Bangladesch


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Seite 4: Gesellschaft, Kultur & Religion

Sozialstruktur

Die besitzende Schicht in Bangladesch erfüllt viele Funktionen im Sinne klientelistischer Beziehungen zwischen Landarbeitern, Kleinst- und Kleinbauern auf der einen und mittleren bis großen Bauern sowie einflussreichen Händlern und Geldverleihern auf der anderen Seite.

Etwa 70% der Bauern sind funktional landlos. Sie besitzen maximal 0,4 Hektar Land (Gehöft und Land) und sind nicht einmal in der Lage, Subsistenzwirtschaft zu betreiben. Sie sind auf zusätzliche Lohnarbeit angewiesen, wollen sie überleben. Zur Subsistenz befähigte Bauern sind demnach bereits eine besonders privilegierte Klasse in diesem Land. Die Grundbesitzer, die lediglich verpachten, besitzen freilich keine Latifundien, wie in Lateinamerika. Wer drei Hektar Land und mehr besitzt, zählt bereits zur Klasse der large farm households, deren Möglichkeiten zur Geld- und Einflussvermehrung beachtlich sind.

Neben Pachteinnahmen, die mühelos ein Drittel bis zur Hälfte der Ernteerträge okkupieren, verdient die lokale Elite zudem noch als Händler und Geldverleiher. Durch Beziehungen zur Lokalregierung (Unions-, Upazila- und Distriktebene) nehmen sie Einfluss auf die Allokation und Distribution von Ressourcen, zu denen auch Entwicklungshilfegelder gehören. Boden, Arbeit und Kapital werden von ihnen kontrolliert. Besitz an vorhandenen Ressourcen und Kontrolle neuer Entwicklungsressourcen, unter denen Düngemittel und Pestizide eine Schlüsselposition einnehmen, in den Händen Weniger drücken noch mehr Familien unter die Armutsgrenze. Landlosigkeit und Armut sind nicht zu trennen.

Die gesellschaftliche Stellung lässt sich nicht allein anhand ökonomischer Parameter (Landbesitz, Haushaltseinkommen, etc.) und auf Grund absoluter Größen bestimmen. Die soziale Position ergibt sich aus Relationen beziehungsweise Differenzen.

Das Patronagesystem reicht viele hundert Jahre zurück und ist damit wesentlich älter als die britische Herrschaft. Es bestimmt die soziale Position des einzelnen sowie dessen Entscheidungskompetenz und Macht.

Kleinste Unterschiede bedeuten Positionsdifferenzierungen. Patronage strukturiert die Gesellschaft. Für das westliche Ideal einer demokratischen Ordnung, prinzipieller Gleichheit der Staatsbürger und der (Ab)-Wählbarkeit der politischen Führung ist in Bangladesh kulturell kein Vorverständnis gegeben. Formal ist die Demokratie aber vorhanden. Patronage gilt zwar weiterhin als informelles ordnungsstiftendes Element, aber Wahlen, die von manchem Autoren schon als Ausdruck der demokratischen Konsolidierung verstanden werden, finden auch bereits regelmäßig statt. Alte und neue Ordnungselemente stehen nebeneinander oder verschmelzen miteinander.

Einzelne können in diesem System sowohl Patron als auch Klient sein. Ein Bauer mit einem Landbesitz von 1,5 Hektar Land kann während der Erntezeit Arbeit auf seinen Feldern vergeben und dabei nach Patronagegesichtspunkten entscheiden, wer wie lange beschäftigt wird und welchen Lohn er erhält. Andererseits mag er als Klient eines mächtigen absentee landlords einen Anbaukredit erhalten haben und muss diesem später als Gegenleistung einen Teil der Ernte zu einem vorher festgelegten Preis (dhaner upore ) verkaufen. Patrone sind nicht nur und nicht einmal primär Fremde, sondern Familienmitglieder oder Angehörige der erweiterten Verwandtschaftsgruppe (gushti ).

Die historisch gewachsenen und weiterhin gesellschaftlich relevanten Machtstrukturen müssen verstanden werden, um die im Land existierende Armut in ihren Grundlagen zu verstehen und darauf bezogene Korrekturstrategien zu finden.

Schwer haben es die ethnischen Minderheiten in einem Land mit fast homogener Bevölkerung - 98% gehören zu der Volksgruppe der Bengalen mit "Bangla" als Nationalsprache. Die Minderheiten müssen weiterhin auf eine verfassungsmäßige Anerkennung ihrer Existenz warten.

Die Chittagong Hill Tracts wurden international durch den Befreiungskampf der ethnischen Minderheiten gegen bengalische Siedler und das zu ihrem Schutz berufene Militär bekannt. Der Friedensvertrag zwischen den verfeindeten Lagern Ende 1997 wurde im In- und Ausland bejubelt. Zehn Jahre danach ist dem Jubel die Ernüchterung gewichen.

Ein sich verstärkendes soziales Problem ist die geringer werdende Solidarität gegenüber einer zunehmenden Zahl alter Menschen im Land. Großfamiliäre Strukturen brechen vor dem Hintergrund von Industrialisierungs- und Modernisierungsprozessen allmählich zusammen. Staatliche Wohlfahrtsprogramme erreichen nur einen Bruchteil der Bedürftigen; zivilgesellschaftliche Initiativen gibt es kaum.

 

Bildung

Zum Thema Bildung und Bildungssystem gibt es relativ wenige gute Internetquellen.

Das heutige Bildungssystem ist in seinen Grundzügen eine Kopie des britischen Systems. Der Lehrplan orientiert sich ebenfalls am humanistischen Bildungsideal der Briten. Berufsorientierte, technische oder naturwissenschaftliche Disziplinen treten hinter den gesellschaftswissenschaftlichen und sprachlichen Disziplinen zurück.

Das Bildungssystem in Bangladesch weist eine Reihe von Problemen auf. Es mangelt an einer ausreichenden Zahl an gutqualifizierten, motivierten und ausreichend entlohnten Lehrern, adäquat ausgerichteten Schulen und einer speziellen Förderung der Kinder aus Armenhaushalte. Zwar gibt es ein Stipendiatenprogramm für Mädchen aus armen Haushalten, doch in der Regel erhalten die Hilfe diejenigen, die sie nicht nötig haben.

Eine gut gemanagte, qualitativ anspruchsvolle, niemanden außer acht lassende und relevante, d.h. auch berufsorientierte Bildung kostet indes viel Geld. Nachdem das Land große Fortschritte bei den Einschulungsraten gemacht hat, steht nun eine "Qualitätsoffensive" an. Es ist zu hoffen, dass die Regierung das Geld in die Hand nimmt, um diese zu bewerkstelligen.

Gesundheit & Sozialwesen

Bangladesch hat große Fortschritte im Hinblick auf die Entwicklung bei einer Reihe von Indikatoren im Gesundheitsbereich erzielen können. Hier sind vor allem die Senkung der Säuglingssterblichkeit und die reduzierte Mortalität bei den Unter-Fünfjährigen zu nennen.

Brunnen

Brunnen müssen auf Arsen getestet werden
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Sorge bereitet indes eine Stagnation beim Rückgang des Bevölkerungswachstums. Ein milliardenschweres Entwicklungsprogramm, an dem auch die deutsche KfW beteiligt ist, fokussiert die drei Komponenten "Gesundheit", Ernährung" und "Bevölkerung" .

Eine viele Millionen Bangladeschis seit vielen Jahren bedrohende tödliche Gefahr ist das Arsen im Trinkwasser. Allerdings wird das Arsen nicht nur direkt aufgenommen, sondern auch indirekt z.B. über den Reiskonsum, sofern er wie der Winterreis bewässert wird.

HIV/AIDS ist im Vergleich beispielsweise zu Indien zumindest nach offiziellen Angaben kein großes Problem in Bangladesch. Allerdings verführen Statistiken zu dem Irrglauben, das Bangladesch nicht schwerer betroffen werden kann oder das Risiko sich nur bei einigen Risikogruppen festmachen lässt.

Kultur

Die bengalische Kultur gibt es nicht, sie hat die von den unter "Geschichte" erwähnten Völkern ausgehenden Impulse assimiliert. Recht gut sieht man das am bengalischen Islam, der Elemente des Animismus, Buddhismus und Hinduismus einschließt. Man spricht von einem synkretistischen Charakter der bengalischen Kultur und meint damit, dass sich Kulturschicht auf Kulturschicht legte und dabei das heute Vorfindbare, u.a. das Spannungsverhältnis von bengalischer und moslemischer Identität.

Wohnkultur im Wandel - viele meiner Freunde in Bangladesch beklagen, dass die Dörfer immer hässlicher, der Siegeszug der Wellblechdächer nicht aufzuhalten sei. In der Tat: Man sieht sie immer häufiger und sie haben mindestens einen starken Promotor in Gestalt der Grameen Bank. Diese vergibt Hauskredite (etwa 200 Euro), und die Kreditnehmer bevorzugen mehrheitlich Wellblechdach.

"The best way to touch the heart of a Bengali man is to reach for his stomach", heißt es. Das gemeinsame Essen hat eine wichtige soziale Funktion. Und wer schon einmal das Vergnügen hatte, zu einem Essen eingeladen zu werden, wird die Vielfalt der bengalischen Küche, bei der Fisch, Reis, Dal und andere Köstlichkeiten nicht fehlen darf, schätzen gelernt haben - und Lust bekommen, Rezepte nachzukochen.

Bangladesch ist ein Land der Musik. Ob im häuslichen oder auch beruflichen Umfeld - kaum jemand, der kein Lied auf den Lippen hat. Häufig wird das Leben des Fischers oder - stärker im Norden - des Bauern mit dem Ochsenkarren in solchen Liedern besungen.

Bangla - Landessprache und Nationalstolz (fast) aller Bangladeschis; für deren Fortleben auch gestorben wurde. Tagore, (West-) Bengale und Nobelpreisträger für Literatur, wird nicht nur von einer Bildungselite verehrt. Weitere große literarische Persönlichkeiten sind Kazi Nazrul Islam und der im August 2006 verstorbene Shamsur Rahman.

Eine große Literatursammlung vermittelt Ihnen - in englischer Übersetzung - einen ersten Eindruck von der Themenvielfalt in der Literatur des Landes, die auch Rückschlüsse auf die Verfasstheit der Gesellschaft erlaubt. Späte internationale Anerkennung hat der Kampf um den Erhalt der Sprache insbesondere am 21. Februar 1952, Ekushey, gefunden. Der 21.2. ist der internationale Tag der Muttersprache.

Bangladesch hat immer wieder hervorragende Fotografen und Künstler hervorgebracht. Die Fotosammlung der Drik Picture Library, die Sie im Landesüberblick bewundern durften, findet in dieser Foto- und Bildersammlung (manchmal nicht verfügbar, versuchen Sie es häufiger), die viel über den Alltag in Bangladesch verrät, ihre Fortsetzung. Und noch mehr Bilder von Cyberbangladesh.

 

Religion

Bangladesch ist ein überwiegend islamisches Land und schafft damit spezifische Herausforderungen für die Entwicklungszusammenarbeit. Etwa 88% der Bevölkerung bekennen sich zum Islam, 10% zum Hinduismus und der geringe Restanteil entfällt auf Buddhisten, Christen und Animisten. Die wichtigsten Feste der in Bangladesch vertretenen Religionen werden ungeachtet der Tatsache, dass der Islam Staatsreligion ist, gefeiert.

Nationalmoschee in Dhaka
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An vielen Beispielen, hier sind v.a. die Fruchtbarkeitsrituale zu nennen, wird der synkretistsche Charakter des Islam in Bangladesch deutlich. Bevor er im 12. Jahrhundert nach Bengalen kam und sich in den darauf folgenden Jahrhunderten durch "Sufis" und "Pirs" ausbreitete, bestanden schon starke hinduistische und buddhistische Traditionslinien; der Islam erhielt seine eigentümliche bengalische Färbung.

Das Gros der Bangladeschis bekennt sich zur sunnitischen Richtung. Das heißt, die Lebensweise, die Gewohnheiten sowie Meinungen Mohammeds sollen die Richtschnur für das Leben der Muslime markieren.

Wenn in Bangladesch von islamischer Identität die Rede ist, so ist damit eine Gruppenzugehörigkeit, nicht notwendigerweise eine feste Glaubensmeinung oder ein festes islamisches Weltbild gemeint. Dies bemerkt man an den Ritualen und unterschiedlichen Meinungen über Glück und Unglück. Das Handeln der Menschen ist sehr pragmatisch, dies gilt auch für die Religion. Bei Unfruchtbarkeit bedient man sich auch unislamischen Hilfsmitteln, sofern sie eine Lösung des Problems versprechen. Die Weltsicht hängt stärker ab vom Geschlecht und den damit verbundenen Möglichkeiten der Informationsbeschaffung und des -austausches denn von der Religion.

Anders als in Indien, ist das Verhältnis zwischen den einzelnen Religionsgruppen in Bangladesch im Allgemeinen frei von Gewalt, jedoch keineswegs konfliktfrei. Es gab seit der Unabhängigkeit des Landes keine erheblichen Auseinandersetzungen, wenn man von den Vorfällen Ende 1992 absieht, die sich in der Folge der Zerstörung der Babri-Moschee in Indien vor allem in den religiös konservativen Distrikten im Süden des Landes ergaben. Ungeachtet des generell bestehenden friedlichen Nebeneinanders sind die religiösen Minderheiten jedoch teils erheblichen Diskriminierungen im wirtschaftlichen Bereich ausgesetzt. Auch ist ihre Vertretung in den politischen Gremien unterproportional.

 

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