild kritisch unter die Lupe nehmen. Auch brasilianische Künstler und Intelektuelle setzen sich bis heute immer wieder mit dieser paradoxen Mischung aus Toleranz und Rassismus auseinander.


Kunst , Kulturindustrie und Volkskultur

Die vielfältigen kulturellen Traditionen Brasiliens manifestieren sich in Musik, Literatur, Architektur und den bildenden Künsten. Zu den international bekannten Klassikern der brasilianischen Kunst gehört sicher Cândido Portinari (port) (1903-62). Internationalisierung und kommerzielle Vermarktung prägen auch die brasilianische Gegenwartskunst nachhaltig.

Längst ist die brasilianische Musikszene nicht mehr zu beschreiben mit den klangvollen Stimmungen der Bossa Nova und den anspruchsvollen Texten von Vertretern der Tropicalia-Bewegung wie Caetano Veloso (port). Brasiliens Rockmusik mit Wurzeln in den rebellischen 80er Jahren wurden Längst von der Plattenindustrie vereinnahmt. Nach einer anfänglichen Boomzeit haben sich ein knappes Dutzend Gruppen auf dem nationalen Musikmarkt konsolidiert. Gegenwärtig mischt aber eine neue Generation von musikalischen Rebellen aus der Unterschicht die brasilianische Mittelklasse in São Paulo und Rio de Janeiro mit gewaltstrotzender Rap-Musik auf. Aber auch andere Musikrichtungen wie Funk und Hip-Hop sind in Brasilien inzwischen verwurzelt.

In Sachen Verkaufszahlen steht aber längst die heimelige Música Sertaneja an der Spitze der brasilianischen Musikindustrie. Die Namen der Stars dieser brasilianische Version der Countrymusik (Zeze di Camargo, Xitãozinho e Xororó, Sandy e Júnior) sind in Europa nicht bekannt, in Brasilien aber in aller Munde. Daneben hat auch der Vorstadtsamba neuerdings wieder Aufwind erfahren. Auch die Namen der Vertreter dieser Musikrichtung klingen fremd und unbekannt in europäischen Ohren.

Die afrobrasilianische Gruppe Olodum geht einen anderen Weg und versucht, ihre Musik mit sozialer Jugendarbeit in ihrer Heimatstadt Salvador da Bahia zu verbinden. Und dann gibt es da natürlich noch die Brasilianer als weltberühmte Perkussionskünstler. Angesichts des heute unbestreitbaren internationalen Renommees der brasilianischen Musik ist es auch interessant, einen Blick zurück auf ihre Geschichte (port) im 20. Jahrhundert zu werfen.

Die Fernsehproduktion ist längst zu einem der wichtigsten Zugperde der brasilianischen Kulturindustrie avanciert. Das Fernehen ist in Brasilien unbestritten das wichtigste Informations- und Unterhaltungsmedium. Der Mediengigant Rede Globo dominiert seit Jahrzehnten den Markt der Unterhaltungsindustrie. Die brasilianischen Telenovelas sind inzwischen zu einem Exportschlager geworden. Durch den ausserordentlichen Beliebtheitsgrad der Telenovelas in allen Schichten der brasilianischen Bevölkerung haben diese einen tiefgreifenden Einfluss auf die öffentliche Meinung - was sich zum Guten wie zum Schlechten auswirken kann. Diese Machtkonzentration auf einen Fernsehkanal wirkt bis heute auch auf die politische Berichterstattung. Aufgebaut wurde der Konzern och unter der Zeit der Militärdiktatur von dem Medienmogul Roberto Marinho. Bis heute ist Rede Globo politisch eher verhalten und tendiert dazu, sich mit der jeweiligen Regierung möglichst gut zu stellen. Das gilt meist auch in umgekehrter Richtung.


Trotz des kreativen Anfangs mit dem Cinema Novo in den 60ern hatte die Filmproduktion in Brasilien bis in die 80er Jahre hinein quantitativ eine Randstellung im Kulturbetrieb. Neben der schon jung verstorbenen Symbolfigur Glauber Rocha (1938-81) hatte der bis heute produzierende Nelson Pereira dos Santos entscheidenden Einfluss auf diese Bewegung. Wichtige sozialkritische Filme stammen aus den 70er und 80er Jahren. Tizuka Yamasaki, die bei beiden als Regieassistentin gearbeitet hatte, drehte bereits 1979 ihren ersten Spielfilm Gaijin - Caminhos da liberdade, der sich mit der Identitätssuche der japanischen Immigranten in Brasilien beschäftigt. Peter Schumanns Handbuch des brasilianischen Films (1988) gibt einen Überblick über die brasilianische Filmszene. Aber Kassenschlager waren in dieser Zeit eher Filme aus dem erotischen Bereich.

Erst in den 90ern kam es auch in Folge gezielter staatlicher Filmförderung zu einem Boom in der nationalen Filmindustrie. Der Erfolg in Form internationaler Nominierungen und Prämierungen, wie im Falle von Walter Salles Central do Brasil/Central Station (1998) liess nicht auf sich warten. Bis in die jüngere Zeit hat das brasilianische Kino mit neuen Filmen wie Breitengrad Null (Toni Venturi, 1999), Crónicamente inviável (Sérgio Binachi, 1999), Bossa Nova (Bruno Barreto, 1999), Eu tu eles/Darlenes Männer (Andrucha Waddington, 2000), Domésticas/Maids (Fernando Meirelles, Nando Olival, 2001), Cidade de Deus/City of God (Fernando Meirelles, 2002) und verschiedenen Literaturverfilmungen, wie Memórias Postumas de Bras Cubas/Die Memoiren des Bras Cubas (André Klotzel, 2000), nach dem gleichnamigen Roman von Machado de Assis, immer wieder seine Schaffenskraft unter Beweis gestellt.


Der Buch- und Zeitschriftenmarkt ist stark gewachsen, nachdem mit dem Ende der Diktatur auch die Begrenzungen durch Zensur gefallen sind. Dennoch beschränkt sich der Lesekonsum immer noch weitgehend auf die Mittel- und Oberschicht. Die Buchbiennale in São Paulo ist einer der Höhepunkte dieses Marktes der Printmedien. Klassiker der brasilianischen Literatur wie Jorge Amado , Clarice Lispector oder João Ubaldo Ribeiro sind auch dem deutschen Lesepublikum längst ein Begriff. Letzterer hat mit Viva o povo brasileiro (dt: Brasilien Brasilien) eines der bekanntesten Werke der brasilianischen Literatur geschaffen. Der Bestsellerautor Paulo Coelho hat weit über Brasilien hinaus Erfolg. Seine Werke wurden in viele Sprachen übersetzt underreichten auch im Ausland Spitzenauflagen. Schwerer haben es vor einem deutschen Lesepublikum Klassiker der brasilianischen Literatur wie Lima Barreto (1, 2, 3), der sich vor knapp einem Jahrhundert literarisch mit der Nationwerdung Brasiliens auseinandersetzte.


Die neuen elektronischen Medien (Kabelfernsehen, Internet) haben eine rasche Verbreitung gefunden in Brasilien. Gerade öffentliche Institutionen stellen in rasch zunehmendem Masse Informationen und Dienstleistungen über das Netz zur Verfügung. So können die Steuererklärungen von den Bürgern bereits seit Jahren per Internet bearbeitet und abgeschickt werden. Auch die Wahlkabinen sind in Brasilien inzwischen zu 100% mit elektronischen Urnen ausgestattet und die Auszählung erfolgt über das Netz. In einem Land mit den kontinentalen Ausmassen Brasiliens bieten sich aber auch Organisationen der Zivilgesellschaft neue Möglichkeiten durch vernetztes und koordiniertes Handeln auf nationaler Ebene. Im Moment stellen die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien in Brasilien aber noch um ein Medium dar, das nur Wenigen zur Verfügung steht. Kritiker befürchten, dass es zu einer neue Barriere zwischen Arm und Reich ( digital divide) kommen kann. Allerdings gibt es in Brasilien inzwischen zahlreiche Erfahrungen bei der Nutzung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien im Rahmen einer bürgernäheren Verwaltung. Im kommerziellen Bereich ist längst der Kampf um Marktanteile unter den Anbietern ausgebrochen, in dem in- und ausländische Unternehmen mit harten Bandagen kämpfen. Auch wenn der Grad der Vernetzung gerade im Vergleich zu den USA oder Europa noch relativ gering ist stellt Brasilien doch schliesslich den Löwenanteil potentieller Konsumenten im e-commerce auf dem lateinamerikanischen Kontinent.


Neben der brasilianischen Kulturindustrie behauptet sich auch die brasilianische Volkskultur in ihrem jeweiligen lokalen Kolorit. Dazu gehören Figuren, die auf der mündlichen Erzähltradition beruhen, wie etwa die Koboldfigur Saci Pererê. Aber auch körperbetonte Traditionen wie die afrobrasilianische Kampfsportart Capoeira gehören zur Volkskultur und haben einen gewissen Stellenwert als kultureller Exportartikel gewonnen. Und natürlich der weltbekannte brasilianische Karneval, der nur hier an letzter Stelle steht. Er wird in Rio de Janeiro, Salvador und Recife in sehr unterschiedlichem lokalen Kolorit gefeiert.


Verhaltenskultur

Im Umgang mit der Bürokratie eröffnet die Herstellung einer persönlichen Gesprächsebene oftmals Möglichkeiten, die zunächst verschlossen schienen. Diese besondere Form der Umgehung von Regeln oder Vorschriften ist in Brasilien so häufig, daß sich ein eigener Begriff dafür geprägt hat: der 'jeitinho brasileiro'. Der jeitinho (eng) ist nicht zu verwechseln mit der Bestechung eines Beamten durch Geld. Überhaupt können sich Geldangebote in vielen Situationen eher gegen kaufkräftige Anbieter auswirken. Beim jeitinho handelt es sich eher um die Eröffnung eines Hintertürchens aus einem persönlichen Gefallen heraus. Die Kunst besteht darin, von der neutralen, geschäftlichen Beziehung auf eine private Ebene zu wechseln.

Für diejenigen, die weder die Zeit noch das Geschick im Umgang mit der oft undurchsichtigen Bürokratie haben entwickelte sich ein eigener Berufszweig: der 'despachante'. Er erledigt - gegen ein Entgelt - alle diese zeitaufwenigen und lästigen Behördengänge und agiert dabei nach allen Regeln der Kunst.

Religion

Veränderungen in Brasiliens religiöser Landschaft

Brasilien ist ein mehrheitlich katholisches Land. Die katholische Kirche hat vor allem in den 1970-er Jahren durch den Protest der brasilianischen Bischofskonferenz (port) gegen das soziale Elend und die Verletzung der Menschenrechte ein hohes Ansehen in der brasilianischen Öffentlichkeit gewonnen. Sie lieferte ein Obdach für politischen Protest und für gesellschaftspolitisches Engagement, das unter den Bedingungen der Diktatur von anderen Institutionen nicht mehr zum Ausdruck gebracht werden konnte. Diese Rolle ist nach der Rükkehr zur Demokratie zunehmend überflüssig geworden. Die kirchlichen Basisorganisationen haben ihre Rolle oft an örtliche Gewerkschaften und Parteiorganisationen abgegeben. Auf der anderen Seite aber wurden viele fortschrittliche Bischöfe von Rom aus entmachtet.

Viele sahen in der Politisierung auch einen Grund für den wachsenden Einfluß der protestanischen Kirchen und Sekten in Brasilien. Bei den jüngeren Pfingstkirchen handelt es sich um Gruppierungen, die sich nicht mehr durch asketische Weltabgeschiedenheit sondern durch Weltangepaßtheit auszeichnen. Ein wichtiges Element des Kultus der Pfingstkirchen ist die Interpretation der konkreten Lebenswelt als Ort der Auseinandersetzung zwischen Gott und dem Teufel. Der Teufel steht dabei hinter konkreten Problemen wie der Trunksucht, Eheproblemen, Mißerfolg im Beruf und Krankheiten.

Tatsächlich stand die katholische Kirche in Brasilien schon in der Vergangenheit immer wieder vor der Frage, wie sie mit den afrobrasilianischen und spiritistischen Religionspraktiken umgehen sollte, die sich dem katholischen Glauben nicht offen entgegenstellten, sondern diesen mit eigenen Vorstellungen und Praktiken zu neuen religiösen Ausdrucksformen verschmolzen. Viele Untersuchungen widmeten sich bereits diesen synkretistischen religiösen Phänomenen in Brasilien. Die afrobrasilianischen Religionen des Candomblé, Umbanda und Macumba benutzten in der Zeit religiöser Intoleranz und kultureller Repression in der Vergangenheit den Katholizismus als eine Hülle, hinter der sie weiterhin ihre eigenen Gottheiten (Orixás) ehren konnte.

Auch andere Formen der Religiositat, wie beispielsweise der Kardezismus (auch Spiritismus) aus dem 19. Jahrhundert machten in Brasilien schneller Karriere als anderswo. Die Schriften von Allan Kardec (1804-69), der Mitte des 19. Jahrhunderts in Frankreich eine eigene Theorie an der Grenze zwischen Wissenschaftsphilosophie und Religion entwickelte, fanden in Brasilien bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts rasche Verbreitung.

Die Praxis der Volksreligiösitat ist in Brasilien bis heute geprägt von diesen synkretistischen Glaubensformen, der eines der Fundamente von kulturellen Verschmelzungsprozessen in Einwanderungsgesellschaften darstellt.

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