alle Länder Homepage
Landesüberblick Staat & Politik Wirtsch. & EZ Gesellsch. & Kultur Praktisches

Afghanistan


Flagge

Seite 3: Wirtschaft & Entwicklung

Einführung

Afghanistan gehörte auch schon vor der sowjetischen Besetzung und den nachfolgenden Bürgerkriegen zu den wirtschaftlich und humanitär am wenigsten entwickelten Ländern der Erde. 30 Jahre Krieg haben diese Situation noch verschlimmert, erst seit dem Sturz des Taliban-Regimes Ende 2001 zeichnet dank des massiven Engagements der internationalen Gemeinschaft eine allmähliche Verbesserung ab, wiewohl das Land mit einem Bruttoeinkommen von 700 US-$ pro Kopf und Jahr und einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 43 Jahren immer noch zur von den Vereinten Nationen definierten Gruppe der "Least Developed Countries" (LDCs) zählt.

Unter den wirtschaftliche Aktivität in Afghanistan bestimmenden naturräumlichen Bedingungen sind hauptsächlich zu nennen der überwiegend gebirgige Landescharakter mit den daraus resultierenden Schwierigkeiten im Binnenverkehr; das die landwirtschaftliche Produktion einschränkende durchweg trockene Klima; das Fehlen eines Zugangs zum Meer, was den Außenhandel Afghanistans stark abhängig vom politischen Wohlwollen seiner Nachbarn, allen voran Pakistans, macht; schließlich aber auch seine zentrale Lage zwischen den Kultur- und Wirtschaftsräumen Vorder-, Zentral- und Südasiens, die es seit alters her (Seidenstraße!) zum Transithandelsland par excellence machen.


Traditionelle Bodenbestellung

Landwirtschaft

Afghanistans Landwirtschaft beschränkt sich auf Grund der genannten topographischen und klimatischen Gegebenheiten im Wesentlichen auf die Gebirgsfußoasen am Nord-, West- und Südrand des zentralen Hochlandes wie auf die Beckenlandschaften der Kabul-Region sowie der Flusstäler an der pakistanischen Grenze. Unter den angebauten Getreidearten dominiert der Weizen, in den subtropischen Gebieten des Südens und Südostens kommt Reis hinzu. Im Zuge der beginnenden agrarischen Modernisierung im 20. Jahrhundert wurden außerdem bisher in Afghanistan nicht heimische Feldfrüchte wie Mais und Kartoffeln eingeführt, ebenso Baumwolle als Rohstoffpflanze für die sich entwickelnde afghanische Textilindustrie.

Unter Landeskennern berühmt sind Sortenvielfalt und Qualität des afghanischen Obstes; unter den Anbauregionen ragen die Oase von Herat sowie die Schomali-Ebene nördlich von Kabul (Weintrauben), die Oase von Kandahar (Granatäpfel) sowie das Panjshir-Tal (Aprikosen) heraus. Eine Verwertung für den Export scheiterte allerdings bisher häufig an der unzureichenden Weiterverarbeitung der Früchte, so dass afghanisches Obst außerhalb der Landesgrenzen nur selten angeboten wird.

Viehzucht wird in Afghanistan größtenteils extensiv betrieben, in der Regel durch hauptsächlich Schafe haltende paschtunische Nomaden in Wanderwirtschaft zwischen den Sommerweiden des zentralen Hochlandes und den wintermilden Steppen des Südwestens bzw. der pakistanischen Indusebene. Rinderhaltung spielt demgegenüber eine geringere Rolle, man findet sie häufig als Nebenerwerb bei Kleinbauern der bewässerten Flussoasen. Weiter zu erwähnen ist die Zucht von Karakulschafen zur Pelzgewinnung sowie von Pferden in den hauptsächlich von Usbeken und Turkmenen bewohnten Nordprovinzen. Kleinviehhaltung (Hühner, Ziegen) ist im ganzen Land bis in städtische Milieus hinein verbreitet.

Wie alle anderen Wirtschaftszweige ist auch die afghanische Landwirtschaft durch die Kriege der vergangenen Jahrzehnte schwer in Mitleidenschaft gezogen worden, hinzu kam eine verheerende Dürreperiode in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre, die insbesondere zahlreiche Nomaden zur Aufgabe ihrer traditionellen Lebensweise zwang. Die schwerwiegendste Beeinträchtigung der Landwirtschaft durch Kriegsfolgen stellt nach wie vor die Verminung eines nicht geringen Teils der für Ackerbau nutzbaren Fläche Afghanistans dar; dazu kommt namentlich in den Provinzen des Südwestens (Kandahar, Helmand) auch großräumige Zerstörung der vorher vorhandenen Bewässerungsanlagen. Da Mohn im Hinblick auf Bodenfeuchtigkeit wesentlich geringere Ansprüche stellt als Weizen oder gar Reis, ist letzteres neben dem deutlich höheren erzielbaren Einkommen der Hauptgrund für die drastische Zunahme des Opiumanbaus in Afghanistan während der letzten 15 Jahre.

Die Betriebsstruktur der afghanischen Landwirtschaft ist weithin durch kleinbäuerliche Familienbetriebe mit Subsistenzwirtschaft geprägt, lediglich in den Nordprovinzen findet sich auch Großgrundbesitz in nennenswertem Umfang. Kapitalmangel und die durch das Realteilung vorsehende islamische Erbrecht begünstigte Zersplitterung der Anbauflächen in kleine und kleinste Parzellen erschweren die Mechanisierung erheblich.

Bodenschätze, Energie

Die Prospektierung und Erschließung der Bodenschätze Afghanistans steckt ungeachtet gewisser Fortschritte in den Jahrzehnten vor der sowjetischen Besetzung noch in den Anfängen; von den seit frühgeschichtlicher Zeit genutzten Lapislazuli-Vorkommen in der Provinz Badakhshan abgesehen spielt lediglich die Erdgasgewinnung eine Rolle für den Export; von den Erdgasfeldern bei Khwaja Gogerdag (Provinz Jozjan) führt seit den 1960er Jahren eine Pipeline nach Zentralasien. Erwähnenswert sind ferner Steinsalzlager bei Taloqan (Provinz Takhar) und Steinkohle bei Ishpushta (Provinz Bamiyan). Sehr ergiebige und hochwertige Eisenerzvorkommen existieren am Hajigak-Pass (Provinz Bamiyan), allerdings verhinderte bis heute neben dem Krieg die Unzugänglichkeit der Region den Abbau.

Als Brennstoffe werden traditionell Holz und Tierdung verwendet; das enorme Bevölkerungswachstum während der letzten 50 Jahre führte auch aufgrund des damit einhergehenden rapide zunehmenden Brennholzbedarfs zu einer weitgehenden Dezimierung der ursprünglich vorhandenen Wald- und Buschwaldvegetation. Die Versorgung der Bevölkerung mit elektrischem Strom, schon früher auf die größeren Städte beschränkt, ist durch den Krieg weitgehend zusammengebrochen; vorhandene Wasserkraftwerke (z. B. Sarobi, Darunta) wurden in den letzten Jahren teilweise instandgesetzt, bis jetzt ist jedoch nicht einmal der bescheidene Stand der 1970er Jahre wieder erreicht, selbst in der Hauptstadt Kabul kommt es täglich zu Stromausfällen, so dass private Verbraucher sich soweit möglich mit Dieselgeneratoren behelfen (deren Abgase wiederum zur mittlerweile erheblichen Luftverschmutzung in Kabul beitragen). In anderen Landesteilen, namentlich in den besonders unruhigen Südprovinzen, hat die mangelhafte Sicherheitslage bisher überhaupt eine Wiederinstandsetzung der Infrastruktur zur Energieerzeugung in nennenswertem Umfang verhindert - als Beispiel hierfür ist der seit Jahren zwischen Taliban und Koalitionstruppen umkämpfte Kajakai-Staudamm nordwestlich von Kandahar zu nennen.

Die Möglichkeiten zur Nutzung von Wasserkraft sind aufgrund des ariden Klimas beschränkt; Potenzial zur Ausweitung der Stromerzeugung liegt am ehesten in der Solartechnik; dazu kommt vor allem in den westlichen Landesteilen (120-Tage-Wind während der Sommermonate) die Windenergienutzung. Unter den gegenwärtigen prekären Sicherheitsverhältnissen ist jedoch an derartige Vorhaben im großen Stil vorerst nicht zu denken.

Industrie, Handwerk

Die Anfänge der Industrialisierung Afghanistans setzten um 1900 herum ein, systematische Industriepolitik begann jedoch erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Trotzdem blieben die Industrieansiedlungen bis zum Beginn der sowjetischen Besetzung unbedeutend, im Wesentlichen handelte es sich um Textil-, Lebensmittel- und Zementfabriken, die sich wiederum größtenteils auf Kabul und die nördlichen Provinzen Balkh, Kunduz und Baghlan konzentrierten. Während der nachfolgenden kriegerischen Auseinandersetzungen wurde auch die afghanische Industrie größtenteils zerstört.

Das traditionelle Handwerk spielte demgegenüber eine größere Rolle; einzelne Produkte wie etwa Teppiche waren bzw. sind inzwischen wieder für den Außenhandel relevant. An regional bedeutenden Handwerksbranchen sind bzw. waren die Messer- und Klingenherstellung in Charikar (Provinz Parwan), Keramik in Istalif (Provinz Kabul) sowie Glasereien in Herat zu nennen. Das afghanische Handwerk stand jedoch bereits in der Vorkriegszeit unter starkem Konkurrenzdruck durch importierte billige Industrieware aus Indien und China; seither ist die Produktion - wiederum natürlich auch bedingt durch die Kriegswirren und die damit verbundenen Flüchtlingsbewegungen - stark eingebrochen.

Handel,
Dienst- leistungen

Durch seine geographisch einmalige Lage als Übergangsland zwischen Vorder-, Zentral-, Ost- und Südasien bedingt war Afghanistan seit jeher ein Land des (Transit-)Handels. Dies gilt auch wieder für die Gegenwart, umso mehr, als dass zum einen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die nunmehr unabhängigen Staaten Zentralasiens sich für wirtschaftliche Beziehungen zur Außenwelt öffneten, zum anderen aufgrund der Zerstörungen der Kriegsjahre (und auch einer bislang weithin fehlenden staatlichen Industriepolitik der Regierung Karzai) wenig andere Erwerbsquellen übriggeblieben waren.

Daher wundert es nicht, dass die Profiteure der Nach-Taliban-Ära ihre (häufig im Drogenhandel entstandenen) Einnahmen vorzugsweise im Handelssektor reinvestierten, in Städten wie Kabul und Herat (weniger im nach wie vor von Kämpfen zwischen Taliban und Koalitionstruppen erschütterten Kandahar) wachsen die futuristischen Glaspaläste luxuriöser Einkaufszentren aus dem Boden, die Märkte der Städte quellen über von legalen und weniger legalen Importwaren aus Pakistan, Indien und China. Diese Renaissance des afghanischen Handels entspricht der vor allem bei den Paschtunen, der zahlenmäßig wie politisch in Afghanistan dominierenden Volksgruppe verbreitenen traditionell höheren Wertschätzung kaufmännischer gegenüber handwerklicher oder gar industrieller Tätigkeit; auch vor dem Krieg waren es Paschtunen, häufig ehemalige Nomaden, die das mit dem Bau moderner Autostraßen aufkommende Speditionsgewerbe dominierten.

Eine erste Übersicht über die Wirtschaft Afghanistans finden Sie auf der Seite Afghanistan: Wirtschaft des Auswärtigen Amtes.

Karte zu Landnutzung und Industriestandorten (JPG, 92 KB)

Mehr erfahren Sie von der Afghanistan-Seite der Weltbank.

Einen Überblick über die wirtschaftliche und finanzielle Situation und Perspektive des Landes findet sich auf der Homepage des afghanischen Finanzministeriums.

Eine weitere Quelle über den Finanzsektor ist der International Monetary Fund auf der Seite Islamic State of Afghanistan and the IMF.

Eine detaillierte Übersicht über die Entwicklungskonzepte der afghanischen Regierung (Einzelartikel zu den jeweiligen Entwicklungsbereichen) findet sich unter "Afghanistan Development Forum 2007".

Der japanische Wirtschaftswissenschaftler Manabu Fujimura von der Asian Development Bank verfaßte Anfang 2004 die erste umfassende Darstellung der Wirtschaft Afghanistans (PDF, 978 KB) seit 1978. Vom selben Autor ist außerdem eine Einschätzung der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung nach den Präsidentschaftswahlen vom Oktober 2004 (PDF-Dokument) verfügbar.

Zu Einzelthemen

Zu den größten Herausforderungen für die Entwicklung der afghanischen Nachkriegswirtschaft gehört das Problem des Drogenanbaus und -handels mit den daraus resultierenden Belastungen für die sich entwickelnde afghanische Zivilgesellschaft wie Korruption und durch Drogengelder finanzierte terroristische Aktivitäten.

Eine umfassende Einführung in die Problematik stellt die Dokumentation The Opium Economy in Afghanistan (PDF, 6,4 MB) des United Nations Office on Drugs and Crime (UNODC) dar. Einen aktuellen Überblick über die Drogenproblematik enthält der Afghanistan Opium Report der Weltbank.

Nicht minder wichtig für die Entwicklung der afghanischen Wirtschaft ist die Wiederherstellung der durch 25 Jahre Krieg weitgehend zerstörten Infrastruktur. Eine erste Übersicht (mit weiterführenden Links) hierzu gibt das Kapitel "Restoring Infrastructure" der staatlichen US-Entwicklungshilfeagentur USAID.

Unabdingbar für das Funktionieren des privatwirtschaftlichen Sektors ist auch eine verläßliche Rechtsordnung, die die Wirtschaftsakteure vor willkürlichen Eingriffen in ihre Autonomie schützt. Einen Überblick über die Probleme beim Aufbau des Rechtswesens in Afghanistan gibt der Artikel "Building a Post-War Justice System in Afghanistan" von Ali Wardak (Microsoft Word-Datei).

Entwicklungs- politische Aktivitäten

Die deutsche Entwicklungshilfe in Afghanistan hatte ihre Anfänge bereits in den 1930er Jahren; nach dem 2. Weltkrieg war Afghanistan jahrzehntelang das Land mit dem höchsten Anteil am westdeutschen Entwicklungshilfe-Etat. Nach der sowjetischen Invasion Ende 1979 ruhte die Entwicklungszusammenarbeit zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Afghanistan, um nach der Machtübernahme der Mujahedin 1992 wieder aufgenommen zu werden, wenn auch zunächst unter durch den Bürgerkrieg erschwerten Bedingungen.

Seit dem Sturz des Taliban-Regimes Ende 2001 beteiligt sich Deutschland wieder erheblich am Aufbau des Landes und an der Entwicklungszusammenarbeit mit Afghanistan. GTZ, InWEnt, DED und KFW arbeiten dabei ebenso wie zahlreiche Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) Hand in Hand.

Viele dieser NGOs haben Informationsseiten über ihre Afghanistan-Aktivitäten ins Netz gestellt, so z. B. das Deutsche Rote Kreuz, der Malteser-Hilfsdienst, das Komitee Cap Anamur und die aus ihm hervorgegangenen "Grünhelme".

Auf der Homepage des Afghan Women's Network gibt es ein alphabetisch gegliedertes, sehr umfangreiches Verzeichnis in Afghanistan tätiger internationaler NGOs (Non-Governmental Organizations).

Auch die InWEnt gGmbH beteiligt sich vor Ort an der Bewältigung von Entwicklungsaufgaben, konkret an der Verbesserung der Lebensbedingungen von Frauen: 2007 wird ein dreimonatiges Trainingsprogramm zur Berufsbildung, Beschäftigung und Arbeitsmarktperspektiven für Frauen in Afghanistan durchgeführt.

pfeil-l    zurück zur vorherigen Seite    |   weiter zur nächsten Seite     pfeil-r
 

alle Länder Homepage
Landesüberblick Staat & Politik Wirtsch. & EZ Gesellsch. & Kultur Praktisches